Soul Kitchen im Kino: Fatih Akin kann auch Komödie
VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 23.12.2009 - 21:45Düsseldorf (RP). Der neue Film von Fatih Akin ist da. "Soul Kitchen", der am Freitag anläuft, erzählt von einem deutsch-griechischen Restaurantbesitzer, der in turbulente Schwierigkeiten gerät. Eine kluge Komödie, die nicht von schrillen Gags lebt, sondern von eigenwilligen Figuren und einer grundsympathischen Stimmung.
Fatih Akin hat ein Herz für aufrechte Jungs, für diese ehrlichen Draufgänger, die erhobenen Hauptes in ihr Unglück laufen, weil sie keine Duckmäuser sind, keine Angepassten, sondern Romantiker. Sie macht er zu Helden, die am Schicksal scheitern, an Verhältnissen, gegen die sie nichts ausrichten können, ohne ihre Seele zu verkaufen. Meistens endet das tragisch. Diesmal nicht: Fatih Akin hat seine erste Komödie gedreht.
Bei einem von Akins Kaliber muss man da keine platte Comedy fürchten. Und so ist die Hauptfigur in „Soul Kitchen” auch wieder so ein tragischer Held: Der Deutsch-Grieche Zinos betreibt im Hamburger Problemstadtteil Wilhelmsburg in einer ehemaligen Fabrikhalle ein Restaurant. Da gibt‘s Fischstäbchen in Altöl-Panade, Kartoffelsalat aus dem Plastikeimer und die Kunden sind zufrieden, weil Mayonnaise satt macht.
Quincy Jones und Louis Armstrong
Exquisit ist nur der Musikgeschmack des Restaurantbesitzers: Zinos legt feinen Soul von der Nordseeküste auf und die Großen, etwa Quincy Jones, Louis Armstrong und so ist sein Restaurant Heimat für hungrige Hafenarbeiter und heimlicher Club.
Eigentlich könnte man sich Zinos also als einen glücklichen Menschen denken, hätte seine Freundin (Pheline Roggan) nicht beschlossen, in China Karriere zu machen. Und kreuzte in seinem Laden nicht ein ehemaliger Mitschüler auf, der Zinos die Gesundheitsbehörde auf den Hals schickt, um an das Restaurant-Grundstück zu kommen. Und gäbe es nicht plötzlich einen Knacks in Zinos‘ Rückgrat und machte ihm von da an jede Bewegung zur Hölle. Krankenversichert ist er schon länger nicht mehr.
Wie ein Fangnetz ziehen sich die Schwierigkeiten immer enger um den sympathischen Restaurantbesitzer, den Akins Hamburger Weggefährte Adam Bousdoukos als echten Kumpel gibt, als einen, auf den man zählen kann, der nur selbst nicht genug Freunde hat, für die das auch gälte.
Natürlich ist das ein Urmittel der Komödie: die Lage aussichtslos machen und sehen, wie der Held sich schlägt. Doch wie alle Großen des komödiantischen Fachs setzt Akin dabei nicht auf Schadenfreude, sondern auf Mitgefühl, das sich lachend entlädt.
Um die zähe Aufrichtigkeit seines Helden noch zu betonen, hält Akin ihm einen Ausweg offen: Zinos müsste das Restaurant nur verscherbeln, dann wäre er alle Sorgen los, könnte der Freundin hinterher fliegen, statt sie nur in verzögerten Web-Kamera-Bildern im Internet zu sehen.
Das Gefühl von Heimat
Doch so einer ist Zinos nicht. Er hat zu viel Arbeit in seinen Laden investiert und damit auch ein Stück seiner selbst. Seine Seele steckt in diesem Restaurant, in dem auch der alte Zechpreller von nebenan zuverlässig verköstigt wird. Und während man das miterlebt, spürt man auf einmal, dass der deutsch-türkische Regisseur da etwas definiert, nämlich Heimat.
Es geht also auch in dieser Komödie um die alten Akin-Themen, um Identität und um Loyalität, und darum glückt ihm der Ausflug in das neue Genre. Allerdings ist sein Film besonders dann stark, wenn er nicht betont lustig sein will, sondern sich ganz seinen ungezähmten Figuren überlässt. Birol Ünel zum Beispiel, der einen jähzornigen Meisterkoch spielt, der lieber in Zinos‘ Laden Hafenarbeiter mit geschnitzten Karotten nervt als seine Kunst den Wünschen schnöseliger Hamburger Nobelschuppen-Besucher unterzuordnen.
Oder Moritz Bleibtreu, der plötzlich als Zinos‘ krimineller Bruder auftaucht. Mit ungeheurer Spiellust gibt Bleibtreu diesen Illias, stolz, nichtsnutzig, kindisch, ein Großmaul auf Freigang. Es sind diese rauen, eigenwilligen, unangepassten Figuren, denen der Film seinen Charme, seinen Witz, seine sympathische Unterhaltsamkeit verdankt.
Manchmal plätschert es etwas dahin
Da verzeiht man gern, dass Akin kein wirkliches Gefühl für das Timing von Gags entwickelt, manchmal plätschert der Film zu sehr dahin, auch ist die Handlung vorhersehbar. Dafür wagt Akin fast experimentelle Szenen, wenn etwa sein Koch den Gästen Aphrodisiaka ins Essen mischt und eine Party in die Orgie gleitet.
Das ist gedreht wie eine Halluzination und reißt den Zuschauer mitten hinein.
Doch wichtiger als die Raffinesse des Drehbuchs ist ohnehin, dass „Soul Kitchen” wieder diese ganz eigene Akin-Stimmung entwickelt, die sich aus einer unsentimentalen Wärme gegenüber Verlierertypen speist.
Und aus der Darstellung jenes Hamburger Milieus, aus dem der Regisseur selbst stammt. Akin hat auch für diesen Film wieder Freunde um sich versammelt und spielt mit ihnen eine Geschichte, die sich so zugetragen haben könnte. Natürlich nicht ganz so, aber man spürt eben, dass für diesen Film keine schlauen Drehbuchautoren auf die Emotionen der Zuschauer angesetzt wurden, sondern dass da einer ein Stück wahrhaftiges Leben einfach ein bisschen überdreht.
In „Soul Kitchen” wird der Zuschauer nicht zum Schenkelklopfen genötigt, der Film lebt nicht von Gags, sondern von herzhaft skizzierten Figuren. Und von der optimistischen Botschaft, dass manchmal am Ende doch die aufrechten Jungs die Gewinner sind. Das aber geht nur in einer Komödie.
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