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Dokumentarfilm über Geisterdorf
Die Welt, die nicht mehr sein darf

Die Welt, die nicht mehr sein darf
Ein Silvio sitzt nicht, ein Silvio arbeitet. FOTO: Mathias Schulze
Düsseldorf. Tom Lemke hat für einen Dokumentarfilm elf Jahre die letzten Bewohner eines Dorfes begleitet, das einem Tagebau weichen muss. Was hat er aus dieser Zeit mitgenommen? Von Sebastian Dalkowski

Sie waren nur noch Geister in einem Ort, der längst aufgehört hatte zu existieren. Als Ende der 90er alle anderen Einwohner fortgezogen waren, weil der Tagebau im Süden von Sachsen-Anhalt immer näher kam, entschlossen sich diese drei Männer zu bleiben, so lange es eben ging: Der Landwirt Silvio, der Schmied Dieter und Norbert, der leider bald versterben würde.

Der Dokumentarfilmer Tom Lemke (39) hat diese drei Männer mit der Kamera begleitet. Silvio sogar elf Jahre lang. "Land am Wasser" (Trailer hier ansehen) erhielt den Preis als bester deutscher Dokumentarfilm beim "Dok Leipzig". Doch wie viele Menschen die Gelegenheit haben werden, den Film zu sehen, ist noch unklar. Er hat bisher keinen Verleih fürs Kino gefunden, es gibt nur vereinzelte Vorstellungen (19. Juni in Weimar, 22. Juni in Hamburg) – für den Sommer ist immerhin eine Veröffentlichung auf DVD angekündigt. Waren diese elf Jahre etwa vergebens?

Wenn Sie Silvio jetzt anriefen – wo würden Sie ihn erwischen?

Tom Lemke Jedenfalls nicht auf der Couch. Vielleicht auf dem Feld. Jetzt ist die Zeit, wo sie aussähen.

Sie haben Silvio elf Jahre begleitet. Vermissen Sie ihn?

Lemke Seine Art, im Alltag mit kleinen Problemen umzugehen, hat mich fasziniert. Wenn ich private Probleme hatte, war es gut, ihm dabei zuzusehen, wie er sich mit kleinen Sachen in dieser bedrohten Welt beschäftigt hat – das hat mir immer sehr viel Mut gemacht. Was die Filmerei mit ihm betrifft, habe ich losgelassen.

Wann war Ihnen klar, dass Sie genug gedreht hatten?

Lemke Als ich merkte, dass sich Silvio von da unten gelöst hat. Damals sprach er im Interview zum ersten Mal bewusst aus, gehen zu wollen.

Haben Sie noch Kontakt zu ihm?

Lemke Wir haben neulich noch telefoniert, weil der Film in Hohenmölsen gezeigt wird, in der Nähe seines alten Heimatdorfes. Alle haben ihn angequatscht, weil die Karten ausverkauft waren. Es war Ausnahmezustand in Hohenmölsen. Aber mit Aufmerksamkeit hat Silvio es nicht so. Deshalb wollte er von mir wissen, was er den Leuten sagen soll, die noch Karten haben wollen.

Ist er umgezogen?

Lemke Ja, er ist weg. Das Haus steht auch nicht mehr. Momentan sind noch die Archäologen da, weil es dort im Mittelalter die "Schlacht bei Hohenmölsen" gegeben hat. Danach kommen die Bagger. Silvio hat ein Ausgleichsgrundstück in der Nähe erhalten. Die Felder hat er alle nicht mehr. Damals war der Wegzug der anderen Bewohner ein Glück für ihn, weil er so neue Flächen bekam. Landwirtschaft kann er nur noch in kleinem Maß betreiben. Er hilft mal da und dort aus. So verdient er seinen Lebensunterhalt.

Wie sind Sie überhaupt auf Silvio gestoßen?

Lemke Ein Kumpel von mir hatte damals in der Gegend gedreht, weil die Bundeswehr dort Übungen machte. Deshalb standen die Häuser noch. Er sagte zu mir: Da wohnt noch jemand. Deshalb bin ich mit einem befreundeten Kameramann hin gefahren – und da huschte Silvio in sein Haus. Später hat er pfeifend seine Hühner gefüttert, als wäre es das normalste der Welt, in einem Geisterdorf seine Hühner zu füttern. Und dann hörten wir aus einem anderen Haus Musik und Hämmern. Das kam von Dieter, dem Schmied. Da war uns klar: Hier können wir was machen.

