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Interview zum Deutschlandstart "Palindrome": Ellen Barkin: "Keiner kann sich komplett ändern"

VON DÖRTE LANGWALD - zuletzt aktualisiert: 14.04.2005 - 09:25

München (rpo). Ellen Barkin gehörte zu den gefragtesten Schauspielerinnen der 80er und 90er Jahre. Sie war die verklemmte junge Staatsanwältin in "The Big Easy – Der große Leichtsinn", verdrehte Al Pacino als blonde Femme fatale in "Sea of Love – Melodie des Todes" den Kopf und spielte die Hauptrolle in Blake Edwards Körpertausch-Komödie "Switch – Die Frau im Manne". In den letzten Jahren wurde es ruhiger um die herbe Leinwandschönheit - die Erziehung ihrer Kinder war ihr wichtiger, als in Blockbustern mitzuspielen, wie die 50-Jährige im Interview verriet. Doch jetzt kehrt Ellen Barkin mit dem satirischen Abtreibungsdrama "Palindrome" von Independent-Ikone Todd Solondz ("Happiness") ins Kino zurück.

Frau Barkin, wo haben Sie in den letzten Jahren gesteckt?
(Barkin lacht) Ja, ich habe fünf Jahre lang keinen Film gedreht. Die Prioritäten ändern sich eben, wenn man älter wird. Ich wollte bei meinen Kindern sein. Wenn Kinder keinen konstanten Ansprechpartner haben, gibt es später niemanden, von dem sie sich als junge Erwachsene lösen können.

Haben Sie der Karriere nicht nachgetrauert? 
Ich sehe das ganz pragmatisch. Als meine Kinder vor zehn Jahren in die Schule kamen, war ich allein erziehend (nach der Trennung von Gabriel Byrne, Anm. der Red.). Ich zog von New York nach L.A., um gleichzeitig arbeiten und mich um meine Kids kümmern zu können. Als ich meinen Mann, Ron Perelmann (Chef des Revlon-Konzerns; Anm. der Red.), Ende der 90er kennen lernte, sind wir zurück nach New York gegangen. Zum Drehen hätte ich also wieder reisen müssen – was ich vermeiden wollte. Aus finanzieller Sicht gab es für mich sowieso keinen Grund mehr, zu arbeiten (lacht).

Heißt das, Sie haben früher nur aus Geldgründen gedreht? 
Nein. Aber tatsächlich war ich nie eine besonders ehrgeizige Schauspielerin. Ich habe zwar Schauspielunterricht genommen, bin eifrig zu Vorsprechen gegangen und habe die Schauspielerei etwa zehn Jahre lang sehr ernst genommen. Aber ich hatte keine konkreten Ziele. Zu der Zeit, als ich mit Mainstreamfilmen Erfolge feierte, musste ich gleichzeitig für meine Kinder sorgen. Diese finanzielle Verantwortung trage ich nicht mehr, seitdem ich verheiratet bin. Warum sollte ich weiterhin arbeiten, wenn ich statt dessen die Möglichkeit habe, bei meinen Kindern zu sein? Mein Bedürfnis, die typischen Hollywood-Rollen für ältere Frauen zu spielen, hält sich in Grenzen.

Wieso haben Sie sich für die Rolle in "Palindrome" entschieden?
Wenn es öfter derartige Rollenangebote gäbe, würde ich sie gerne annehmen. Aber das sind seltene Perlen unter vielen nichtssagenden Mainstream-Drehbüchern, die bei mir landen. Neben "Palindrome" habe ich kürzlich auch in Spike Lees Film "She Hate Me" mitgewirkt.

Was muss eine Rolle bieten, damit Sie sie annehmen?
Die meisten Rollen, die mir inzwischen angeboten werden, sind stereotype Figuren in großen Hollywood-Filmen wie "die toughe Chefin" oder "die Mutter von xy". Ich habe nichts dagegen, die Mutter eines tollen jungen Nachwuchs-Schauspielers zu spielen. Aber wenn ich so eine Rolle annehme, dann bitte nicht in einem lahmen Film. Deshalb bevorzuge ich inzwischen Independent-Projekte.

Zu Beginn Ihrer Karriere haben Sie aber in Mainstream-Filmen mitgewirkt.
Ja, klar. Ich war jung und brauchte das Geld (lacht). Nein, die Filme, die ich in den 80ern und frühen 90ern drehte, haben mir persönlich etwas bedeutet, obwohl sie sicher keine großartige Botschaft hatten. Aber dafür durfte ich mit tollen Schauspielern wie Robert Duvall, Al Pacino oder Robert De Niro zusammenarbeiten. Das waren wunderbare Erfahrungen.

Würden Sie Ihre Karriere heute anders angehen, wenn Sie noch einmal von vorne anfangen könnten?
Nein. Sicher habe ich einige Filme verpasst, die für mich hätten wertvoll sein können. Aber man kann sich nun mal immer nur so verhalten, wie es gerade den eigenen Umständen entspricht. "Palindrome" spielt mit der Idee der permanenten Neuerfindung.

Glauben Sie, dass man sich komplett ändern kann?
Ich bezweifle das. Unser Gewissen bleibt immer das selbe – egal, ob wir ein fünfjähriges Mädchen, ein rothaariger Teenie mit Zahnspange oder eine 150 Kilo schwere afro-amerikanische Frau sind. Das ist es ja, was der Film zeigt: Egal, wie man aussieht, oder welchen Weg man wählt – am Ende des Tages sind wir immer die selben. Wir erfahren das, was wir erfahren müssen. Können wir uns dabei wirklich neu erfinden? Ich glaube, wir sind, was wir sind.

Kehren Sie als Schauspielerin wieder völlig zu sich selbst zurück, nachdem Sie in eine Rolle geschlüpft sind?
Absolut! Andernfalls wäre mein Familie wirklich zu bedauern (lacht). Allerdings gibt es Rollen, bei denen man etwas für sich persönlich dazu lernt, weil man durch die Figur gezwungen ist, Bereiche in sich selbst zu erkunden, die man normalerweise lieber unberührt lassen würde. Es kommt durchaus vor, dass ich im Laufe von Dreharbeiten etwas an mir entdecke, das ich noch gar nicht kannte und dieses Geheimnis dann vom Set nach Hause mitnehme.

Sie spielen in "Palindrome" die Mutter eines zwölfjährigen Mädchens, das unbedingt schwanger werden will. Wie haben Sie diese Rolle empfunden, da Sie selbst Mutter von zwei Kindern sind? 
Schauspielerisch war die Rolle eine echte Herausforderung, da die Mutter eine äußerst komplizierte Figur ist. Auf der einen Seite verhält sie sich politisch korrekt und will nur das Beste für ihr Kind, indem sie es zur Abtreibung schickt. Auf der anderen Seite lässt sie ihrer Tochter damit keine Entscheidungsftreiheit und treibt sie – wenn auch ungewollt - in die Arme einer christlich-fundamentalistischen Familie. Ich habe versucht, die Mutter so aufrichtig und realistisch wie möglich zu spielen. Sie sollte auf keinen Fall unsymphatisch oder gar böse wirken.

Wie würden Sie persönlich reagieren, wenn Ihre Tochter schwanger wäre? 
Da muss ich gar nicht lange nachdenken. Meine Tochter ist zwölf, genauso wie meine Filmtochter Aviva. Ich würde sie sofort zur Abtreibung schicken, ohne Diskussion, und kann mir kaum vorstellen, dass irgendeine Mutter anders entscheiden würde. Abgesehen von radikalen Abtreibungsgegnern vielleicht.

Wie schwierig war es, mit einer Filmtochter zu spielen, die von sieben verschiedenen Darstellerinnen dargestellt wurde?
Erstaunlicherweise war es gar nicht schwer. Im Gegenteil - wenn man die Augen schließt, und den unterschiedlichen Darstellerinnen einfach nur zuhört, merkt man fast keinen Unterschied zwischen ihnen. Mir kam es vor, als spielte ich mit einer einzigen Person. Das lag vor allem daran, dass Todd Solondz Schauspielerinnen wählte, die sich auf emotionaler Ebene ähneln. Sein Konzept bestand darin, Mädchen und Frauen zu besetzen, die zwar äußerlich völlig gegensätzlich sind, sich in ihrem innersten Kern aber ähneln. Bei den Dreharbeiten gab er den Darstellerinnen eigentlich nie spezifische Anweisungen, sondern appellierte eher an ihr Gefühl.

Todd Solondz gilt als Exzentriker. Wie haben Sie ihn als Regisseur erlebt? 
Für mich ist er einer der besten Regisseure, mit denen ich je gearbeitet habe. Todd hat ein enormes filmisches Vokabular und weiß genau, was er will – das ist mir bei einem Regisseur wichtig. Ich improvisiere nicht gerne und mag es nicht, wenn man mir sagt: "Die Szene funktioniert so nicht. Könntest du es bitte irgendwie anders machen". Nein, kann ich nicht! Ich tue gerne alles, was ein Regisseur von mir verlangt – im besten Fall sogar besser, als er es von mir erwartet hat. Aber ich bin und bleibe Schauspielerin und keine Hellseherin oder gar ein Hampelmann.

Was glauben Sie, wie "Palindrome" in Amerika rezipiert wird?
Die USA sind ein äußerst restriktives und repressives Land. Mich würde es freuen, wenn der Film in Idaho oder Missouri gezeigt werden würde. Oder wenn ihn sich kirchliche Gruppen anschauen würde. Es wäre wundervoll, wenn der Film den ein oder anderen engstirnigen Geist ein wenig öffnen könnte.

Erwarten Sie Protestreaktionen? 
Der Film hat einen subversiven Humor, dadurch könnte er es leichter haben. Zudem stellt er niemanden wirklich schlecht dar. Sogar der Mann, der den Abtreibungsarzt ermordet, bekommt ein paar berührende Momente. Aber grundsätzlich haben es Independent-Filme immer schwer, sich im Kino zu behaupten. Die meisten werden nur in LA, New York und Chicago gezeigt, und das ohne Werbung. Die Studios haben Angst vor solchen Filmen, wollen keine Verantwortung übernehmen. Es ist fast unmöglich geworden, Filme zu veröffentlichen und zu vermarkten, die kein Mainstream sind. Gleichzeitig wird der Mainstream in den USA zunehmend kleingeistiger.

Verraten Sie uns zum Abschluss noch, was Sie als nächstes tun werden? 
Klar. Ich fahre nach Hause, bringe meine Kinder zur Schule und unterrichte Schauspiel in einem Graduiertenprogramm an einer Schule in Manhattan. Darauf freue ich mich schon.

Quelle: rpo

 
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