| 15.32 Uhr

Begegnung mit "Wild"-Regisseurin
Nicolette Krebitz wartet

Film "Wild": Nicolette Krebitz über Kristen Stewart und Twilight
Nicolette Krebitz auf der "Wild"-Premiere mit Lilith Stangenberg. FOTO: dpa, jka nic
Berlin. Sie war die meistbeschwärmte Schauspielerin der 90er Jahre, nun bringt sie ihre dritte Regiearbeit ins Kino. Nicolette Krebitz spricht über "Twilight", Kristen Stewart und die Männer und die Frauen. Von Philipp Holstein

Nicolette Krebitz sitzt im Café des Odeon-Kino in der Kölner Südstadt und sieht müde aus. Sie hat sich einen Platz ganz hinten ausgesucht, da ist es dunkel. Den schwarzen Mantel trägt sie locker über die Schultern geworfen, und zusammengenommen wirkt das sehr existenzialistisch. Nebenan im Saal läuft die Premiere von "Wild". Die neue Regiearbeit der 43-Jährigen erzählt von einer Frau, die mitten in der Stadt einem Wolf begegnet, ihn in ihre Wohnung holt, zunehmend verwildert und ihr bisheriges Leben schließlich hinter sich lässt. Krebitz trinkt gelbe Fritz-Brause und isst Erdnüsse, beides mit großem Ernst.

Ich bin zuletzt häufig aus dem Kino gekommen und habe mich als Mann schlecht gefühlt.

Krebitz Wirklich?

Ja. Kurz bevor ich Ihre neue Arbeit sah, habe ich "Im Himmel trägt man hohe Schuhe" von Catherine Hardwicke gesehen, und ...

Krebitz Wie ist der?

Sehr gut.

Krebitz Ich finde es irre, dass Sie diese Regisseurin erwähnen.

Warum?

Krebitz Weil sie vielen Leuten gar kein Begriff ist und ich sie sehr mag. Sie hat den ersten "Twilight"-Film gedreht, und der war so toll. Sie hat die grundlegenden Ideen für die ganze Reihe entwickelt, sie hat Kristen Stewart und Robert Pattinson besetzt, die dann zu diesen großen Stars wurden. Sie hat die Buchvorlage so umgesetzt, dass das etwas zum Anfassen wurde für die Teenager auf der ganzen Welt.

Die nachfolgenden Teile durfte sie dann aber nicht mehr drehen.

Krebitz Ihr wurden alle Folgeteile abgenommen, weil die actionreicher werden sollten und Frauen ja keine Action machen können, wie manche in Hollywood meinen. Die Folgeteile waren aber leider alle scheiße. Catherine Hardwicke ist eine gute Regisseurin. Ich bin gespannt auf ihren neuen Film.

Auf ihren Wangenknochen liegt ein Hauch Rouge. Zu Beginn des Gesprächs schaute sie beim Sprechen im Raum herum; sie war professionell, ohne Interesse zu heucheln. Der Name Catherine Hardwicke wirkte dann wie ein Türöffner. Kurz erinnert man sich an die Zeit, als man sie erstmals wahrnahm. 90er Jahre, "Bandits", der Film über eine Frauenband: Krebitz an der Seite von Katja Riemann und Jasmin Tabatabei. Sie wurde zur meistbeschwärmten Schauspielerin Deutschlands. Fettes Brot widmeten ihr den Song "Nicolette Krebitz wartet" nach der Melodie von Bananaramas "Robert De Niro's Waiting". Und schließlich schmückte sie das Cover des New-Order-Albums "Get Ready".

Sie haben eben Kristen Stewart erwähnt. Wie finden Sie die?

Krebitz Die finde ich toll.

Warum?

Krebitz Weil ich finde, dass sie in "Twilight" aus der Bella Swan etwas Besonderes gemacht hat. Im Buch ist die eine Dahinfließende, ein Bambi, das nicht anders kann. Aber Stewart hat es mit einem Widerstand gespielt, sich auf die Suche danach begeben, was wirkliche Anziehung sein könnte. Und was es mit einem machen könnte. Sie hat eine emanzipierte Frauenfigur geschaffen, die verteidigt, was sie empfindet. Sie hat sich nicht damit begnügt, so eine Teenie-Fan-Ding zu machen. Sie meinte genau diesen Typen.