Und mit diesem Plan sind Sie gleich zu ihm hin?

Lemke Silvio war den ganzen ersten Tag unterwegs. Wir haben ihn nicht zu fassen bekommen. Der dritte Protagonist, Norbert, hat uns erst mal alles erklärt. Irgendwann haben wir sie gefragt, ob wir einen Film über sie machen können. Sie haben gesagt "Macht doch", aber es war ihnen völlig egal. Das hat sich bis zum Schluss nicht geändert. Silvio konnte sich nicht vorstellen, was an seinem Leben interessant sein könnte. Als wir drei Wochen später mit einer Kamera zurückkamen, haben sie uns an ihrem Alltag teilhaben lassen, ohne dass sie ihren Tagesablauf nur im Ansatz für uns geändert hätten. Das war wichtig, um eine authentische Geschichte zu bekommen.

Was hat Sie an Silvio so fasziniert?

Lemke Ich habe viele Parallelen zu meinem Leben gefunden. Es steht eine große Veränderung in der eigenen Welt an, die sich durch den Braunkohlebagger versinnbildlicht. Um sich nicht damit auseinanderzusetzen, tut man die Dinge, die man sonst auch so tut. Das kam mir bekannt vor.

Was haben Sie denn vor sich hergeschoben?

Lemke Zum Beispiel ist meine Mutter während der Dreharbeiten gestorben. Das war ein sehr großer Verlust, und ich bin viele Fluchtwege gegangen, bevor ich angenommen habe, was mir das Leben so aufgedrückt hat. Bei Silvio habe ich mich gefragt, wann er denn endlich reflektieren würde, was bald geschehen würde. Irgendwann musste das mal in den Alltag eingreifen. Als wir 2003 anfingen, war das noch weit weg. Dieter sagte damals: "Bis dahin habe ich einen Schaufel Dreck in der Fresse."

Silvio wirkt nicht wie jemand, der über so etwas häufig spricht.

Lemke Es war viel Glück dabei, in den ruhigen Momenten dabei zu sein, in denen Silvio darüber nachgedacht hat. Faszinierend war, dass diese kleinen Alltagsgeschichten die Behauptung gegen die Zerstörung seines Lebens waren. Dann war auf einmal die Schraube vom Mähdrescher entscheidend oder 200 Gänse in drei Wochen zu schlachten. Das war das Aufrechterhalten von Lebenssinn. Dinge zu machen, die nicht entfremdet sind. Handarbeit. Der Film zeigt auch, dass so eine Welt in Gefahr ist.

Ist Silvio freiwillig gegangen?

Lemke Sie haben ihm schon eine Frist gesetzt. Die Frau, die dafür verantwortlich war, ging in Rente und wollte das vorher geklärt haben.

War Silvio nie verheiratet?

Lemke Wenn man ihn darauf angesprochen hat, spielten Frauen für ihn keine Rolle. Er sagte, dass er sowieso keine in die Gegend bekommen würde. Es wolle ja niemand so leben. Damit hatte er sich arrangiert.

Welche Geschichte wollten Sie mit dem Film erzählen?

Lemke Das Tagebau als solcher war nie ein großes Thema. Am Anfang waren es die Leute. Es sollte zunächst ein Porträt über den Menschenschlag in der Region werden. Mit der Zeit wurde es dieses Bild einer bedrohten dörflichen Welt, eine kleine Blüte Leben, die sich hält. Eine Eroberung des Nutzlosen, die trotzdem Sinn hat. Deshalb ist auch der Bagger nur einmal zu sehen. Es hätte aber auch eine andere Bedrohung sein können. Der Verlust der Heimat spielte ebenfalls keine Rolle. Silvio und Dieter haben ihrer Heimat nie hinterher getrauert. Sie haben es angenommen, weil sie es sowieso nicht hätten verhindern können. Wenn ich da als jemand gekommen wäre, der in der Stadt aufgewachsen ist, und hätte eine Geschichte über den Verlust der Heimat erzählt, wäre das nur meine verklärte Perspektive gewesen.

Sie haben sich auch gegen einen anklagenden Ton entschieden. Es ist nicht die Geschichte: Die böse Wirtschaft gegen die kleinen Leute. Trotzdem war der Wegzug ein Verlust für Silvio. Wie ist er damit umgegangen?

Lemke Den Verlust empfindet er schon, einfach, weil er die Flächen nicht mehr hat. Sein großer Vorteil ist, dass er nicht zurückschaut. Diese melancholischen Phasen, die ich von mir selbst kenne, hat Silvio überhaupt nicht. Er sagt: Ich kann mich am nächsten Baum aufhängen, aber es ändert eh nichts, also gehe ich die neuen Wege.

