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"Die Insel der besonderen Kinder"
Tim Burton lässt Kinder schweben

Die Insel der besonderen Kinder im Kino: Tim Burton lässt Kinder schweben
Der Film gehört nicht zu den besten Werken von Regisseur Tim Burton. FOTO: dpa, his
Düsseldorf. "Die Insel der besonderen Kinder" heißt der neue Film des Regie-Exzentrikers. Die Ausstattung ist sehenswert, das Drehbuch indes schwach. Von Martin Schwickert

Etwas Besonderes zu sein - das ist nicht nur, aber vor allem für Jugendliche ein wichtiges Gefühl. Während die Pubertät den Körper verändert und die Hormone unbekannte Gefühle hervorbefördern, wird auch die eigene Identität neu definiert. Dabei ist die Sehnsucht, dazu zu gehören - zur Clique, zur Klasse, zur Gesellschaft, zur Welt -, genauso groß wie das Bedürfnis nach Abgrenzung vom Mainstream. Der Wunsch, in seiner eigenen, merkwürdigen Einzigartigkeit gesehen und geschätzt zu werden, ist eine treibende Kraft. Diese Erkenntnis haben sich in den letzten Kinojahren zahllose Jugendbuch-Verfilmungen und Comic-Adaptionen erfolgreich zunutze gemacht.

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Kaum eine junge Hauptfigur, die nicht eine besondere Gabe hat oder auf irgendeine Weise auserwählt erscheint. Harry Potter überlebt als Einziger den Todesfluch Voldemorts und qualifiziert sich dadurch als begnadeter Zauberlehrling, der gegen den Finsterling ins Feld zieht. Peter Parker mutiert durch einen Spinnenbiss vom schüchternen Schüler zum omnipotenten Spider-Man. Als "Unbestimmte", die nicht in die gesellschaftlich vorgeschriebenen Kategorisierungen passt, wird Tris in "Die Bestimmung" zur Kämpferin gegen ein postapokalyptisches Kastensystem. Den Spagat zwischen Individualismus und Kollektivität schafft schließlich "X-Men", wo illustre Mutanten ihre jeweiligen besonderen Fähigkeiten gemeinsam im Kampf gegen Ausgrenzung bündeln.

Mischung von "Harry Potter" und "X-Men

Mit seinem neuen Film "Die Insel der besonderen Kinder" nach dem gleichnamigen Fantasy-Roman von Ransom Riggs springt nun auch Tim Burton auf diesen Zug auf. Fairerweise muss man hier darauf verweisen, dass Burton in den mehr als 40 Jahren seines filmischen Schaffens stets ein Herz für Außenseiter hatte. In Filmen wie "Edward mit den Scherenhänden", "Ed Wood" oder zuletzt "Frankenweenie" stellte er Exzentriker und Nonkonformisten ins Zentrum.

Burton ist als Regisseur für diesen Stoff sicherlich ideal besetzt, aber leider kann die Geschichte mit den kreativen Standards des Filmemachers nicht mithalten. Als Mischung zwischen "Harry Potter" und "X-Men" präsentiert sich die Story um den jungen Jake (Asa Butterfield), der nach dem Tod seines geliebten Großvaters (Terrence Stamp) von Florida nach Wales zu jenem Kinderheim reist, in dem der Opa seine ungewöhnlichen Jugendjahre verbrachte. Dessen lebendige Geschichten von wundersamen Mitschülern mit besonderen Fähigkeiten klingen dem Enkel noch im Ohr, als er vor der Ruine des Heimes steht, das im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

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Aber es dauert nicht lange, da findet Jake den Weg in eine Zeitschleife, in der das Heim und ihre sonderbaren Bewohner weiter existieren. Jeden Tag, wenn der deutsche Bomber am Himmel erscheint, dreht die Heimleiterin Miss Peregrine (wunderbar verschroben: Eva Green) ihre Uhr zurück, verhindert das Unglück und sorgt dafür, dass ihre Schützlinge in Sicherheit immer ein und denselben Tag verleben.

So könnte es weitergehen, wenn nicht der böse Barron (Samuel L. Jackson) hinter den Zeitschleifenbewohnern her wäre. Der Verzehr von deren Augäpfeln soll ihm und seinen Monsterfreunden ewiges Leben schenken. Im hübsch schaurigen Burton-Style liegen die augenlosen Leichen am Wegesrand. In vielen Details erkennt man die skurrile Gestaltungsfreude des exzentrischen Filmemachers wieder: Der rostige, veralgte Passagierdampfer, der vom Meeresgrund hervorgeholt wird, die Totenskelette, die wiederbelebt als Kamikaze-Soldaten gegen die Bösewichte ankämpfen, die gesichtslosen Monster, die handgefertigt und nicht zusammengepixelt wirken.

Der Held bleibt blass

Aber die sichtbare Liebe zum Detail kann hier die fehlende Originalität der Geschichte nicht wettmachen. Zu deutlich wird in dem Drehbuch von Jane Goldman ("X-Men: Erste Entscheidung"/"Kingsman"), dass hier die Versatzstücke aus erfolgreichen Young-Adult-Adaptionen recycelt werden.

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Das merkt man vor allem den jungen Figuren an, die in der Luft schweben, Pflanzen in Sekundenschnelle heranwachsen lassen oder mit einem zweites Gebiss am Hinterkopf essen können, aber darüber hinaus kaum charakterisiert werden. Besonders blass bleibt der junge Held, der in die Fantasy-Welt hinein taucht, ohne wirkliche Konflikte ausleben zu müssen. Der Plot bewegt sich trotz verschlungener Zeitschleifenlogik im konventionellen Gut-gegen-Böse-Modus hin zum vorhersehbaren Showdown.

Das alles hat man mindestens schon einmal und über weite Strecken auch deutlich besser gesehen - ein Satz, den man zu einem Burton-Film noch nie schreiben musste.

Insel der besonderen Kinder, GB/B/USA 2016 - Regie: Tim Burton, mit Asa Butterfield, Eva Green, Samuel L. Jackson, FSK 12

Quelle: RP
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