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Inglourious Basterds, Brad Pitt Panorama, AP 2009-0819
  Foto: UPI, AP
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Quentin Tarantinos Naziklamotte "Inglourious Basterds": Dieser Krieg geht anders aus

VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 20.08.2009 - 10:30

(RP). Quentin Tarantino protestiert mit "Inglourious Basterds" gegen den Ausgang der Geschichte. Das Werk schreibt die Nazi-Zeit um und wirkt gerade deshalb befreiend. So unterscheidet der Film sich von Produktionen wie "Der Untergang" grundlegend: Er ist ein Kunstwerk.

 Foto: Universal
Foto: Universal

Was man derzeit im Kino beobachten kann, ist eine wohltuende Tendenz zur historischen Selbstermächtigung, und der Höhepunkt dürfte nun mit Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds" erreicht sein. Der Film thematisiert auf unerhörte und dreiste Weise Nazi-Deutschland. Er greift einzelne Aspekte heraus, schert sich nicht um den Zusammenhang, und vor allem um den verbürgten Ausgang nicht, denn er will nur eines: etwas erfinden, wovon man sich wünscht, dass es sich zugetragen hätte. In diesem Fall: einen geglückten Akt des Widerstands, der den Krieg beendet. Alle Nazis in diesem Film werden bestraft, ähnlich grausam und pervers, wie sie ihre eigenen Prozesse und Verurteilungen inszenierten.

Es geht – grob skizziert – in "Inglourious Basterds" um den Racheakt einer jüdischen Frau, die als Mädchen den Schergen des SS-Jägers Hans Landa (Christoph Waltz) entkommen ist. Und um die parallel geführte Geschichte einer amerikanisch-jüdisch-deutschen Widerstandsbande unter Leitung von Brad Pitt, die dasselbe Ziel verfolgt: die Führungsriege um Hitler töten. Goebbels und Co. werden von deutschen Schauspielern als Chargen dargestellt – pathetisch, monströs, exaltiert, pompös, pervers und lächerlich.

Besonders lohnenswert ist dabei ein Blick auf Martin Wuttke, der die Rolle des Hitler übernommen hat. Der 47-jährige TV-Ermittler im "Tatort"-Leipzig und Star des Berliner Ensembles, wo er seit 15 Jahren Hitler in Brechts "Arturo Ui" spielt, legt die historische Figur als Kasperl an. Er gibt ihm ein wieherndes Lachen, gönnt ihm eine Weltabgewandtheit im Zentrum der Gegenwart, die märchenhaft anmutet. Etwas Traumwandlerisches hat er, und in den entscheidenden Momenten blitzt Abstoßendes, Brutales auf. Dass ein deutscher Schauspieler Hitler derart auf die Leinwand bringen kann, war vor zehn Jahren noch undenkbar.

Lange herrschte in Bezug auf die Darstellung Hitlers ein Bilderverbot im deutschen Film. Während im angelsächsischen Raum die Rolle mit einiger Lust seit den 30er Jahren schon zwischen grotesk und getragen von Schauspielern wie Charlie Chaplin ("Der große Diktator", 1940), Alec Guinness ("Hitler – die letzten zehn Tage", 1973) oder Anthony Hopkins ("The Bunker", 1981) interpretiert wurde, mochte man sich hierzulande kein Bildnis machen. Noch 1980 inszenierte Rainer-Werner Fassbinder in "Lilli Marleen" die Begegnung seiner Hauptfigur mit Hitler als Leerstelle. Sie steigt die Treppe hinauf, eine Tür geht auf, der Zuschauer weiß, dass dahinter Hitler steht, doch er sieht ihn nicht.

Erst allmählich trauten sich Filmemacher an das Thema heran, und seit kurzer Zeit spielen sie gleichsam damit und befreien die Allgemeinheit von einer historischen Neurose. Etwa, wenn auch unfreiwillig, mit Oliver Hirschbiegels dokumentarisch inspiriertem "Der Untergang" (2004). Bruno Ganz' überintensives Spiel, das in seinem uniformiertem Ernst und der urbösen Tiefe zwar harte Arbeit war, aber doch nicht schaudern ließ, sondern auf viele im Gegenteil karikierend wirkte, setzte den Maßstab. Völlig anders und doch auf Ganz bezogen agierte Helge Schneider in Dani Levys leicht depressivem "Mein Führer" (2007). Der Komiker Schneider legt eine anmutige Geistesabgewandheit über seine Figur, er macht daraus einen Angsthasen und Bettnässer, und am Ende des Film kommt einem der Gedanke: Schneider spielt eigentlich nicht Hitler, sondern Ganz beim Hitler-Spielen.

Im Gegensatz zu "Mein Führer", dessen Regisseur in Ansätzen dasselbe will wie Tarantino, geht "Inglourious Basterds" weiter, ist radikaler und mutiger. Levys Werk war ein Ereignis, weil darin zum ersten Mal im Mainstream-Kino seit 1945 Hitler ein bedauernswerter Typ ist. Die aktuelle Produktion stellt den "Führer" ebenfalls als unfähig dar, als Zurückgebliebenen. Wuttke spielt Hitler im Bewusstsein, ihn nach Ganz und Schneider zu geben, und erweitert deren Deutungen noch. "Inglourious Basterds" ist als Farce totale Subversion und so aggressiv, dass er die jahrelange Ohnmacht diesem Thema gegenüber erfolgreich bekämpft. Wenn man so will, reißt er eine Wunde auf, die betäubt worden ist, mit der leichtfertigen Selbstversicherung des "So was passiert nie wieder". Tarantino will mehr, er will die Wahrheit.

Man kann natürlich auch mit Argumenten der Vernunft Geschichtskino machen. Das endet dann aber leicht im Genre Unterhaltung wie im Fall von "Operation Walküre" mit Tom Cruise. Unterhaltung beruhigt. Solche Filme sind jedoch nicht nur kein Kunstwerk, sie sind auch keine echte Geschichtsbetrachtung. "Inglourious Basterds" schaut man unter Schmerzen. Aber nur wer gegen den Ausgang der Geschichte, wie sie in den Lehrbüchern steht, protestiert, nimmt sie in angemessener Weise ernst. So ergibt sich im respektlosen Umgang mit der Historie "eine neue Möglichkeit, die sogenannte Wirklichkeit zu betrachten", wie Hauptdarsteller Christoph Waltz im Interview sagt. "Tarantino eröffnet eine neue Perspektive auf die Welt – es ist der künstlerische Prozess schlechthin." Erst die Perspektive bestimmt die Wirklichkeit. Das ist die Quintessenz dessen, was Kino kann.

Quelle: RP

 
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