Großes Kino aus Belgien: Ein Junge schlägt sich durch
zuletzt aktualisiert: 08.02.2012 - 08:18Berlin (RPO). Die belgischen Regie-Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne haben ein neues Meisterwerk abgeliefert: Ihr Film "Der Junge mit dem Fahrrad" ist eine warmherzige wie herzzerreißende Geschichte geworden. Sie handelt von einem Jungen, der von seinem Vater verlassen wird und sich mit seinem geliebten Fahrrad auf die Suche nach ihm macht. Unterwegs trifft er eine Frau.
Mit ihren vielfach preisgekrönten Filmen wie "Rosetta" (1999) und "Lornas Schweigen" (2008) haben Jean-Pierre und Luc Dardenne eine unverkennbar eigene Regiehandschrift etabliert. In einem fast spröde-dokumentarischen Stil erzählen sie, fern jeglicher Sentimentalität, wahrhaftige Geschichten von den Rändern der Gesellschaft - von jugendlichen Mördern, von Verzweifelten, die ihr Baby verkaufen, von Junkies und Ausreißern, von Scheinehen, die die Chance auf ein besseres Leben versprechen.
Sozialreales Drama
Auch "Der Junge mit dem Fahrrad", der neue Film des belgischen Filmemacherduos, fügt sich zunächst bruchlos in diese Reihe sozialrealistischer Dramen. Cyril (eine Entdeckung: Thomas Doret) wurde von seinem alleinerziehenden Vater ins Heim abgeschoben. In einer langen Szene ist der Junge eingangs zu sehen, wie er im Büro der Heimleitung wütet und seine Verzweiflung in Aggression umschlägt, weil er nicht wahrhaben will.
Die Telefonnummer seines Vaters (Jérémie Renier) ist abgeschaltet, die Wohnung aufgelöst. Sein Vater hat sich aus dem Staub gemacht und will von seinem Sohn schlicht nichts mehr wissen. Sogar das über alles geliebte Mountainbike des Sohnes hat er klammheimlich zu Geld gemacht.
Cyril will und kann dies alles nicht glauben, reißt aus und macht sich auf die Suche. Dass er dabei der jungen Friseurin Samantha (Cécile de France) begegnet, die sich fortan mit mütterlicher Liebe um den Jungen kümmert, ist für die Dardenne-Brüder überraschend. Wo die detailgenau beobachteten prekären Lebensverhältnisse in ihren Filmen bislang nur wenig Anlass zu Optimismus boten, gönnen sie ihrem zwölfjährigen Filmhelden und den Zuschauern hier einen vergleichsweise märchenhaften, tröstlichen Ausgang.
Frei von Sentimentalität
Samantha ist für einige Wochenenden probeweise schon mal Cyrils Ersatzmutter und begegnet dem jähzornigen Verhalten des Jungen mit bewundernswerter Geduld und Nachsicht. Das Leben hat ihn zum Einzelkämpfer gemacht. Wenn man ihm sein Fahrrad klauen will, weiß er sich mit Fäusten zu helfen. Damit beeindruckt er den Kleinkriminellen Wes (Egon Di Mateo), für den Cyril ein leicht verführbares Opfer ist.
Die Dardenne-Brüder mögen zwar erstmals sehr kalkuliert auf die Emotionen der Zuschauer abzielen und das Gute im Menschen herauskitzeln, sie vermeiden dennoch jegliche Sentimentalität und voyeuristische Effekthascherei. Mit ihrer klaren, sachlichen Bildsprache balancieren sie ihr Kinomärchen stets beunruhigend auf der Kippe. Das kleine, unverhoffte Glück, dass Cyril in den Schoß gefallen ist, droht bis zuletzt immer wieder zu zerbrechen. Dass den beiden Autorenfilmern diese Balance gelungen ist, zeichnet ihren Film in besonderem Maße aus. Beim Filmfest in Cannes gab es dafür den Großen Preis der Jury.
Kinostart: 09.02.2012
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