Filmregisseur Rohmer ist tot: Ein großer Neinsager und Falschmacher
VON THOMAS KLINGENMAIER - zuletzt aktualisiert: 11.01.2010 - 21:57Paris (RP). Der französische Filmemacher Eric Rohmer, der am Montag 89-jährig gestorben ist, hat sich wie seine Weggefährten der Nouvelle Vague, der Kinoästhetik-Revolte der fünfziger Jahre, über ein Nein definiert: über ein Nein zum Formelkino, zur Studiowirklichkeit, zur gut geölten Erzählmaschine, die vor lauter in Bewegung bleiben nirgends länger hinschauen und selten differenziert argumentieren kann.
Wer Filme dreht, braucht einen technischen Apparat. Der Apparat bringt seine Ansprüche und Zwänge mit sich, und die Menschen, die einem Filmemacher diesen Aufwand finanzieren, behalten sich gern Weisungsrechte vor. Vor und hinter der Kamera ist der Filmemacher nur in extremen Fällen allein. Die Aufmerksamkeit für einen Kinofilm steigt sogar meist proportional zu dessen logistischer Wucht. Wer soviel Zwänge, Regeln, Kompromisse und Erwartungen im Auge halten muss, ist versucht und eventuell auch genötigt, das Erzählen selbst, die Inhalte, die Rhythmen, die Perspektiven verlässlichen Regeln folgen zu lassen.
Rohmer, 1920 in Tulle geboren, war zunächst Lehrer geworden, hatte auch einen Anlauf als Romanautor unternommen, war da aber längst dem Kino verfallen. Wie Francois Truffaut, Jean-Luc Godard und Jacques Rivette hat Rohmer (ein Künstlername, eigentlich hieß er Jean-Marie Maurice Schérer) zunächst Filmkritiken geschrieben. Das war nicht nur billiger als Drehen. Man konnte und musste sich schreibend zunächst sehr klar darüber werden, was einem warum gefiel am Kino der anderen und was nicht. Rohmers Generation war der Meinung, dass Filme, die alles richtig machten, etwas Wesentliches falsch machten. Dass sie zwar Publikum lockten, aber eigentlich kein Publikum mehr brauchten, weil sie sich selbst erklärten. Es gab in ihnen nichts zu entdecken, zu erfahren, zu deuten und zu suchen.
In seinen Filmen wird viel geredet. Seinen ersten Spielfilm, "Im Zeichen des Löwen", hat Rohmer 1959 gedreht, sein letzter "Triple Agent", feierte 2004 Premiere. In all den Jahren dazwischen galt er den einen als große, zart originelle Persönlichkeit des Weltkinos, den anderen zunehmend als behäbiger Langweiler. Und es konnte passieren, dass beide Lager die gleichen Stilmerkmale als Begründung ihrer Haltung anführten die Tatsache etwa, dass in Rohmers Filmen viel geredet wird.
Die Figuren Rohmers reflektieren, philosophieren, debattieren, tändeln viel eher als zu handeln oder wenigstens gut sichtbar mit heftigen Gefühlsaufwallungen zu ringen. "Pauline am Strand" (1982), "Das grüne Leuchten" (1986), "Der Freund meiner Freundin" (1986) treiben auf den teils von den Darstellern improvisierten Reden der Figuren dahin, als falte Rohmer da kleine Boote aus grünen Blättern und setze sie in einem Bächlein aus. Diese Werke gehören zu einem Zyklus namens "Komödien und Sprichwörter". Der Titel weist programmatisch darauf hin, dass Rohmer gern Hörfilme gedreht hat, entspannte Untersuchungen dessen, was wir so daherreden, um einander näher zu kommen oder auf Abstand zu halten.
Solche Beschreibungen könnten nun nahelegen, Rohmer sei ein Vertreter des Spröden gewesen und ein leicht fassbarer Stilist. Aber Rohmer war im Gegenteil ein höchst komplizierter Filmemacher, weil er sich an zwei unvereinbaren Idealen ausrichtete. Zum einen möchten seine Filme ganz natürlich sein, ganz frei vom Apparat, ein gutes Gespräch, in das man zufällig mit Unbekannten gerät. Zum anderen aber möchten sie ihre Künstlichkeit ausstellen, wollen sich der Wirklichkeits\-illusion verweigern, wollen uns darauf stoßen, dass in ihnen flüchtige Momente der Realität aus der Wirklichkeit gehoben und als eigener Kosmos stabilisiert werden.
Rohmers Filme anzusehen, hat Gene Hackman in einer Filmrolle einmal knurren dürfen, das sei so, als schaue man Farbe beim Trocknen zu. Das wurde das Lieblingszitat aller Rohmer-Verächter. Aber wer diese Farbe mochte, der schaute eben gerne lange hin und fand, sie täte den Augen und der Stimmung wohl.
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