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Doris Dörrie reist nach Fukushima

Die Handlung ihres neuen Spielfilms lässt die Regisseurin in einem von der Atomkatastrophe gebeutelten Japan spielen. Von Cordula Dieckmann

Fünf Jahre ist die Katastrophe von Fukushima nun her. Am 11. März 2011 erschütterte ein gewaltiges Erdbeben die Region. Ein Tsunami überrollte das Land, und im küstennahen Atomkraftwerk kam es zur Kernschmelze - mit verheerenden Folgen. Rund 18.500 Menschen starben, der Landstrich wurde durch das Beben und die Wassermassen verwüstet und obendrein radioaktiv verstrahlt. Die Regisseurin Doris Dörrie setzt den Toten nun ein filmisches Denkmal, mit Rosalie Thomass als junger Frau, die der letzten Geisha Fukushimas in ihren dunkelsten Stunden beisteht und mit eigenen Ängsten konfrontiert wird. "Grüße aus Fukushima" wurde im Katastrophengebiet gedreht und schildert mit eindrücklichen Bildern in Schwarz-Weiß die Gefühlsstarre, in der viele Überlebende immer noch verharren, und macht die Leere spürbar, die geliebte Menschen durch ihren Tod hinterlassen haben.

Marie will in Japan für die Organisation "Clowns4Help" arbeiten. Mit Moshe (Moshe Cohen) will sie die leidgeprüften Bewohner der Präfektur Fukushima zum Lachen bringen, die dort in Notunterkünften hausen. Sie sind die Übriggebliebenen. Die Jungen haben das Gebiet verlassen. Doch Maries Späße kommen nicht an, trägt sie doch selbst einen großen Kummer mit sich herum, den Verlust ihrer großen Liebe.

Durch einen Zufall lernt sie Satomi (Kaori Momoi) kennen. Die alte Frau ist die letzte Geisha Fukushimas und will in ihr zerstörtes Haus zurückkehren. Marie folgt ihr in eine gespenstische Einöde. Zusammen bauen sie Satomis Haus notdürftig wieder auf. Dabei nähern sie sich einander an und versuchen, ihre Differenzen zu überwinden und sich gegenseitig Halt zu geben. Doch die Geister der Vergangenheit lassen sie nicht ruhen.

Doris Dörrie und ihr Kameramann Hanno Lentz verweben Satomis und Maries Schicksale zu einer traumgleichen Geschichte voller Poesie, aber auch voller Abgründe. Es geht vor allem darum, das Alte loszulassen und Neues zu wagen. Und trotz allen Leids Haltung zu bewahren. Auch wenn vieles bedrückend ist, gelingt Dörrie das Kunststück, ihrem Film trotzdem Leichtigkeit und einen subtilen Humor zu verleihen - nicht zuletzt dank Rosalie Thomass und Kaori Momoi. Geradlinig, natürlich und ohne Pathos spielen sie ihre Rollen und verleihen ihnen dadurch Überzeugungskraft.

Satomi leidet vor allem unter dem Schuldgefühl, überlebt zu haben. Halt findet sie in den strengen Regeln der japanischen Teezeremonie. Mühevoll versucht die zierliche Frau, Marie etwas von ihrer Eleganz und Feinheit zu vermitteln, aber verzweifelt schon allein daran, wie diese groß gewachsene Deutsche die Teetasse in die Hand nimmt - ein komischer Moment. "Du bist ein Elefant, zu groß für mein Haus", wirft sie Marie vor, nur um gleich darauf versöhnlich zu werden. "Training. Es ist nur Training. Sogar ein Elefant kann trainieren." Tatsächlich hat Satomi Erfolg, auch wenn Marie nie die Perfektion einer Geisha erreichen wird. Aber die Japanerin macht deutlich, worauf es beim Teetrinken ankommt: "Nur der Moment, sonst nichts."

Dörrie hat schon mehrmals in Japan gedreht, etwa ihr vielfach ausgezeichnetes Drama "Kirschblüten - Hanami" aus dem Jahr 2008. Als die Filmemacherin das Land nach der Atomkatastrophe 2011 erneut bereiste, hatte sie ein berührendes Erlebnis. "Ich habe einen alten Mann gesehen, der auf den Fundamenten seines zerstörten Hauses stand", erinnert sich Dörrie. "In unserem Gespräch hat er diesen einen Satz gesagt: "Ich kann es nicht begreifen, was mir zugestoßen ist".

Wie geht man mit solchen Erinnerungen um? Das ist die Frage, um die die Gedanken in dem Film kreisen, bei Marie, aber auch bei Satomi, die im Ringen um Antworten erkennt: "Es gibt keinen Ausweg. Dies ist dein einziges Leben."

Grüße aus Fukushima, BRD 2016 - Regie: Doris Dörrie, mit Rosalie Thomass, Kaori Momoi 108 Min.

(dpa)
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