62. Filmfestspiele von Venedig: Gerade "große Namen" enttäuschen bisher
VON RUDOLF WORSCHECH - zuletzt aktualisiert: 07.09.2005 - 14:58Venedig (rpo). Noch drei Tage - dann werden in Venedig bei den Filmfestspielen die Goldenen Löwen vergeben. Bisher haben gerade die "großen Namen" der Regieszene enttäuscht, ob nun Abel Ferrera, John Madden oder Patrice Chéreau. Noch immer gilt daher ein Film als Favorit, der ganz am Festivalanfang gezeigt wurde: George Clooneys "Good Night, And Good Luck".
Die Suche nach Spiritualität und Religiösität scheint symptomatisch für eine Strömung bei den Filmfestspielen in Venedig. So hat Regisseur Abel Ferrara in seinem Wettbewerbsbeitrag mit "Mary" eine krude Suche nach Liebe und Erlösung inszeniert. Da hat Talkshow-Gastgeber Ted Younger den Regisseur Tony Childress zu Gast, dessen Jesusfilm bald im Kino anlaufen wird. Younger, gespielt von Forest Whitaker, ereifert sich. Dahinter steckt einerseits die Arroganz seines Gegenübers - andererseits eine existenzielle und metaphysische Krise.
In den frühen neunziger Jahren war Abel Ferrara so etwas wie das enfant terrible des US-amerikanischen Gangsterfilms - auch damals suchten seine Figuren nach Erlösung. Aber in "Mary" stellt er das Verlangen nach Sinn allzu plakativ und aufdringlich aus.
Auch Philip Gröning unternimmt in seinem Film "Die große Stille" den Versuch, so etwas wie spirituelle Erfahrung zu dokumentieren. Rund ein halbes Jahr hat der Regisseur in der "Grand Chartreuse" gelebt, dem großen Karthäuserkloster in den französischen Alpen. Er hält die alltäglichen Arbeiten der Mönche, die nur selten ihr Schweigegelübde brechen dürfen, mit seiner Digitalkamera fest, beobachtet sie beim Kochen, bei der Gartenarbeit, bei der Messe, und beim Beten in ihrer Zelle.
Gröning stellt keine Fragen, liefert keine Hintergründe etwa durch einen Off-Kommentar. Er strukturiert seinen fast dreistündigen Film nur durch die immer gleichen Rituale und den Ablauf der Jahreszeiten. Erkenntnisse sind dadurch kaum zu erwarten, aber ein Miterleben von Kontemplation und Meditation. Was auch funktioniert hätte, wenn der Film eine Länge von "nur" zwei Stunden gehabt hätte.
Dreharbeiten unter dem ewigen Eis
"Die große Stille" lief in der Reihe "Orizzonti", die auch den zweiten deutsche Film des Festivals präsentierte: Werner Herzogs "The Wild Blue Yonder" - in den Wettbewewerb hatte es kein deutscher Beitrag geschafft. Eine "Science Fiction Fantasy" nennt Herzog seine Dokufiction, in der ein Außerirdischer, dargestellt von dem amerikanischen Schauspieler Brad Dourif, von seinen Erfahrungen auf der Erde berichtet und eine Astronauten-Crew aufbricht, um wiederum dessen Planeten zu erforschen. Herzog schneidet Archivaufnahmen von Bord einer Raumfähre zu seiner abstrusen Geschichte und hat die Aufnahmen auf dem fremden Planeten mit Tauchern unter dem ewigen Eis filmen lassen.
Herzogs amüsant erzählter Film zeigt, dass er sich das Gespür für das Neue immer noch bewahrt hat. Ein bisschen von diesem Geist hätte auch der Wettbewerb bitter nötig gehabt. Denn gerade die "großen" Namen enttäuschten.
Der polnische Altmeister Krzysztof Zanussi lässt in seinem "Persona non grata" die Probleme seiner Figur, einem aus der polnischen Solidarnosc-Bewegung stammenden Diplomaten, einfallslos zerreden, Patrice Chéreau präsentierte mit "Gabrielle" ein vollkommen künstliches Kammerspiel um die Auseinandersetzungen eines Ehepaars zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts.
Takeshi Kitano lieferte in seinem als Überraschungsfilm in den Wettbewerb lancierten "Takesh's" eine narzisstische Selbstbespiegelung, und John Madden, der Regisseur von "Shakespeare in Love", schilderte in seinem "Proof" allzu einfach den Kampf einer Wissenschaftlerin um Anerkennung. Noch immer könnten deshalb die Favoriten auf den Goldenen Bären zwei Filme vom Festivalanfang sein: George Clooneys "Good Night, And Good Luck" und Ang Lees "Brokeback Mountain". Aber noch ist die Mostra nicht zu Ende.
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