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Regisseur von "Schatten der Zeit": Gallenberger: Drehbuch entstand im Stille-Post-Verfahren

VON DÖRTE LANGWALD - zuletzt aktualisiert: 12.05.2005 - 10:36

Berlin (rpo). Florian Gallenberger wurde für seinen Kurzfilm "Quiero ser" im Jahr 2001 mit dem Oscar für den besten Kurzfilm ausgezeichnet – und gilt seitdem als Ausnahmetalent unter den jungen deutschen Regisseuren. Mit "Schatten der Zeit" legt der 32-jährige Münchner nun seinen ersten Kinofilm in Spielfilmlänge vor.

Das ergreifende Liebesdrama im exotischen Ambiente Indiens erhielt bereits zwei Bayerische Filmpreise für den besten Erstlingsfilm sowie für die beste Bildgestaltung. Außerdem wurde "Schatten der Zeit" bereits im Februar auf der Berlinale gefeiert. Wir sprachen mit Florian Gallenberger über Fernwehträume, Oscar-Fieber – und was der deutsche Film mit Fußball gemeinsam hat.

Herr Gallenberger, Gratulation zu Ihrem ersten Kinofilm. Wie groß war der Druck, nachdem Sie 2001 den Oscar für den Besten Kurzfilm gewonnen hatten? 
Natürlich gibt es nach so einem Preis Erwartungen. Das hat aber auch den Vorteil, dass die Leute Interesse an meinem Film zeigen und ihn sich anschauen werden (lacht). Inwiefern man sich den Schuh anzieht, aus der Erwartung Druck zu machen, hängt ganz stark von einem selbst ab.

Hat Ihnen Helmut Dietl, der den Film produzierte, dabei geholfen?
Ja. Helmut Dietl hat mir zunächst geholfen, mit der Situation umzugehen, plötzlich einen Oscar gewonnen zu haben. Zudem hat er mir auch viel Rückhalt gegeben, war sozusagen die ruhige Kraft im Hintergrund. Dietl ist nicht auf meinen Erfolg angewiesen, sondern selber sehr erfolgreich, dadurch konnte ich viel Freiraum genießen.

Hat sich Herr Dietl als Folge Ihres Oscar-Gewinns bei Ihnen gemeldet?
Nein, wir haben uns bereits ein halbes Jahr vor dem Oscar zusammengesetzt, nachdem Dietl meinen Kurzfilm gesehen hatte. Er machte mir das unglaublich großzügige Angebot, dass ich meinen ersten Spielfilm so realisieren könne, wie ich es wollte. Diese Form von Mentorensystem gibt es leider heutzutage fast nicht mehr. Ich rechne es Dietl sehr hoch an, dass er mich bis zum Schluss bei all meinen Ideen unterstützt hat. Wenn ich Fragen hatte, war er stets für mich da – sowohl als Ratgeber, als auch als Seelendoktor. Ansonsten hat er mich aber meinen Weg alleine gehen lassen.

Trotz dieses Beistandes – haben Sie bei über drei Jahren Drehzeit nicht doch mal kalte Füße bekommen?
Indien ist ein sehr heißes Land, da bekommt man eher Angstschweiß (lacht). Natürlich gab es viele Probleme, aber das gehört zum Filmemachen. Die Dreharbeiten waren ein Abenteuer, das ich gerne bestehen wollte. Jeder Tag in diesen dreieinhalb Jahren war unglaublich - ich habe in Indien Einblicke in ein anderes Leben erhalten, die ich nicht missen möchte.

Wie kamen Sie dazu, einen Film in Bengalisch zu drehen - beherrschen Sie die Sprache?
Vor den Dreharbeiten habe ich eineinhalb Jahre in Indien verbacht, um zu verstehen, wie das Land funktioniert und auch die Sprache kennen zu lernen. Inzwischen kann ich mich ganz gut in Bengalisch unterhalten. Das Drehbuch habe ich allerdings auf Deutsch geschrieben – es wurde daraufhin zunächst ins Englische, dann ins Bengalische übersetzt. Das war wie Stille Post (lacht).

Dennoch gewagt, als Deutscher ein Drehbuch für indische Darsteller zu schreiben. Gab es keine Probleme?
Nein, ich habe sehr gute Erfahrungen gemacht. Wir haben uns für die Proben viel Zeit genommen und dabei einige Dialoge auch geändert. Bei manchen Sätzen stellte sich heraus, dass sie beim Aussprechen nicht funktionierten. Wenn die Schauspieler sich wirklich in eine Szene einfühlen, sagen sie instinktiv das Richtige.

