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70. Geburtstag: Herzlichen Glückwunsch, Götz George

VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 22.07.2008 - 22:50

Düsseldorf (RP). Als Tatort-Kommissar „Schimanski“ hat er dem Ruhrgebiet fluchend, schnoddrig, für Gerechtigkeit prügelnd ein sehr männliches Idol geschenkt. Doch natürlich kann er mehr, ist auch glänzender Komödiant und Charakterdarsteller. Zu seinem Geburtstag am 23. Juli eine Würdigung.

Götz George wird 70.  Foto: RP/Andreas Probst
Götz George wird 70. Foto: RP/Andreas Probst

Durch das Seitenfenster eines pfützenbraunen Ford Taunus blickt die Kamera auf Duisburg: Kräne, Lagerhäuser, kahle Bäume. Dann findet die Kamera im Auto den Mann, der in diese Landschaft gehört: graue Schmuddel-Feldjacke, Schnäuzer, struppige Frisur. Richtig frisch wirken nur die hellblauen Augen. Schimanski hat die Hand auf die Stirn gelegt; gestern gab’s wieder zu viel Bier mit Korn. Ein müder Krieger. Doch wenn Kollege Thanner in Gefahr gerät, ist er plötzlich hellwach, prügelt sich bis die Tische krachen. Denn da ist viel Zorn in diesem Schimanski – und viel Mitgefühl.

Es ist dieser Ermittler aus der Malocherschicht, Prolo und Gerechtigkeitsfanatiker, Aufmüpfling, Kumpel, ein echter Kerl, der wie ein Abziehbild an Götz Georges Name klebt. Denn er hat diese fluchende Variante des deutschen Kriminalbeamten nicht nur gespielt, er hat sie geschaffen. Und mit seiner pöbelnden Männlichkeit die biederen Erik Odes und Horst Tapperts der deutschen Kommissargeschichte abgelöst.

Der Stahlkocher-Bulle

Wie alle markanten Figuren hat Schimanski ein Eigenleben entwickelt. Darum wird am Mittwoch nicht nur Götz George 70, sondern auch dieser aufsässige Stahlkocher-Bulle, der dem Ruhrgebiet gezeigt hat, mit welchem Trotz man stolz sein kann auf eine triste Heimat mit Charakter.

Natürlich kann Götz George viel mehr. Zum Beispiel einen „Todmacher“ spielen. So grob, einsam, um Zuneigung bettelnd, dass der Zuschauer sich gegen Mitgefühl kaum wehren kann. Würde er nicht blöde lachend erzählen, wie er seine Opfer in Stücke schnitt und immer wieder diesen Satz poltern: „Waren doch nur Puppenjungen.“ Da lässt George in das absolut Böse einer simplen Seele blicken. Welchem Schauspieler gelingt das schon?

Oder Komödie. George als neurotisch näselnder, größenwahnsinniger Schmierenjournalist, der mit gefälschten Hitler-Tagebüchern ganz groß rauskommen will. „Schtonk!“ hat seinen Erfolg auch ihm zu verdanken.

Götz George ist ein Besessener, ein Detailfanatiker. Das macht ihn so gut – und so schwierig. Doch wenn er sich bei „Wetten dass...?“ mit Gottschalk anlegt oder höchste Auszeichnungen mit den Worten annimmt: „Ich habe so wahnsinnig Hunger, wir müssen zu Ende kommen“, dann spricht daraus mehr ehrliche Verachtung für das verflachte Unterhaltungsgeschäft als jene wahrhaben wollen, die ihn Diva nennen und seine Ausraster zählen. Wenn einer wie Götz George stur darauf pocht, dass Fernsehmacher Verantwortung tragen für die Geschmacksbildung des Publikums, dann kann man das für nervig oder altmodisch halten. Oder für wahr.

Natürlich wirkt er nicht wie 70, dieser Götz George. Vielleicht liegt es daran, dass er einen Rückzugsort hat. Er lebt auf Sardinien, wenn er nicht dreht, fährt Motorrad, surft, läuft, schwimmt – und wahrscheinlich hält ihn die Einsamkeit genauso fit wie der Sport. Vielleicht ist das aber auch nur Fassade, denn George hat durchaus schon in Abgründe geblickt. 1996 wurde er bei einem Taucherunfall schwer verletzt, erst vor kurzem musste er sich einer ernsten Herzoperation unterziehen.

Und so ganz einsam ist er auch nicht, wenn auch kein Familienmensch. Die Hamburger Journalistin Marika Ullrich ist seine Lebensgefährtin und eine Tochter aus der Ehe mit der Schauspielerin Loni von Friedl hat er auch. Doch Tanja-Nicole lebt in Australien, ist Bildhauerin, und George selbst sagt, der Beruf sei ihm immer das wichtigste gewesen. So einer baut kein Nest.

Schauspielerei von Eltern gelernt

Die Schauspielerei vor alles zu stellen, das hat er von den Eltern gelernt, den Darstellern Berta Drews und Heinrich George. Vor allem der Vater, der schon 1946 in einem sowjetischen Internierungslager starb, hat Götz George getrieben. So ausdrucksstark wie er wollte er sein und wohl auch so gefragt. Kritik an der Haltung des Vaters während der Nazi-Zeit, an seinen Rollen in Propagandafilmen wie „Jud Süß“ oder „Kolberg“, ist von Götz George nicht zu hören. Nur ein tiefes Beeindrucktsein von der Körperlichkeit, der darstellerischen Wucht des Vaters – als seien gerade das nicht auch seine eigenen Stärken.

Nur hat er sie nicht volkstümlich eingesetzt, sondern wütender, rebellischer in der Darstellung von Menschen, die irgendwie zu Außenseitern wurden. Oft weil sie Anerkennung suchten, aber zu spät merkten, dass man Liebe nicht erzwingen und auch nicht verdienen kann. Götz George hat diese Anerkennung gefunden, hat alle wichtigen Auszeichnungen bekommen – und manches Mal nicht persönlich abgeholt. Er hadert mit dem Apparat, dessen Teil er ist, will nicht von den falschen Menschen gelobt werden, von den „Friseuren, Frauen mit gefärbten Haaren, Köchen und anderen Knalltüten“, die er als Hauptfiguren des Showgeschäfts ausgemacht hat.

Darin ähnelt er Schimanski, der sich nicht in den Polizeiapparat fügen mag, Bulle sein will, aber nicht Beamter. George spielt ihn noch immer, diesen Haudegen aus dem Pott – auch das ein Grund, warum man meint, er altere nicht.

Dabei hat George keine Angst, Verfall darzustellen. Er hat den alternden Boxer Bubi Scholz gespielt und einen Mann, dessen Geist von Alzheimer zerfressen wird. Doch bleibt eben immer dies Gefühl, er spiele diese alten Menschen nur, als sei er selbst vom Älterwerden noch weit entfernt.

Ruhrgebietshelden sind eben unsterblich.


 
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