"Ein russischer Sommer": Helen Mirrens Kampf mit Tolstoi
VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 28.01.2010 - 07:48Düsseldorf (RP). In "Ein russischer Sommer" spielt Helen Mirren die Gattin des Dichters Leo Tolstoi. Streitlustig zunächst, dann immer verzweifelter versucht sie zu verhindern, dass ihr Mann die Rechte an seinem Werk dem russischen Volk vermacht. Diese Rolle dürfte Mirren eine Oscar-Nominierung einbringen.
Natürlich genießt sie die dramatischen Szenen ihrer Ehe; das furiose Gezänk mit ihrem Gatten, das pathetische Jammern, Zürnen, Zusammenbrechen unter heißen Tränen. Sofia Tolstoi hat ein Talent für hysterische Auftritte.
Und einen Grund: Die Anhänger ihres Mannes, des großen Leo Tolstoi, bedrängen den Schriftsteller, die Rechte an seinem Werk dem russischen Volk zu vermachen. Gegen den Willen der zänkischen Gattin, die ihm immerhin 13 Kinder geboren hat und um ihr Erbe fürchtet.
Kein Wunder, dass Sofia sogar im Nachthemd auf den Balkon klettert, um die verschwörerischen Gespräche im Arbeitszimmer ihres Mannes zu belauschen – und so unstandesgemäß bekleidet vor die Männer tritt, um für ihre Rechte zu kämpfen. Dass sie dabei stürzt und die halbe Inneneinrichtung mitreißt, macht ihren erbosten Auftritt zum kuriosen Kracher. Es sollen noch manche folgen.
Genüsslich setzt Michael Hoffman in seiner Literaturverfilmung "Ein russischer Sommer" den legendären Ehekrieg zwischen Leo Tolstoi und seiner reizbaren Gattin in Szene. Man könnte auch sagen plakativ. Erträglich ist das nur, weil Helen Mirren diese Sofia spielt und sie nicht eindimensional als kreischendes Weib gibt, sondern würdevoll, ironisch-zornig, auch in demütiger Lage ganz Dame.
Stets hat das Publikum das Gefühl, dass Sofia selbst die erste Zuschauerin ihrer Szenen ist, dass sie sich selbst in der Unbeherrschung beherrscht. Diese Frau hat die Größe, sich selbst ein wenig lächerlich zu finden, aber auch attraktiv in ihrem Furor. Streitlust ist schließlich auch eine Form von Leidenschaft.
Und wenn Helen Mirren so schmollend am Schreibtisch ihres Gatten sitzt, ein Testament entdeckt und sich dann ganz fallen lässt von neckischem Zorn in wahnsinnige Wut, dann ist das sehenswert. Das lässt Szenen vergessen, in denen Christopher Plummer als Tolstoi im Schlafgemach krähend um die Gunst seiner Frau balzt und die zurückgackert. Solche Peinlichkeiten hätte man den Schauspielern wie dem Andenken an das Dichterpaar gern erspart.
Doch Hoffman findet in diesem Film einfach keine subtilen Bilder für das späte Zerbrechen einer Ehe, mit Andeutungen zu spielen gelingt ihm nicht. Alles erscheint verkrampft drastisch. So lässt Hoffman zu Beginn etwa einen naiven Sekretär auf Tolstois Landgut eintreffen, der sich mit kindlicher Ehrfurcht in den Dienst des Dichters begibt und entsprechend staunend die Verhältnisse in der Familie entdeckt.
James McAvoy ist dieser arme Sekretär, der ständig verdutzt gucken und vor Aufregung niesen muss und sich unsterblich in eine blond gelockte Dichter-Jüngerin verliebt, die in einer der Tolstoi-Kommunen überaus attraktive Schwerstarbeiten verrichtet, Holzhacken zum Beispiel.
Diese Kommune ist einer der wenigen Hinweise in diesem Film auf die Lehre Tolstois. Denn der Dichter schrieb keineswegs nur realistische Schinken wie "Krieg und Frieden" oder "Anna Karenina", sondern predigte auch Gewaltlosigkeit, Nächstenliebe, Enthaltsamkeit, gründete reformpädagogische Dorfschulen und versuchte die Bauern auf dem Land zu halten, indem er bei Missernten für Ausgleich sorgte. So hatte er bald glühende Anhänger, die Landkommunen gründeten, auf Privateigentum, Fleisch und Sex verzichteten, die Lehre des Dichters zu leben versuchten.
Doch das wird bei Hoffman nur angedeutet. Ihm geht es schließlich um den Rosenkrieg und dessen trauriges Finale. Nach fast 50 Jahren Ehe beschloss Tolstoi 1910, seine impulsive Frau zu verlassen und verschwand mit Lieblingstochter Sascha gen Süden. Doch weil er einen offenen Zug bestieg, erkrankte er an einer Lungenentzündung und starb daran noch auf der Reise: im Bahnwärterhäuschen von Astapowo.
Wie Journalisten schon Anfang des vergangenen Jahrhunderts diesen Bahnhof belagern, der Leibarzt Tolstois täglich Pressekonferenzen zum Krankenstand gibt und schließlich den Tod des Dichters verkündet, das ist in diesem Film fast dokumentarisch zu erleben und wirkt verblüffend in seiner traurigen Modernität.
Sehen aber muss man diesen Film einzig wegen Helen Mirren, die schon in Stephen Frears "The Queen" das garstige Bild einer berühmten Dame gekonnt zerlegt hat. Auch im Falle Sofia Tolstois gelingt ihr das, indem sie erkennen lässt, was diese Frau geformt hat und was sie antreibt. Sofia gilt als die zänkische Matrone, die ihren Mann in den Tod trieb.
Bei Helen Mirren wird sie eine glühende, etwas theatralisch veranlagte Frau, die um ihr Recht kämpft und sich auch von dünkelhaft blasierten, intrigant begabten Männern nicht einschüchtern lässt. Fast sympathisch.
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