Film von Bernardo Bertolucci provoziert: "Die Träumer": Angst bringt Michael Pitt nicht weiter
zuletzt aktualisiert: 21.01.2004 - 21:14München (rpo). Mit seinem Film "Die Träumer" (englischer Originaltitel: "The Dreamers") sorgte Bernardo Bertolucci schon bei der Biennale in Venedig für Aufsehen. Der sehr freizügige Film hatte Probleme in den USA, jetzt läuft er auch in Deutschland. Dörte Langwald unterhielt sich mit Hauptdarsteller Michael Pitt über den Film.
Das Thema Sexualität wird in "Die Träumer" sehr freizügig behandelt. Deshalb wurde er in den USA erst nach langen Diskussionen ungekürzt freigegeben. Warum reagieren Ihrer Meinung nach die Amerikaner so prüde auf Sex im Film?
Pitt: Die Leute fühlen sich schuldig. Sie fürchten sich vor ihrem sexuellen Bewusstsein und haben Angst vor dem, was sie entdecken könnten. Leider bedeutet das im Endeffekt, dass diese Menschen Angst davor haben, sich zu entwickeln und zu lernen.
Worin liegt für Sie der Unterschied zwischen Pornografie und künstlerischer Darstellung von Sex-Szenen?
Pitt: Um es brutal zu sagen: Beim Porno holt man sich einen runter, beim Kunstfilm kann man etwas lernen.
Und wie steht es mit Ihnen selbst? Als Schauspieler setzen Sie sich öffentlich mit Ihrer Sexualität auseinander – zumindest auf der Leinwand.
Pitt: Konfrontation ist eine Frage der Wahl. Ich hätte das Angebot ja auch ablehnen können, in diesem Film mitzuwirken. Nicht viele US-Schauspieler würden sich so einer Herausforderung stellen - aus Angst, ihr Ansehen zu verlieren. Aber Angst bringt mich nicht weiter.
"Die Träumer" spielt zur Zeit der 68er Revolte in Paris – war Ihnen dieses Stück Geschichte bekannt?
Pitt: Nein, ich habe nie eine richtige Schulbildung erfahren. Erst durch Bernardo Bertolucci erhielt ich eine Art Bildungs-Crashkurs. Ohne ihn hätte ich mir auch niemals all die großen Klassiker von Truffaut oder Chabrol angesehen, die in "Die Träumer" zitiert werden. Ich war ganz erstaunt, wie gut mir diese alten Schinken gefallen haben (lacht).
Hat "Die Träumer" eine Faszination für Kino in Ihnen geweckt, die Sie vorher nicht kannten?
Pitt: Sagen wir eher, er hat ein Bewusstsein für eine andere Generation und deren Ausdrucksform geschaffen. Ich empfinde nun auch mehr Respekt für die alten Filme. Dennoch: "Die Träumer" mag in einer anderen Zeit spielen, aber er wurde für die jungen Leute von heute gemacht - für meine Generation. Und die ist völlig anders als in den Sechzigern.
Bertolucci sagte, dass nach der 68er-Generation die Verbindung zwischen Sex und politischem Bewusstsein verloren ging. Stimmen Sie zu?
Pitt: Hilfe, in welcher Welt leben Sie eigentlich (lacht)?! Über solche Sachen machen sich die Jungendlichen von heute wohl wirklich keine Gedanken mehr. Aber im Ernst: Ich glaube trotzdem daran, dass immer die Möglichkeit besteht, eine bessere Welt zu schaffen. Und da bin ich hoffentlich nicht der einzige.
Sie machen es sich mit Ihrer Rollenauswahl nicht leicht. Sind das bewusste Karriereentscheidungen oder Zufall?
Pitt: Ich wünschte, es gäbe in meinem Leben einfache Entscheidungen. Aber die hat es nie wirklich gegeben. Ich hab schon verdammt viel erlebt. Wahrscheinlich kann ich mich deshalb nicht mit so genannten normalen Rollen identifizieren. Mich interessieren Figuren, die berühren und den Menschen richtig unter die Haut gehen. In diesem Punkt kann ich die 68er verstehen: Es ist toll, wenn man etwas verändern oder bewirken kann.
Sie sagen, Sie haben schon viel mitgemacht im Leben. Wann war der Punkt, an dem Sie sich entschieden, Schauspieler zu werden?
Pitt: Schauspielen ist die einzige Sache, in der ich je gut war (lacht). Das habe ich als Zehnjähriger im Sommercamp entdeckt. Wenn ich spiele, vergesse ich die Realität - als ob ich mich an einen anderen Ort beame. Schauspielen berauscht mich wie eine Droge. Eine Droge, von der ich nicht loskommen möchte.
Schauspielen als eine Art Flucht?
Pitt: Schauspielen kann für mich alles sein: Droge, Flucht - aber auch Bewusstsein. Sogar eine Ejakulation!
Wie beeinflusst ist ein junger Mensch wie Sie vom plötzlichen Ruhm?
Pitt: Ganz ehrlich: Es ist schwer, bei sich selbst zu bleiben, wenn die Leute einem ständig den Arsch küssen. Viele Stars verlieren dabei ihre Selbsteinschätzung. Ich hoffe, dass ich niemals vergesse, wer ich eigentlich bin und wo ich herkomme. Hey – ich bin Michael, der Junge aus Jersey!
Von Dörte Langwald
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