Moritz Bleibtreu spricht über den RAF-Film: "Ein Film kann nicht die Welt verändern"
zuletzt aktualisiert: 21.09.2008 - 10:29Berlin (RPO). In vier Tagen startet der viel diskutierte Film "Der Baader Meinhof Komplex" in den deutschen Kinos. Moritz Bleibtreu spielt den Terroristen Andreas Baader und spricht im Interview über den angeblichen Mythos RAF, Opfer, Täter und seine Arbeit als Schauspieler.
Herr Bleibtreu, wissen Sie, wie Baader war?
Bleibtreu An diesen Baader ranzukommen, den so viele Menschen auf die verschiedensten Arten in ihrem Kopf haben, mal positiv und mal negativ bewertet, ist für einen Schauspieler so gut wie unmöglich. Da bleibt einem nichts übrig, als sich alles anzueignen, was es über ihn gibt: Filme, Dokumentationen, Geschriebenes. Vieles über ihn ist sehr widersprüchlich, da merkt man schon, was für eine Legende er ist. Beim Spielen muss man das dann alles wieder vergessen.
Wie kann man ihn dann trotzdem spielen?
Bleibtreu Man muss das so spielen, wie man das instinktiv für richtig hält, da bleibt einem gar nichts anderes übrig. Sympathie oder Antipathie darf da nicht aufkommen beim Spielen. Ich muss versuchen, Verständnis zu entwickeln für sein Handeln, das bedeutet aber nicht Identifikation. Natürlich darf man nicht jemanden wie Baader verteidigen.
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Entwickelt man nicht trotzdem während der langen Dreharbeiten eine ganz bestimmte Haltung zu so einer Person?
Bleibtreu Natürlich, aber die war vor dem Drehen dieselbe wie ich sie jetzt habe, nämlich dass Gewalt nie eine Rechtfertigung für eine Opposition sein kann und dass sie Zustände nicht verändern kann.
Was machte Baader zu dem Leitwolf, der er war?
Bleibtreu Das ist die grundsätzliche Frage, die ich mir auch immer gestellt habe: Woher die Faszination? Ich glaube, dass das vor allem mit der Liebe zwischen Baader und Gudrun Ensslin zu tun hat, weil das einfach romantisch ist. Wenn der Kern der RAF drei Kerle gewesen wären, dann wäre das sicher anders. Ich glaube, die Grundfaszination war die Kraft dieses Pärchens, die bereit waren, bedingungslos füreinander da zu sein und auch zu sterben. Sie waren leidenschaftlich und verrückt, haben das Leben und die Freiheit geliebt. Das ist eine unheimlich romantische Geschichte, ob man will oder nicht.
Ist das nicht eine etwas abenteuerliche Interpretation?
Bleibtreu Ich habe mit vielen Zeitzeugen gesprochen, die das auch so sehen.
Sie sind Jahrgang 1971. Wann haben Sie sich zum ersten Mal für die Geschichte der RAF interessiert?
Bleibtreu Ich habe mit 15, 16 Jahren zum ersten Mal versucht, das Buch "Der Baader-Meinhof-Komplex" von Stefan Aust zu lesen, das damals zum ersten Mal erschienen ist. Ich hab' es schnell wieder zur Seite gelegt, es waren zu viele Personen und ich habe nicht mehr durchgeblickt. Ich war wohl zu jung. Mein Interesse wurde dann erst wieder geweckt, als es um den Film ging.
Finden Sie es als Schauspieler eher lästig, wenn sie nach historischen Interpretationen oder Bezügen gefragt werden?
Bleibtreu Nein, das ist völlig okay. Ich finde es nur dann etwas befremdlich, wenn Leute Ansprüche an so einen Film haben, die einfach unrealistisch sind. Ein Film kann nicht die Welt verändern und sollte auch keinen "belehrenden" Auftrag haben. Bei allem Respekt den Personen gegenüber bin ich ein Schauspieler - und ein Film ist ein Film. Und das bedeutet auch Unterhaltung.
Was würde aus einem Typen wie Andreas Baader heute werden?
Bleibtreu Wahrscheinlich würde er zu "Deutschland sucht den Superstar" gehen. Er hatte ja ein unglaubliches Geltungsbedürfnis und hatte Bock auf Berühmtheit. In den 60er und 70er Jahren war politisches Denken einfach cool. Das ist heute extrem schwer vorstellbar. Es gab diese merkwürdige Mischung aus Boheme, Künstlern, Politik und Untergrund. Das war hip.
Ist für Ihre Generation die Sympathie nachvollziehbar, die es damals in vielen Kreisen für Baader und Meinhof gab?
Bleibtreu Absolut. Die politischen Themen sind doch sogar die gleichen geblieben: Frieden, Arm und Reich, Erziehung. Mit den Werten kann ich absolut was anfangen, mit der Umsetzung nicht.
Andreas Baader war nur eine Randfigur der Studentenbewegung, wurde zum charismatischen Leitwolf der Baader-Meinhof-Gruppe und gleichzeitig zum Staatsfeind Nr. 1 in Deutschland. Er wurde gehasst und bewundert, vom Gefängnis Stuttgart-Stammheim aus war er der PR-Stratege der Rote Armee Fraktion (RAF). Nach einer missglückten Befreiungsaktion der RAF-Häftlinge nahm der zu lebenslanger Haft verurteilte Baader sich 1977 im Gefängnis das Leben.
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