Ist Silvio einsam?

Lemke Nein. Seine Hunde sind ihm wichtig, das ist sein sozialer Kontakt. Für die tat ihm der Umzug auch leid. Selbst da hat er nicht über seine eigene Situation nachgedacht, sondern nur darüber, wie es den Hunden mit den neuen Nachbarn ergeht.

"Land am Wasser" hat bisher keinen Verleih gefunden. Sie müssen selbst dafür sorgen, dass er in einigen Kinos gezeigt wird. So wie die Bagger das Land wegschaufeln, so scheint auch das Interesse am Dokumentarfilm zu schwinden.

Lemke Dokumentarfilme im Kino sind keine kommerzielle Geschichte. Selbst ich, der Dokumentarfilme macht, sehe mir Dokumentarfilme meist auf Festivals an und nicht im Kino. Außerdem glaube ich, dass viele durch die Inhaltsbeschreibung gedacht haben, es gehe bloß um Tagebau, und deshalb keine aktuelle Brisanz gesehen haben. Dabei geht der Film darüber hinaus.

Der MDR könnte den Film im Fernsehen zeigen.

Lemke Der MDR war in zwei Gesprächsrunden dabei, zum ersten Mal zu Drehzeiten. Damals hat der Sender der Sache nicht so vertraut, weil nicht klar war, was herauskommen würde. Das habe ich nachvollziehen können. Dann hat "Land am Wasser" den Preis als bester deutscher Dokumentarfilm beim Dok Leipzig gewonnen, und wir hatten noch ein Gespräch – aber auch da kam ein Nein. Das ist eine kritische Entwicklung. Schließlich ist ein regionales Thema.

Warum will der MDR denn nicht?

Lemke Ich kann nur spekulieren, weil mir niemand die genauen Gründe genannt hat. Es kann sein, dass zu wenig Sendeplätze da sind. Es kann sein, dass es die individuelle Entscheidung von ein, zwei Personen ist. Vielleicht glauben sie, dass es sich niemand ansieht. Aber ich kann ja eh nichts ändern. Wie Silvio sagt "Ich kann mich am nächsten Baum aufhängen, aber es ändert nichts."

Sehen Sie das wirklich so nüchtern wie Silvio? Wenn ich jemanden elf Jahre mit der Kamera begleite, möchte ich schon, dass das möglichst viele Leute sehen.

Lemke Nur zum Teil. Bei meinem Film sehe ich, dass es nicht viele Möglichkeiten gibt. Ich sage aber auch, dass es für nachfolgende Projekte schwierig ist, wenn der Haussender vor der Tür die Themen der Region nicht aufnimmt. Ich kämpfe jeden Tag dafür, dass sich das ändert.

Gehen Sie doch zu Netflix.

Lemke Da gäbe es ein Problem bei den Untertiteln. Der Film hat für das Dok Leipzig zwar schon englische Untertitel bekommen, aber die geben noch nicht wieder, was in dem Film steckt. Das ist relativ statisch. Dieser Humor, dieser Slang muss in die Untertitel.

Ich hätte auch nichts gegen deutsche Untertitel gehabt. Die Protagonisten sprechen mit starkem Dialekt.

Lemke Die Frage stand im Raum. Aber ich wollte es nicht, weil ich erstens dieses ständige Mitlesen störend finde und zweitens ist es eine Sprache, die eine kulturelle Geschichte hat. Es ist eine Sprache, die es vielleicht nicht mehr lange geben wird, eine Mischung aus Sächsisch und Thüringisch. Mit Untertiteln hätte ich der Sprache ihren Wert genommen.

Was können diese Langzeitbeobachtungen im Gegensatz zu anderen Dokumentarfilmen vermitteln?

Lemke Es ist ein Kontrast zu Filmen, die auf den Effekt zielen. Ich möchte zeigen, dass es auch anders geht. Dass man den Menschen nahekommen, sich Zeit nehmen kann. Nicht bloß das bestätigen, was wir ohnehin schon denken. Viele Redaktion geben schon ein Bild vor. Dabei hat jeder Mensch seine eigene Geschichte.

Was haben Sie persönlich aus den elf Jahren mitgenommen?

Lemke Ich habe angefangen, meinen Balkon zu bepflanzen. Einfach gießen und gucken, wie die Blumen wachsen.

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