Berlinale 2005: Glamour, Stars und ein kontroverser Eröffnungsfilm
VON DÖRTE LANGWALD - zuletzt aktualisiert: 11.02.2005 - 07:42Berlin (rpo). Mit dem Abenteuereops "Man to Man" hat am Donnerstagabend in Berlin die Jagd auf den Goldenen Bären begonnen. Zur Weltpremiere des historischen Dramas über ein Anthropologen-Team im 19. Jahrhundert erschienen die Hauptdarsteller Kristin Scott Thomas und Joseph Fiennes, Regisseur Régis Wargnier sowie zwei außergewöhnliche Newcomer an der Spree.
Eine kuriose Pressekonferenz zum Auftakt der 55. Filmfestspiele in Berlin: Denn nicht die Hollywood-Größen Kristin Scott Thomas und Joseph Fiennes standen im Mittelpunkt des Interesses, sondern ihre gänzlich unbekannten Co-Stars Lomama Boseki und Cécile Bayiha – zwei afrikanische Ureinwohner, die für „Man to Man“ erstmals ihre abgeschiedene Heimat im Regenwald verlassen hatten und sich nun sichtlich überwältigt zeigten von der Begegnung mit den zahlreichen internationalen Journalisten.
Pygmäen – kleine Menschen des Waldes nennt man das afrikanische Naturvolk, das noch wie vor Jahrtausenden im tropischen Regenwald als Jäger und Sammler lebt. In „Man to Man“ macht sich der ambitionierte Evolutionsforscher Dr. Jamie Dodd (Joseph Fiennes) gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf, zwei „Exemplare“ dieser sagenumwobenen „Spezies“ zu fangen. Er will die kleinwüchsigen Buschbewohner untersuchen, um so wesentliche Erkenntnisse über den Ursprung der Menschheit zu gewinnen. Tatsächlich gelingt ihm mit Hilfe der abgebrühten Tierhändlerin Madame van den Ende (Kristin Scott Thomas), zwei Pygmäen aus dem Dschungel zu verschleppen und in seine schottische Heimat zu verschiffen.
Bindeglied zwischen Affen und der primitivsten Menschenrasse
Im heimischen Labor stürzt sich Dodd gemeinsam mit seinen Kollegen Fraser McBride (Hugh Bonneville aus „Nottting Hill“) und Alexander Auchinleck (Iain Glen aus „Resident Evil: Apocalypse“) wie übereifrige Kinder auf das Studium der pygmäischen Prototypen – sie vermessen deren Gesichtswölbung, fertigen Gipsabdrücke ihrer Köpfe an und notieren fasziniert das Verhalten ihrer völlig verstörten Versuchskaninchen.
Schon bald ist das Anthropologen-Trio überzeugt: Die Pygmäen stellen das fehlende Bindeglied zwischen den Affen und der primitivsten Menschenrasse dar – eine revolutionäre Entdeckung! Doch je besser Dodd seine Gefangenen kennenlernt, desto mehr wird ihm klar, dass sie - anders als vermutet – sehr wohl über Intelligenz und Menschlichkeit verfügen. Eine Erkenntnis, die jedoch zu spät kommt: Denn Dodds Kollegen sind fest entschlossen, die vermeintlich primitiven „Untermenschen“ der Öffentlichkeit als Sensation zu präsentieren.
Ein fesselndes Thema, das der französische Regisseur Régis Wargnier („Indochine“) erfreulicherweise nicht als moraltriefenden Hollywood-Lehrschinken inszenierte – wenn auch ihm viele Journalisten vorwarfen, sein Potenzial für ein Plädoyer gegen Rassismus und Unmenschlichkeit nicht voll genutzt zu haben. Joseph Fiennes dazu: „Das Publikum muss entscheiden, ob ihm der Film gefällt oder nicht. Die Geschichte spielt in der viktorianischen Zeit und zeigt die Ereignisse aus damaliger Sicht. Man muss sich auf die Figuren und die Umstände, in denen sie gelebt haben, einlassen, um Zugang zu ihnen zu bekommen“.
Dass weder Fiennes noch die Pygmäen im Film als Identifikationsfiguren fungieren, sondern der Zuschauer eher auf Distanz gehalten wird, mag man Wargnier als Fehlgriff ankreiden – tatsächlich wird der Zuschauer ebenso zum Beobachter, wie es die Wissenschaftler in Bezug auf ihre Forschungsobjekte sind. Eine Perspektive, die immer wieder mit der Frage spielt, wer eigentlich wen studiert.
„Rohheit“ und „Ursprünglichkeit“
Joseph Fiennes lobte die „Rohheit“ und „Ursprünglichkeit“ des Spiels der pygmäischen Laiendarsteller Lomama Boseki und Cécile Bayiha, neben denen zu spielen „eine wunderbare und intensive Erfahrung“ gewesen sei. Und Kristin Scott Thomas bekannte: „Lomama und Cécile haben einfach agiert, ohne großartig nachzudenken. Manchmal kam ich mir neben ihnen richtig albern vor, wenn ich stundenlang darüber nachdachte, welche Geste oder welchen Ton ich wählen soll“.
Für Lomama Boseki gab es dann auch Standing Ovations, als er erklärte: „Bevor ich bei diesem Film mitgespielt habe, war ich noch nie in einer Stadt. Anfangs hatte ich große Angst davor, den Regenwald zu verlassen. Aber jetzt bin ich sehr stolz, bewiesen zu haben, dass ich genauso viel kann, wie ein Stadtmensch. Ich hatte beim Drehen keine Ahnung, was ich da eigentlich tat. Heute so viele Leute zu sehen, die sich unseren Film angeschaut haben, macht mich überglücklich“.
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