Sie hat wie eine selbstbewusste Schauspielerin gehandelt.

Krebitz Sie hat das vor allen Flachheiten des Buches und vor Hollywood verteidigt, und damit hat sie allen jungen Frauen einen großen Dienst erwiesen. Sie ist eine starke Figur, und man wollte so sein wie sie. Sie hat kein einziges Mal gelächelt in diesem ersten Teil. Und sie wissen, wie das ist in den USA: Wenn man nicht lächelt als Frau, muss man sich direkt Sprüche anhören. Sei doch nicht so ernst, so etwas. Aber sie hat das trotzdem gemacht, und so hat man ihr zugehört. Sie wurde nicht die Freundin von Robert Pattinson, sondern Robert Pattinson wurde ihr Geliebter. Ich finde sie großartig.

Wie finden Sie Kristen Stewart als Promi? In das Bild, das wir uns von einem Schauspieler machen, spielt ja auch das, was man in den Bunten Blättern sieht.

Krebitz Auch das ist toll. Bei der ersten "Twilight"-Premiere kam sie total aufgeregt am Roten Teppich an, und da standen viele Fans und Journalisten. Und die erste Reporterin hat sie begrüßt und sie gefragt, welchen Designer sie trage. Man merkte, dass sie sich wahrscheinlich die ganze Nacht gefragt hatte, was wohl die erste Frage sein und was sie dann antworten wird. Und dann wurde sie gefragt, was sie anhat, und sie war so enttäuscht. Sie wusste es nicht. Und dann hat sie ihren Berater gefragte, und der sagte "Zac Posen" oder sowas. Sie hat also "Zac Posen" geantwortet und ist weitergegangen. Das war so sinnbildlich für alles.

Das stimmt.

Krebitz Jetzt habe ich mich ganz schön ins Zeug gelegt für Kristen Stewart. Verstehen Sie das?

Total. Ich mag sie auch. Wie sie rumläuft, wie sie lebt. Sie lebt ja jetzt mit der Pop-Sängerin Soko zusammen.

Krebitz Ach, wirklich?

Ja.

Krebitz Die finde ich nicht so toll...

Vielleicht ist sie ja privat ganz nett.

Krebitz (lacht)

Nicolette Krebitz lacht, zum ersten Mal in diesem Gespräch. Sie sitzt nach vorne gebeugt da, unterstreicht mit beiden Händen das Gesagte. Fragen quittiert sie gelegentlich mit einem "Aha". Das verwirrt natürlich, da weiß man nicht, ob sie die Frage doof findet oder bloß überlegen muss. Das Lachen ist Ansporn: Jetzt muss man unbedingt nach ihrem Männerbild fragen.

Noch einmal zurück zu "Im Himmel trägt man hohe Schuhe": Da sind die Männer nicht gerade die hellsten, sie haben kein Mitgefühl. Wie in Ihren Filmen ja übrigens auch. Eine der härtesten Szenen der vergangenen Jahre ist die in "Das Herz ist ein einsamer Wald", in der der Mann Nina Hoss das Sakko wegnimmt, mit dem er sie zugedeckt hatte: "Das ist ein Einzelstück", sagt er. Sie haben miteinander eine Nacht im Wald verbracht, und nun muss sie nackt nach Hause.

Krebitz Ja, das kann ich verstehen. In "Wild" haben Sie sich auch schlecht gefühlt?

Ja.

Krebitz Wirklich? Ich finde nämlich, dass ich eine ganz wichtige Sache verstanden habe nach dem letzten Film. Das ist: Wenn ich meine, dass irgendwas falsch läuft zwischen Männern und Frauen und ich das immer wieder zeige, gebe ich den Leuten nicht die Chance, anders zu sein. Ich bestätige dann immer nur wieder, wie es ist. Deshalb habe ich jetzt viel Aufmerksamkeit darauf verwandt, dass ich nichts zeige, was ich nicht selbst erleben möchte.

