USA: Diesmal macht es Oscar spannend
VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 15.01.2008 - 10:01Düsseldorf (RP). Keine Stars bei der Golden-Globe-Vergabe im Jahr des Autorenstreiks, aber Gewinner: Julie Christie wird beste Hauptdarstellerin, Daniel Day-Lewis bester Darsteller. Kein Film wird mit Preisen überhäuft, damit bleibt das Rennen um die Oscars offen.
Es ist tatsächlich geschehen: Ohne große Show, ohne Stars auf rotem Teppich, ohne großes Gefühl beim Dankesagen und Trophäenheben sind in Los Angeles die Golden Globes vergeben worden. Jene Film- und Fernsehpreise, die alljährlich von den ausländischen Kritikern in Hollywood verteilt werden und nur darum so wichtig sind, weil sie als Hinweise darauf gelten, wer in etwa einem Monat die Oscars bekommt. Weil die Schauspielstars in Hollywood sich mit den streikenden Drehbuchautoren solidarisierten und ihre Teilnahme an der sonst so glamourös besetzten Zeremonie absagten, wurden die Globe-Gewinner diesmal nur verkündet: Umschlag öffnen, Namen nennen, Filmausschnitt gucken, das war’s.
Und als hätte die nüchterne Prozedur sich auf die Ergebnisse niedergeschlagen, gibt es in diesem Jahr keinen alles überstrahlenden Gewinner bei den Golden Globes. Die britische Literaturverfilmung „Abbitte“ mit Keira Knightley und James McAvoy wurde zwar als bestes Drama ausgezeichnet, doch beide Hauptdarsteller gingen überraschend leer aus. Die begehrten Preise bekamen Julie Christie für ihre ergreifende Darstellung einer Alzheimerkranken und Daniel Day-Lewis, der in dem historischen Drama „There will be Blood“ einen rücksichtslosen Ölbaron spielt.
Damit bleibt das Oscar-Getuschel spannend. Zwar steht nun Julie Christie an der Spitze der Anwärterinnen auf den Oscar, es wäre ihr zweiter nach dem für „Darling“ 1966. Doch so sicher gesetzt wie Helen Mirren im vergangenen Jahr für ihre Verwandlung in die Queen ist Christie nicht. Schließlich sind wohl Stars wie Julia Roberts, Angelina Jolie und Keira Knightley im Rennen. Außerdem überzeugte die Französin Marion Cotillard als Edith Piaf in „La Vie En Rose“; als Außenseiterin könnte auch Ellen Page plötzlich einen Oscar in den Händen halten für ihre Darstellung einer schwangeren 16-Jährigen, die nach den perfekten Adoptiveltern für das Kind in ihrem Bauch sucht. Und da ist noch Cate Blanchett, der viele für ihre Nebenrolle als Bob Dylan einen Preis zutrauen.
Bei den Männern werden bei der Oscar-Nominierung am 30. Januar wohl die Namen Daniel Day-Lewis, Johnny Depp und Emile Hirsch fallen. Letzterer hungerte für die authentische Darstellung eines Aussteigers in „Into the Wild“, bis seine Rippen zu zählen waren. Auch Denzel Washington als Drogenboss in „American Gangster“ und George Clooney in „Michael Clayton“ sind wohl mit von der Partie.
Und für den besten Film werden die Coen-Brüder hoch gehandelt. Sie bekamen für ihren Drogendealer-Western „No Country for Old Men“ den Drehbuchpreis. Aber neben „Abbitte“ stehen auch „There will be Blood“ und „Into the Wild“ hoch im Kurs. Beim besten ausländischen Film dürfte es für den deutschen Beitrag „Auf der anderen Seite“ von Fatih Akin eng werden. Schließlich hat Julian Schnabel für sein Kunststück, in „Schmetterling und Taucherglocke“ einen ganzen Film aus der Perspektive eines Mannes zu drehen, der nach einem Schlaganfall nur noch durch Augenzwinkern kommunizieren kann, gleich zwei Globes bekommen.
Bleibt die Frage, ob die Oscarnacht in diesem Jahr ebenfalls zu einer kargen Pressekonferenz wird, wenn Gagschreiber streiken und die Stars sich solidarisieren. Noch gibt sich die Gewerkschaft der Autoren stur, fordert eine Verdoppelung der Tantiemen aus den Erlösen der DVD-Vermarktung von Filmen sowie Beteiligung an den Einnahmen aus Internet- und Mobiltelefonverbreitung von Shows und Filmen. Doch inzwischen qualmen erste Friedenspfeifen an der Streikfront: Der Produzent der Letterman-Show ging auf die Forderungen ein, ebenso Tom Cruise’ Firma United Artists. Schwer vorstellbar auch, dass Hollywoods wichtigstes und narzistischtes Großereignis so einfach zur Vorlesestunde verkommen soll. Von den Golden Globes allerdings hätte das bis vor kurzem auch keiner gedacht.
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