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  Foto: AFP, AFP
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Regisseur wird 80: Godard – Revolutionär des Kinos

VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 03.12.2010 - 07:35

(RP). Heute feiert der bedeutendste Regisseur des europäischen Films seinen 80. Geburtstag. Jean-Luc Godard, dessen Arbeiten "Außer Atem" und "Die Verachtung" Ereignisse waren, hat sein Publikum längst verloren. Sein Spätwerk inspiriert indes jüngere Kollegen wie Quentin Tarantino.

Info

DVD-Empfehlungen

Box-Set Die zehn wichtigsten Filme Godards bis 1985 liegen bei Arthaus in einer Box vor. Dazu gehören auch die unbedingt sehenswerten Werke "Alphaville" und "Elf Uhr nachts" (82 Euro).

Theorie Godards experimentelle Filmgeschichte "Geschichte(n) des Kinos" gibt es auf zwei DVDs bei Suhrkamp (25,99 Euro). Klaus Theweleit liefert den Begleittext.

Die Jungs von der Nouvelle Vague wussten zu leben, zu lieben natürlich auch, das ist in Paris ja dasselbe. In den späten 50ern war das, damals wollten sie alles anders machen – "Neue Welle" heißt Nouvelle Vague übersetzt. Menschen in Bewegung setzen. Chabrol war einer von ihnen, Rohmer und Rivette gehörten dazu. Bürgersöhne zumeist, so gescheit wie arrogant.

Sie schauten Filme und diskutierten über Filme und drehten Filme, und das Leben war ein Spiel, und Prinzipien waren dazu da, gebrochen zu werden. Wunderbare Frauen rannten ihnen nach, die Bardot und die Dänin Anna Karina, und sie machten alles, was die Jungs von ihnen wollten. Es entstanden Szenen, die den Bilderschatz des 20. Jahrhunderts bereicherten: Jeanne Moreau und Oskar Werner, wie sie in "Jules und Jim" lachend über eine Brücke rennen. Jean Seberg in "Außer Atem" als Zeitungsmädchen auf den Champs-Elysées. "Film ist, mit schönen Frauen schöne Dinge tun", sagte Truffaut, und das hätten alle Mitglieder dieses Zirkels unterschrieben. Nur einer nicht: Godard. Er war der wildeste. Hardliner. Widerborst. Punk. Heute feiert er seinen 80. Geburtstag.

Jean-Luc Godard wollte die Sehgewohnheiten des Publikums verletzten, er wollte die genretypischen Inhalte von Gangsterfilm und Liebesdrama dekonstruieren. In "Außer Atem" verwirrte er mit Jump Cuts, Schnitten mitten in der Bewegung. Seine Figuren schauten beim Reden zu Boden, sie sprachen aneinander vorbei, sie machten sinnlose Dinge während der Unterhaltung. Godard schnitt Schießereien ohne Bezug zur Handlung in seine Filme. Er wollte stören, die Relationen lösen, die üblicherweise zwischen den Bildern herrschen, und aufscheinen lassen, was zwischen den Dingen ist. Die Dinge selbst waren ihm gleichgültig. Jeder neue Godard galt als gesellschaftliches Ereignis.

Die sich ins Verbissene steigernde Radikalität kam bei den Kumpels von einst indes nicht gut an. Sie schielten nach Amerika, ließen sich von den großen Studios umwerben, aber Hollywood war für den im Pariser Mai 1968 auch politisch radikalisierten Godard die Hölle. Sein Antiamerikanismus hat Bestand: Noch in diesem Jahr verweigerte er die Entgegennahme seines Ehren-Oscars. Er schrieb in den 60er Jahren böse Briefe an die vormaligen Freunde, "Film ist Kunst und gleichzeitig Theorie", schimpfte er. Er wurde immer heftiger, als die anderen ihm andeuteten, dass sie eigentlich lieber darüber nachdenken wollten, ob es die Liebe gibt. Macht eure Filme, rief er, ich mache Kino. Godard zog nach Rolle am Genfer See, seine Eremitage der permanenten Revolte. Er fiel durch antisemitische, rechts- und linksradikale Verfehlungen auf. Und er machte mit seinen neuen Genossen knallharten Agitprop, sarkastische und finstere Agitationswerke für die marxistische Sache.

Allmählich kam ihm dabei das Publikum abhanden. Auch als er wieder Spielfilme drehte und Woody Allen als Darsteller bei ihm mitmachte und eindrucksvolle Frauengesichter und -körper seine Arbeiten "Passion" und "Vorname Carmen" beseelten – Hanna Schygulla, Emmanuelle Seigner, Julie Delpy, Maruschka Detmers, Isabelle Huppert, Nathalie Baye –, sahen das nur die Happy Few. "Detektive" von 1985 ist sein letzter Film, den man als Erfolg werten kann. 1991 sprach man noch einmal über ihn, sein Film zur Deutschen Einheit war so unerhört: "Deutschland Neu(n) Null". Eddie Constantine steht da als "der letzte Spion" Lemmy Caution im entvölkerten Bitterfeld. Don Quichotte reitet vorbei und ruft: "Mach Dir keine Sorgen, wir sind alle noch hier."

Godard experimentierte als erster namhafter Regisseur mit dem Medium Video. Er montiert seither fremde an eigene Bilder, Gefundenes an Komponiertes. Er sei nicht mehr Autor, sondern Sammler und Organisator, sagt er. Es gibt in seinem Spätwerk keine Handlung. Und obwohl das wüst klingt, geht von diesen Werken etwas aus, eine Magie, Schwingung. "Er wirbelt das Alphabet und die Worte durcheinander", schrieb der Regisseur Dominik Graf zu Godards 70. "Er nimmt mit uns die Welt auseinander, um sie dann neu sehen, neu hören zu können." Godard benutzt die Kamera wie Wissenschaftler das Mikroskop. Film ist Mittel des Denkens und Logik autoritär. Der Künstler hat sich von der Gesellschaft befreit. Das Neue ist nur hinter der Wirklichkeit zu finden. Der Höhlenbewohner schickt seine Bilderrätsel in die Welt und sagt: Bedient euch, alles ist Material. Denkt!

Die Erkenntnisse aus Godards einsamen Erkundungen kommen beim Mainstream mit Verzögerung an, aber sie kommen an. Kollegen wie Quentin Tarantino, der seine Produktionsfirma nach Godards Klassiker "Außenseiterbande" benannt hat, nehmen sie auf, tradieren sie: das Durchbbrechen der Filmrealität durch Dokumente und Musikeinlagen, die Verwendung von Schrift und Zitat als Kunstmittel, die Ästhetik des Videoclips. Die Welle rollt. Auch wer jahrelang keinen Film von Godard gesehen hat, ist also vertraut mit seinen Studien.

"Seine Avantgarde ist lange her", schrieb Dominik Graf, "aber sie ist immer noch vorneweg."

Quelle: RP

 
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