Die Männerfigur in "Wild" ist anders, das gebe ich zu. Aber sie ist beschränkt.

Krebitz Finde ich nicht. Aber was Sie meinen ist vielleicht, dass es für Männer noch schwieriger ist, sich von den Rollenvorgaben zu befreien, die für sie vorgesehen sind. Frauen gelten als benachteiligt, sind schlechter bezahlt etc., sie kommen aus der Opposition. Männer kämpfen andere Kämpfe. Und Georg Friedrich in "Wild" wächst mir richtig ans Herz dabei, wie er das zeigt. Ich finde ihn auch sehr männlich und sogar sexy. Ich hätte in dieser Szene auch mit ihm geschlafen. Er kommt nicht raus aus seinen Zwängen, aber er versucht es wenigstens. Viele Regisseurinnen, ich ja früher leider auch, zeigen häufig: So seid Ihr, und das nicht gut. Ich denke, ich bin einen Schritt weiter.

Zuletzt spielte sie in "Unter dir die Stadt" von Christian Hochhäusler. Ihre vielleicht beste Leistung vor der Kamera: Krebitz als Banker-Gattin, die mit dem Chef des Ehemannes schläft. Aufregend auch, was sie als Regisseurin macht. 2001 ihr Debüt: Für "Jeans" filmte sie ihren Alltag in Berlin-Mitte, den Freundeskreis. Ein Zeitbild, eine Momentaufnahme. Für den Episodenfilm "Deutschland 09" drehte sie mit der damals noch unbekannten Schriftstellerin Helene Hegemann. 2009 dann "Das Herz ist ein einsamer Wald". Nina Hoss spielte darin eine Frau, die erfährt, dass ihr Mann noch eine zweite Familie hat, ein zweites Leben. Am Ende geht sie heim zu ihren Kindern, man hört Schüsse. Knallhart, eiskalt. Nun "Wild", der am Donnerstag ins Kino kommt.

Sehen Sie sich als politische Filmemacherin?

Krebitz Sagen Sie mal, was Sie sich darunter vorstellen.

Politische Filme sind Filme, die unsere Gesellschaft und ihren Zustand ins Bild bringen oder ein Bild dafür finden. Und in Ihren Filmen finde ich etwas Parabelhaftes, das durchaus politisch genannt werden kann.

Krebitz Ich habe keinen Film gedreht, der einen wegstößt. Sondern einen, der "Ja" sagt. Er nimmt einen mit und macht Spaß, bei all der Intellektualität und dem politischen Bewusstsein, das man hat, wird man doch bei der Hand genommen. Es ist auch in schrecklichen Situationen immer Lust dabei. Es ist ein Film der Sinne. Wenn man Politik im Geist der 70er Jahre sieht, als das Private und das Politische zusammengedacht wurden, würde ich sagen: Ja, das ist politisch.

Ist "Wild" auch ein Märchenfilm?

Krebitz Ich finde ihn sehr konkret. Man kann sich alle möglichen Sachen dazu ausdenken, dafür steht ja auch das Autorenkino, das mehr bietet als den unterhaltenden Effekt. Aber er ist realistisch gefilmt.

Ein Popsong kommt im Film vor: "Retrograde" von James Blake. Warum der?

Krebitz James Blake ist ja im Grunde ein Soul-Sänger, der allerdings die Instrumentierung aus dem Techno bezieht. Er ist in einer modernen Welt groß geworden, aber seine Sehnsucht und sein Begehren kommen aus dem Soul. Das ist eine Einsamkeit, die sich an die moderne Welt richtet, und das passt gut zu der Hauptfigur. Durch diese Musik findet im Film ein Popkulturmoment statt, ein Wiedererkennen, das die Zuschauer die harte Szene, in der das Stück gespielt wird, großzügiger betrachten lässt.

Über Privates redet sie übrigens nicht gern, deshalb ist die letzte Antwort so sympathisch. Da spricht nicht die Autorenfilmerin. Sondern die Mutter.

Was war der letzte Film, der Sie euphorisiert hat?

Krebitz Auf DVD habe ich jetzt gerade Harry Potter 3 gesehen, und ich muss sagen, dass das ein sehr guter Film ist.

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