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Aufwühlendes Kriegsdrama: "Die Kinder von Paris"

VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 10.02.2011 - 12:26

(RP). Sommer 1942 in Paris. Am Montmartre kreisen die Karussells mit den stolzen Holzpferden, in den Cafés amüsieren sich Franzosen wie deutsche Besatzer, Jo und die anderen Jungs stürmen durch die Gassen, als sei ihr Viertel ein Spielplatz, vor den Straßencafés machen sie Mätzchen, bis ein paar Münzen abfallen. Der Krieg scheint fern.

Doch dann müssen die Kinder gelbe Sterne auf ihre Kleider nähen, die Parks dürfen sie nicht mehr betreten, das Karussell dreht sich nicht mehr für sie. Jo und seine Freunde sind Juden, und ihnen droht Unheil in der so sommerlich heiteren französischen Metropole. Im Juli dieses Jahres ordnete die Vichy-Regierung in Paris eine Massenverhaftung an.

Auf Druck der deutschen Besatzungsmacht verhaften die Behörden innerhalb von zwei Tagen etwa 13.000 jüdische Männer, Frauen, Kinder und treiben sie in ein altes Radrennstadion, das Vélodrom d'Hiver. Ohne Wasser müssen sie dort bei brütender Hitze mehrere Tage ausharren, doch das Schlimmste beginnt erst dann. Die Familien werden deportiert, erst in ein Auffanglager, dann ins KZ. Und auf der letzten Etappe ihres Weges trennen die Nazis noch Eltern und Kinder. Die Kleinen fahren alleine in den Tod.

An das Schicksal dieser jüdischen Kinder erinnert die französische Drehbuchautorin Rose Bosch in ihrem Regiedebüt "Die Kinder von Paris". Dabei stellt sie überaus deutlich dar, wie sich französische Politiker und Beamte, aber auch manch einfacher Bürger an der Ausgrenzung und dann auch Ausweisung der Juden beteiligten. Zwar gibt es auch die Nachbarin, die von der anstehenden Razzia gehört hat und Schmiere steht im Hof, doch gegen den nächtlichen Einsatz der französischen Beamten ist sie dann machtlos, den Familien bleiben nur Minuten, um ein paar Dinge zusammenzuraffen, Flucht gelingt nur wenigen.

Süß ohne kitschig zu sein

Von all dem erzählt Rose Bosch überwiegend aus der Sicht der Kinder, was den Film besonders erschütternd macht. Sie zeigt, wie sie sich einrichten in immer barbarischeren Zuständen, wie sie im Velodrom noch fangen spielen, im Lager auf Streifzug gehen, nicht verstehen, was die Erwachsenen längst ahnen, dass diese Reise ein tödliches Ende nehmen wird. Natürlich sind die Kinderdarsteller durchweg süße Bengel mit Strupphaaren und Sommersprossen, doch entgleitet Bosch der Film trotzdem nicht ins Kitschige, weil die Dialoge der Kinder, ihre schmerzende Ahnungslosigkeit authentisch wirken.

Dazu hat die Regisseurin einige Stars versammelt. Jean Reno spielt mit würdiger Zurückhaltung einen jüdischen Arzt, der sich während der Deportation verzweifelt bemüht, die Menschen zu versorgen. Der Gedanke, dass sich die Täter eines Tages für ihr Handeln werden verantworten müssen, hält ihn aufrecht. Dazu spielt Mélanie Laurent anrührend, aber nicht pathetisch eine Krankenschwester, die ahnungslos in das Velodrom geschickt wird und zur tapferen Begleiterin der Kinder wird.

Solche Figuren nehmen dem Film natürlich einiges an Schärfe, weil sich der Zuschauer mit ihnen identifizieren kann und der Barbarei menschliche Figuren entgegengestellt werden, als hätten sich beide Pole die Waage gehalten. Insofern folgt Bosch den Konventionen der meisten Nazi-Dramen, die die Filmgeschichte bereits hervorgebracht hat. Doch Bosch erzählt detailreich und lässt einigen Figuren Zeit, sich zu Charakteren zu entwickeln, für die man sich interessieren kann, weil sie nicht nur Opfer- oder Tätermuster ausfüllen. Das bewahrt den Film davor, auf Kosten des schrecklichen Schicksals der Kinder von Paris, einfach nur Emotionen zu schüren.

Quelle: RP

 
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