"Public Enemy No.1" – Mordinstinkt: Frankreichs schlimmster Staatsfeind
VON THOMAS KLINGENMAIER - zuletzt aktualisiert: 23.04.2009 - 20:35Düsseldorf (RP). Er gestand 40 Morde, Bankeinbrüche und Entführungen, türmte vier Mal aus dem Knast und schrieb seine Memoiren. Und doch ist der legendäre französische Verbrecher Jacques Mesrine in Deutschland nahezu unbekannt. Das könnte sich ändern mit dem packenden Epos "Public Enemy No.1". Der erste Teil "Mordinstinkt" läuft am Donnerstag in den Kinos an.
Der Film geht gleich in die Vollen und deutet zu Beginn das dicke Ende - die einer Hinrichtung ähnelnde Erschießung Mesrines 1979 mitten im Pariser Straßenverkehr - an. Ist der Adrenalinspiegel des Zuschauers solcherart gekonnt auf Touren gebracht, geht es munter weiter mit einem Zeitsprung zurück in die 50er Jahre und in die Folterkeller im Algerienkrieg.
Kann man aus dem Krieg heimkehren? Nein. Man kann den Krieg überleben; an Orte und zu Menschen zurückkehren, die einem Heimat bedeutet haben. Aber, erzählt das Kino immer wieder, man passt nicht mehr in das alte Leben. Man muss alles neu erwerben – oder eine neue Existenz beginnen.
Jean-François Richets französischer Gangsterfilm "Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt" spielt letztere Variante durch. Der Soldat Jacques Mesrine findet im Algerienkrieg Berufung und Bekehrung. Er merkt, dass er das Zeug zum erbarmungslosen Kämpfen hat. Dass er einen klaren Kopf behalten kann, wenn das Adrenalin pumpt.
Lüge und Doppelmoral
Er merkt auch, wie ihn die Lüge, die Doppelmoral, die Grausamkeit der Kämpfer für die Ideale des Westens anwidern. Er lernt sie kennen, die Geheimtrupps der Folterer, die Offiziere, die ihre Truppen als Wegwerfware behandeln.
Und er zieht daraus seine Schlüsse: Traue niemandem, respektiere nur den, der dir eine Waffe an den Kopf setzt. Zurück in Frankreich, etabliert sich Mesrine in der Unterwelt. Richets Film zeigt uns gleich zu Anfang, wo das hinführen wird. Mesrine wird observiert, als er mit einer Gefährtin das Haus verlässt.
Man folgt ihm, kreist ihn ein, stellt ihm eine Falle. Man lässt ihm keine Chance. Er ist zu diesem Zeitpunkt Frankreich Staatsfeind Nummer eins, wie der Filmtitel sagt, ein charismatischer Bankräuber und Ausbrecherkönig, der Machoposen mit revolutionären Phrasen koppelt, ein radikaler Selbstbereicherer, der sich als Vorbild einer Volksbefreiung geriert. An einer Ampel wird er aus vielen Waffen zugleich aus dem Hinterhalt niedergeschossen.
Film erzählt eine wahre Geschichte
Diesen Jacques Mesrine (1936– 1979) hat es wirklich gegeben. Der Schauspieler Vincent Cassel, der hier so druckvoll wie noch nie in einer an überaggressiven Typen reichen Karriere auftritt, macht uns das Hypnotische dieser Figur verständlich. Mesrine ist nur auf sich fixiert.
Aber in seiner gefährlichen Rücksichtslosigkeit schillert so etwas wie ein Kern höherer ausgleichender Ungerechtigkeit, als sei dieser Kerl ein Werkzeug höherer Mächte, geschickt, andere Rücksichtslose mit den Folgen ihres Handelns vertraut zu machen.
"Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt" ist nur die erste Hälfte eines Vier-Stunden-Films. Am 21. Mai kommt der zweite Teil unter dem Titel "Public Enemy No. 1 – Todestrieb" ins Kino. Die Stunden nutzt Richet weder zur psychologischen Ausdifferenzierung Mesrines noch zur Betrachtung der Figuren um ihn her.
Vielmehr wird die große Tradition des französischen Gangsterkinos abgearbeitet, werden mit Verve und Sorgfalt klassische Genreelemente interpretiert. Die "Public Enemy" – Filme zeigen Mesrines Leben fast so, wie er selbst es sehen wollte, als trotziges Abenteuer. Nur dass mehr Dreck, Pose, Bluff und Dummheit erkennbar werden, als der Räuber je eingestanden hätte.
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