Berlinale-Blog 2012: Echte Fans ertragen die Kälte für Tickets
VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 09.02.2012 - 17:09Berlin (RPO). Wirkliche Fans nehmen für ihre Leidenschaft immer Schmerz auf sich. Das gilt auch für Filmfans. Beobachten kann man das in Berlin abseits der Glamour-Meile im Keller einer Einkaufspassage gleich neben dem Berlinale Palast.
Da liegen in der Früh, wenn alle Geschäfte noch mit Stahlrollos verrammelt sind, Menschen in Schlafsäcken auf dem Boden. Und zwar hübsch einer nach dem anderen. Und am Ende dieser ordentlichen Reihe steht das Tickethäuschen der Berlinale. Echte Filmfans wollen eben nicht irgendwelche Streifen sehen, Tickets von der Resterampe. Echte Fans haben sich ihr persönliches Festival-Programm sorgsam ausgetüftelt und darum kampieren sie vor dem Kartenschalter, um ordentlich zu ordern.
Natürlich ist das auch Event. Man kommt gut ins Gespräch mit anderen Filmophilen, hat Thermokannen dabei und Isomatte. Das Ganze ist auch Sit-In – eine Demo der Cineasten. Ganz beschämt schleicht man an diesen Leidenschaftlichen vorbei. Man hat ja diesen magischen Ausweis um den Hals, der Journalisten Zugang zu allen 400 Filmen gewährt, die sie schauen möchten.
Das Weltkino kommt
Und heimlich, ganz heimlich keimt da so ein Glücksgefühl in einem auf: Das Weltkino steht einem offen. Nie wieder wird man klagen über Festival-Stress und Schlafmangel. Das hier ist großartig. Nie taucht man in so kurzer Zeit in so viele Lebenswege ein, sieht so viele Schauspieler, die ihr Publikum bezwingen wollen, so viele Regisseure, die aus der ganzen Welt nach Berlin gekommen sind, um herzuzeigen, wofür sie in den vergangenen Jahren gebrannt haben.
Mike Leigh muss das ähnlich empfinden. Der britische Regisseur, Mitbegründer des New British Cinema, ist in diesem Jahr der Vorsitzende der Jury. Bei seinem ersten Auftritt vor den Journalisten schaut er gelassen wie eine alte Eule auf die Menge, sagt all die erwartbaren Dinge – dass es eine Ehre ist, in Berlin zu sein und Jurychef und Filmrichter – und dann rückt er plötzlich ganz noch vorn auf seinen Stuhl, biegt das Mikro ganz nah an sein Gesicht und sagt mit sehr fester Stimme: „Ich glaube, dass Hollywoods Macht bröckelt. Das europäische Kino ist im Aufwind, die Menschen interessieren sich für das unabhängige Weltkino – und das ist eine gesunde Entwicklung.“
Und da lächelt sogar Charlotte Gainsbourg neben ihm, die die ganze Zeit mit ihrer unnachahmlichen Entrücktheit ins Nichts geschaut hatte. Als ginge sie das alles nichts an. Auch Gainsbourg sitzt in diesem Jahr in der Jury und das mit der Rückkehr des europäischen Autorenkinos scheint der neuen Lieblingsdarstellerin von Lars von Trier zu gefallen. Uns auch. Ja, lasst Hollywoods Blockbuster-Superstars mal schön im Sommer nach Cannes pilgern oder ihre Yachten in Venedig festmachen, im schneegrauen, kalten Berlin trifft sich das Weltkino, die Regisseure, die sich nicht scheuen, eine Botschaft zu haben.
Wir werden sie noch verfluchen in den nächsten Tagen, wenn der Festival-Blues um sich greift. Aber heute ist nur Vorfreude auf ein Festival, das vielleicht tatsächlich mal ein politisches werden könnte. Dafür würden wir sogar im Schlafsack in der Passage kampieren.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum






