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'Imagining Argentina' erntet in Venedig Gelächter statt Ergriffenheit: Emma Thompson verteidigt ausgebuhten Biennale-Film

zuletzt aktualisiert: 03.09.2003 - 14:48

Pfiffe des Spotts bei der Pressevorführung von „Imagining Argentina“ in Venedig. Der Wettbewerbsbeitrag von Regisseur Christopher Hampton behandelt den Terror des Militärregimes in Argentinien 1976, erntete jedoch statt bewegter Ergriffenheit Gelächter und Buhrufe. Hauptdarstellerin Emma Thompson zeigte sich auf der anschließenden Pressekonferenz höchst kämpferisch.

Noch nie habe ihr ein Film derart am Herzen gelegen wie „Imagining Argentina“, erklärte die britische Oscar-Gewinnerin („Was vom Tage übrig blieb“) den internationalen Journalisten. Regisseur Hampton bekräftigt: „Ganz egal, was die Kritiker über den Film sagen – dieser bislang totgeschwiegene schwarze Fleck in der jüngsten Geschichte Argentiniens musste endlich einmal filmisch aufgearbeitet werden. Und das ist, was hier zählt“. Grund des Anstoßes: Die Handlung des Films vermischt den Schrecken der politischen Verfolgung mit einer übersinnlichen Ebene, einer „Voodoo-artigen Welt“, wie ein Journalist bemängelt.

Emma Thompson spielt die amerikanische Journalistin Cecilia, die in einem Artikel die Verschleppung von Regimegegnern anprangert. Als Folge wird auch sie eines Tages von der Regierung aus ihrem Haus entführt und in ein Gefangenenlager gebracht. Für ihren Mann Carlos (Antonio Banderas), Besitzer eines Kindertheaters, beginnt die verzweifelte Suche nach ihrem Verbleib, jedoch ohne jede Spur. Immer mehr Menschen verschwinden unauffindbar, immer mehr Mütter beklagen vermisste Kinder. Mitten in dieser hoffnungslosen Situation empfängt Carlos Visionen von den Verschleppten. Wie Filme spulen sich vor seinem inneren Auge die Geschichten der gekidnappten Opfer ab. Nur bei seiner eigenen Frau scheint die mysteriöse Gabe zu versagen. Carlos’ Fähigkeiten sprechen sich herum, und so suchen zunehmend Menschen bei ihm Trost. In geheimen Versammlungen finden sich die Opfer zusammen und hoffen darauf, bei Carlos Antworten über das Schicksal ihrer Angehörigen herauszufinden. Als das Regime von den Geheimtreffen erfährt, gerät auch Carlos in Schwierigkeiten. Zudem plagen ihn seltsam verwirrende Visionen und Träume von seiner Frau Cecilia.

Film rutschte schnell in negative Schlagzeilen

„Imagination“ heißt das Schlüsselwort zu dem Film, wie Christopher Hampton erklärt. In einer Zeit der Unterdrückung, in der es keinen Ausweg mehr zu geben scheint, bleibt den Menschen einzig ihre Fantasie, ihr Glaube. Das Regime mag ihnen die Freiheit und die Existenz nehmen, nicht aber das Recht auf ihre Gedanken. Carlos’ Visionen sollen Symbol für diese imaginative Fähigkeit sein. Was den Journalisten als übertrieben und unrealistisch erschien, ist für Hampton lediglich eine Metapher. Emma Thompson erklärt, ihr sei von Anfang an klar gewesen, dass der Film argwöhnisch aufgenommen werden würde. „Wir vergleichen hier magischen Realismus mit politischer Historie – natürlich sorgt das für kontroverse Reaktionen“, so die Schauspielerin, die sich auch privat für Hilfsorganisationen engagiert. Die argentinische Diktatur der Siebziger sei ein Thema, dass offen diskutiert werden müsse, und alleine deshalb habe der Film das Recht auf eine Chance beim Publikum, so Hampton. Der Autor von Drehbüchern für „Gefährliche Liebschaften“ oder „Der stille Amerikaner“ zeigte sich enttäuscht, dass eine einzige Pressevorführung den Ausschlag gegeben hatte, dass sein Film in derart negative Schlagzeilen geraten sei – gab es doch bei der offiziellen Premiere am selben Abend warmen Applaus für das cineastische Sorgenkind.

Emma Thompson berichtete auf der Pressekonferenz von ihren Erfahrungen bei den Dreharbeiten in Argentinien. Die Regierung sei mehr als kooperativ gewesen, habe für eine Szene sogar die Nationalflagge auf dem Dach des Ministeriums abgenommen, weil der Schatten der Fahne bei einer wichtigen Einstellung gestört hatte. Mehrere Mitarbeiter des Filmteams hatten in den Siebzigern selbst Angehörige durch Verschleppung verloren – sie empfanden Christopher Hamptons Projekt vor allem als große Wiedergutmachung. So erklärte Emma Thompson: „Die Leute wollen keine Rache. Sie wollen nur, dass ein furchtbarer Schrecken in ihrer Geschichte endlich anerkannt und zugegeben wird. Diese offene Wunde braucht Reinigung, bevor sie heilen kann. Und das wollen wir mit unserem Film erreichen“.

Wann und ob der Film in die deutschen Kinos kommt, ist noch offen. Ob er an den Kassen ein Erfolg wird, mag fraglich sein. Dass hinter diesem Projekt viel Passion und guter Wille steckt, ist allerdings ganz sicher.

Autorin: DÖRTE LANGWALD


 
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