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Die Muse der großen Denker

Ein Spielfilm erzählt das faszinierende Leben von Lou-Andreas Salomé. Von Renée Wieder

Als der Priester von der Kanzel predigt, Gott sei überall, kann das zerzauste Mädchen nicht mehr an sich halten. "Also ist er auch in der Hölle?" schreit Lou wütend und läuft hinaus, durch die kopfschüttelnde Menge in die gleißende Helle draußen, die sich anfühlen muss wie die neue Freiheit in ihrem Kopf. Da ist Lou 16. Sie fängt gerade an, die Grenzen ihrer Zeit zu sprengen.

Szenen wie diese sind nicht verbürgt, aber sie erzählen von der Bewunderung, die den Film trägt. Als Teenager stieß Doku-Regisseurin Cordula Kablitz-Post auf eine Biografie über Lou Andreas-Salomé (1861-1937). Seitdem blieb sie fasziniert von der Wiener Philosophin, Schriftstellerin und Psychoanalytikerin, die nach ihren eigenen Regeln lebte, lange bevor Frauen das durften. Schon als Studentin schwört Lou (Katharina Lorenz), niemals zu heiraten. Auch die körperliche Liebe lehnt sie ab, dafür schärft und poliert sie ihren Geist, bis sein Glanz andere große Denker anzieht.

Der Film bebildert das auf die gängige Art: Lou in leeren Bibliotheken Bücher wälzend, nachts fiebrig Notizen an die Zimmerwand klebend, Kippe im Mundwinkel. Paul Rée (Philipp Hauß) und Friedrich Nietzsche (Alexander Scheer) umschwärmen Lou gleich zu zweit, paddeln mit ihr in Booten über Seen und führen sie spazieren, bis sie Nietzsches Heiratsantrag ablehnt. Später verliebt Lou sich in Rainer Maria Rilke (Julius Feldmeier), bricht ihren Schwur und lebt mit ihm in wilder Ehe. Und noch mit 50 studiert sie bei Sigmund Freud, der auch von ihr so einiges lernt.

Dass Kablitz-Post aus dem reichen Stoff ursprünglich eine Dokumentation machen wollte, ist in den Details zu spüren. Ganze Dialogpassagen sind Salomés Schriften entnommen, die Bilder strahlen wie aus dem Ausstattungs-Knigge.

Weitere Salomé-Verehrer wie Gerhard Hauptmann und Frank Wedekind lässt Kablitz-Post allerdings unter den Tisch fallen, vielleicht auch, um ihre Heldin wegzurücken vom Image der femme fatale. Lou-Andreas Salomés zahllose Affären in der Zeit nach Rilke reißt der Film auch auffällig kurz, fast verschämt an und springt ansonsten etwas verkopft zwischen drei Zeitebenen hin und her.

Liv Lisa Fries überzeugt als Teenager-Lou, Nicole Heesters spielt die über Siebzigjährige, die vor den anrückenden Nazis ihre Spuren verwischt, mit Wärme. Katharina Lorenz aber macht sich Lou vollkommen zu eigen. Ihr nimmt man alles ab, das Selbstbewusstsein, die hitzigen Diskurse, den ewigen Konflikt zwischen Verstand und Gefühl. Lorenz' Klarheit gibt ihren Szenen einen Hauch Großartigkeit in einem soliden Biopic, das seiner Figur zuliebe ruhig mutiger sein und ein paar eigene Regeln hätte aufstellen können.

Lou-Andreas Salomé, Deutschland 2015 - Regie: Cordula Kablitz-Post, mit Katharina Lorenz, Nicole Heesters, Liv Lisa Fries, 113 Min.

Quelle: RP
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