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Ulrich Mühe gestorben: Ein deutsch-deutsches Leben

VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 25.07.2007 - 18:36

Düsseldorf (RP). Im Alter von 54 Jahren ist der Schauspieler Ulrich Mühe in Walbeck in Sachsen-Anhalt an den Folgen seiner schweren Magenkrebs-Erkrankung gestorben. In dem Oscar prämierten Film "Das Leben der anderen" spielte er eine Hauptrolle­ und ein Stück des eigenen Lebens.

Er hatte diesen scheuen wehmütigen Blick: Wasserblaue Augen, die immer ein wenig von Ferne zu schauen schienen und doch aufmerksam wirkten, anteilnehmend, wissend, wach. Darum war Ulrich Mühe so überzeugend, wenn er diese stillen Charaktere spielte, deren Verletzungen tief verborgen schienen und doch sichtbar waren in seinem Gesicht, in den zurückhaltenden Gesten, in der Haltung, die leicht in sich versunken und doch gerade war. Schauspieler, die einen ganzen Charakter in ihren Blick füllen können, die darstellen, ohne zu spielen, vermitteln ihre Rollen ohne Distanz ­ einfach direkt ins emotionale Zentrum ihrer Zuschauer. Solche Darsteller sind selten. Solche Darsteller fehlen, wenn sie plötzlich nicht mehr auf der Bühne oder vor der Kamera stehen.

Ulrich Mühe wird fehlen. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist er bereits am Sonntag in seiner Heimat Walbeck in Sachsen-Anhalt gestorben. Mühe wurde 54 Jahre alt. Seine Familie bestätigte, dass er am Mittwoch dort auch beigesetzt wurde -­ so wie es sein Wunsch war: Nur seine Familie war dabei, konnte unbehelligt von ihm Abschied nehmen.

Das öffentliche Interesse an Mühes Erkrankung war groß gewesen. Seit Monaten war über seine Magenkrebs-Erkrankung spekuliert worden, weil er auffällig mager geworden und seit der Oscar-Verleihung in Los Angeles nicht mehr öffentlich aufgetreten war. Es ist ein tragisches Zusammentreffen, dass er ausgerechnet in der Zeit, da der Stasi-Film "Das Leben der Anderen" für den Oscar nominiert wurde, die Diagnose Krebs bekam.

Mühe ist es wesentlich zu verdanken, dass der Film am Ende die begehrte Auszeichnung bekam. Es war seine Rolle: Der zweifelnde Stasi-Offizier, dem die Aufgabe als perfekter Spitzel langsam entgleitet, weil das Leben der Anderen Mitgefühl in ihm weckt und das Abhören ihn auch hellhörig macht für die Misstöne im eigenen Staat. Mühe verkörperte die Zwiegespaltenheit dieses Offiziers und darin die traurige Unmöglichkeit, als Teil eines unmenschlichen Systems Menschlichkeit zu beweisen.

Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass genau dieser Film nun am Ende seiner aufreibenden Karriere steht. Mühe ist in der DDR aufgewachsen und hat an diesem Staat gelitten. Als ihn sein Wehrdienst früh als Wachsoldat an die Berliner Mauer führte, bekam er die ersten Magengeschwüre, musste den Dienst abbrechen. 1975 war das, ein Wendejahr in Mühes Leben. Er entschied sich für das Theater, "den einzigen Ort in der DDR, an dem die Leute nicht belogen wurden". Das hat er später einmal gesagt. Er ging an die Leipziger Theaterhochschule, spielte dann an der Berliner Volksbühne und dem Deutschen Theater. Inszenierungen mit dem Ost-Berliner Dramatiker und Regisseur Heiner Müller gehören zu seinen wichtigsten Theaterarbeiten, etwa die Hauptrolle in der Doppelaufführung "Hamlet-Hamlet-Maschine".

Als er 1991 den Gertrud-Eysoldt-Ring für seine Darstellung von Goethes Clavigo in Claus Peymanns Inszenierung an der Wiener Burg bekam, gehörte er längst zu den anerkanntesten Schauspielern der inzwischen nicht mehr geteilten Republik. Dass die Geschichte diese Wende nehmen konnte, daran hat er sich aktiv beteiligt, etwa bei der Großdemonstration von DDR-Künstlern am 4. November 1989 in Berlin.

Für Mühes Karriere bedeutete die deutsche Vereinigung keinen Bruch. Sofort bekam er große Rollen in Film und Fernsehen und zeigte seine Vielseitigkeit: In Beinersdorfers Psychothriller "Das tödliche Auge" trat er genauso auf wie in der Komödie "Rennschwein Rudi Rüssel" oder zuletzt in der umstrittenen Hitler-Satire "Mein Führer". Auch spielte er immer weiter Theater, gefeiert zum Beispiel seine Rolle in Yasmina Rezas kritischen Komödie "Drei Mal Leben" an der Seite seiner dritten Ehefrau Susanne Lothar.

Die Wende hatte allerdings private Konsequenzen. 1990 ließ sich Mühe von seiner ersten Ehefrau Jenny Gröllmann scheiden. 2006 warf er ihr dann öffentlich vor, als IM mit der Stasi zusammengearbeitet zu haben. Gröllmann zog gegen diese Aussage vor Gericht und bekam Recht, weil die Beweise nicht ausreichend waren. In der öffentlich ausgetragenen Auseinandersetzung stellten sich alte Weggefährten gegen Mühe. Das hat er schwer verkraftet. Auf fast unheimliche Art berührten sich da Film und Wirklichkeit. Mühes letzte Ehefrau Susanne Lothar hat das auf den Punkt gebracht: "Ulrich Mühe ist dieser Film".


 
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