Ihr Kurzfilm "Quiero ser" spielte in Mexiko, nun hat es Sie nach Indien gezogen. Haben Sie Fernweh?
Ich finde fremde Kulturen unendlich faszinierend - in ein Land zu kommen, in dem die Leute eine ganz andere Einstellung zum Leben haben. In denen es Dinge, die bei uns selbstverständlich sind, gar nicht gibt. Und umgekehrt. Ich empfinde es als Geschenk dieser Welt, dass es so viele verschiedene Kulturen gibt. Umso schöner, wenn man zwei völlig gegensätzliche Länder wie Indien und Deutschland durch einen Film zusammenbringen kann und gemeinsam etwas auf die Beine stellt.

Hatten Sie bei den Dreharbeiten Heimweh?
Ferne und Nähe funktionieren für mich als Zusammenspiel. Wenn ich zu Hause bin, freue ich mich auf die nächste Reise. Und wenn ich in Indien bin, habe ich ein bisschen Heimweh. Die Fremde ist also nur schön, wenn man auch eine Heimat hat.

Helmut Dietls letzter Film hieß "Vom Suchen und Finden der Liebe". Ihren Film könnte man umgekehrt mit "Vom Finden und Suchen der Liebe" betiteln. War die ähnliche Thematik Zufall?
Ja. Ich hatte Helmut Dietls Drehbuch erst gelesen, als ich mit meinem Film längst im Schneideraum saß. Unsere Filme sind ganz unterschiedlich, auch wenn sie beide über die Liebe handeln. So gut Helmut und ich uns verstehen – wir haben eine ganz andere Arbeitsweise. Ich glaube nicht, dass sich unsere Projekte gegenseitig beeinflusst haben.

Ihr Film erzählt eine tragische Liebesgeschichte mit großen Emotionen. Haben Sie persönliche Erlebnisse verarbeitet?
Biografisch ist der Film nicht. Die Liebe und das Leben sind nunmal oft tragisch. Wenn man bedenkt, wie sehr die Menschen für ihre Wünsche kämpfen - und doch meist etwas ganz anderes dabei herauskommt. Unser Leben verläuft jenseits von dem, was wir planen. Ich glaube nicht, dass die Menschen ihr Leben in der Hand haben. Außerhalb von unseren Wünschen und Aktionen gibt es so etwas wie Zufall oder Schicksal, das uns letztlich leitet – und das sich meist erst rückblickend erschließt. Wenn ich mein Leben betrachte, verstehe ich erst im Nachhinein, warum ich dort angekommen bin, wo ich mich heute befinde.

Sind Sie Fatalist?
Ich bin eher ein Realist. Ich glaube nicht, dass unser Schicksal determiniert ist, sondern dass es einen Ablauf gibt, der uns nicht bewusst ist und den wir nicht kontrollieren können. In diesem Ablauf stecken wir mit unserem Leben drin. Das ist weder gut noch schlecht, sondern hängt letztlich von unserer eigenen Interpretation ab. Anders könnte man das Leben gar nicht aushalten. Man kann nicht ewig hadern, muss seine Fehler oder sein Unglück ebenso wie seinen Erfolg oder sein Glück akzeptieren.

Wie steht es mit der Liebe? Die Hauptfiguren im Film scheinen füreinander bestimmt zu sein und finden doch nicht zueinander. 
Mir war wichtig, dass man gleich zu Anfang des Films versteht: Die Verbindung der beiden Figuren geht über pure emotionale Zuneigung hinaus. Der kleine Junge opfert seine Zukunft für seine Freundin. Das Band, das dadurch geknüpft wird, überdauert die Zukunft, ist unauslöschbar. Die Liebe der beiden hat letztlich einen symbolischen Charakter, basiert nicht nur auf gegenseitiger Sympathie oder Leidenschaft.

Sie haben mal gesagt, dass es eine Parallele zwischen dem deutschen Film und der Fußballnationalmannschaft gibt. Wie meinten Sie das?
Wenn es um den deutschen Film geht, wechseln sich Euphorie und Bestürzung immer phasenweise ab. Ich finde es wichtig, dass wir endlich ein realistisches Verhältnis zu unserem Filmschaffen bekommen. Realismus heißt: Nicht bei jedem guten Film zu glauben, nun sei der Stein der Weisen gefunden worden und alle nachfolgenden Werke würden ebenso erfolgreich sein. Es kann nicht nur einer die Kohlen aus dem Feuer holen.

Wie schätzen Sie als junger deutscher Filmemacher die momentane Situation ein?
Zurzeit gibt es wieder eine sehr breite Schicht von guten jungen Regisseuren, die sich alle engagieren. Das gibt Grund zu Optimismus und ist sicher auch eine Folge der vielen Filmhochschulen. Das müssen wir jetzt weiter pflegen und dürfen nicht nach jedem Misserfolg alles wieder in Frage stellen. Die Diskussion wird viel zu emotional geführt. Im Ausland werden ebenso schlechte Filme produziert, nur bekommt man die bei uns nicht zu sehen. Ich halte es für einen Fehler, in nationalen Kategorien zu denken. Es gibt gute und immer wieder auch schlechte Filme – egal, ob aus Deutschland oder sonst woher.

Quelle: rpo

 
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