"Inglourious Basterds": Ein meisterlicher Film über Gerechtigkeit
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 29.07.2009 - 17:56Düsseldorf (RP). Zur Premiere von "Inglourious Basterds" kamen in dieser Woche Brad Pitt und Diane Kruger nach Berlin. Der neue Film von Quentin Tarantino ist eine fast drei Stunden lange, brutale und unheimliche Komödie. Und ein meisterlicher Film über Gerechtigkeit. Irre. Sadistisch. Genial. Dem Zuschauer schwirrt beim Abspann der Kopf. Aber er fühlt sich gut.
Es geht schon extrem los, die ersten 20 Minuten sind so unheimlich und brutal wie der ganze fast dreistündige Film, ein Bastard, ein viersprachiges Monster, politisch vollkommen unkorrekt, Geschichtsklitterung der derben Sorte, wider jede Ratsamkeit im Schildkrötentempo inszeniert, aber: meisterlich, intensiv, genial.
"Es war einmal im besetzten Frankreich 1941", so beginnt das neue Werk von Quentin Tarantino, dazu spielen sie eine Kitsch-Melodie von Ennio Morricone. Klingt nach Wilder Westen, ist aber Zweiter Weltkrieg. Hans Landa, der größte Sadist und raffinierteste Verführer, den es im aktuellen Kino gibt, hat seinen ersten Auftritt in Uniform mit Hakenkreuz. Er wird gespielt von Christoph Waltz, und der ist so fies und böse und verflixt gut – ihm gehört dieser Film.
Landa besucht einen Bauern, Vater dreier Töchter, und man denkt: Die sind jetzt dran. Der SS-Offizier lässt sich ins Haus bitten, ein Glas Milch auftischen, ein weiteres. Er redet, er parliert, er charmiert auf Französisch. "Juden-Jäger", nenne man ihn, "tztz", dabei jage er ja nicht, sondern finde bloß. Er ist die Spinne, er will das Töten zelebrieren, und nach 18 quälenden, schmerzhaften und kaum auszuhaltenden Minuten wechselt er ins Englische.
In bester Trashfilm-Manier
Die Kamera fährt von seinem Gesicht hinunter, über die Uniform, an den Beinen entlang zu den Sohlen, durch den Holzboden, in den Hohlraum darunter. Dort sieht man eine jüdische Familie bangen, Hände auf die Münder gedrückt, der Bauer hat sie versteckt, und oben presst Landa in einer Sprache, die die Verborgenen nicht verstehen, dem Helfer das Geständnis ab: Seine Töchter oder die da unten. Landa verabschiedet sich scherzend auf Französisch, dann kommen die Schergen, richten stumm die MPs auf die Dielen-Bretter. Feuer, Splitter, Staub, Blut, Geschrei.
"Inglourious Basterds" kann man als verwegene und gescheite Kolportage zwischen Geschichtsfiktion und Filmgeschichte schauen. Aber auch als wüste Dekonstruktion all dessen, was Film zur populärsten Kunstform gemacht hat. Er zitiert Western und Kriegsfilm, stiehlt aber nur die typischen Elemente und bricht sie ironisch.
Er greift das Wissen der Geschichtsbücher auf, um damit Schabernack zu treiben und sich seine Wirklichkeit zurecht zu puzzeln und eine eigene Form von Gerechtigkeit zu finden. Zeichenkunde für Fortgeschrittene, dauernder Suspense. Ein Film, der dem Genre Kriegsfilm das Pathos raubt, es ans Ende führt, ohne eine einzige Frontszene zu zeigen, und das Kino an sich zwar nicht revolutioniert, aber irritiert.
Der Film definiert sich über seine sadistisch ausgewalzten Dialoge. In Tarantinos bisherigem Werk lässt er sich am besten mit der Szene aus "Pulp Fiction" vergleichen, in der John Travolta und Samuel L. Jackson als Killer-Duo auf einer Autofahrt die Größe von Hamburgern erörtern.
Es ist klar, dass etwas passieren wird, aber man vergisst es, weil die Nebensachen so groß gemacht werden, weil man mitgerissen wird vom Sog dieser Abstrus-Gedanken, und dann knallt es, und man erschrickt, und wie. Fünf Kapitel hat "Inglourios Basterds", vier davon stehen wie heiße Luft im Kinosaal, flirren und flimmern, und in der fünften explodiert alles.
Dabei baut der Regisseur auf zwei Handlungsstränge. Hans Landa lässt eine Tochter der jüdischen Familie entkommen. Sie taucht in Paris unter, führt ein kleines Kino, und weil sich ein Nazi-Offizier in sie verliebt, soll vier Jahre nach dem Massaker ausgerechnet in ihrem Haus die Premiere von Goebbels' Propaganda-Film "Stolz der Nation" stattfinden – in Anwesenheit des Führers und seiner Kommandoebene. Parallel dazu arbeitet eine paramilitärische Einheit aus Amerikanern, Juden und übergelaufenen Deutschen an der Beendigung des Krieges.
Angeführt werden die "Basterds" von Brad Pitt, zu seinen Getreuen gehört Til Schweiger, der eine irrwitzige Performance liefert – ein Nazihasser, dessen Name in bester Trashfilm-Manier beim ersten Auftritt quer über die Leinwand gerollt wird, einer, der die Betressten brutalstmöglich tötet und von Brad Pitt mit diesen Worten engagiert wurde: "Ich bin Fan ihrer Arbeit."
Zum Schluss treffen die Rebellen im Kino der Französin auf Hitler und Co, und es beginnt ein grotesker Totentanz, in den Tarantino Pfeile malt, die im Gewusel Bormann, Göring, Goebbels kenntlich machen. Dann brennt es, und im euphorischen Epilog kriegt Hans Landa, was er verdient.
Dem Zuschauer schwirrt beim Abspann der Kopf, aber er fühlt sich gut. Ja, es ist irre: "Inglourious Basterds" ist ein tröstlicher Film, eine Komödie sogar. Die extremste, die man sich vorstellen kann.
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