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Puppentrickfilm "Coraline": Hinter der Tür beginnt das Märchen

VON ALBERT BAER - zuletzt aktualisiert: 13.08.2009 - 02:54

(RP). Der ungewöhnliche Puppentrickfilm "Coraline" von Henry Selick erzählt die Geschichte von "Alice im Wunderland" auf zeitgemäße Weise. Der als "besonders wertvoll" eingestufte Film entführt in eine wunderbare und gruselige Sphäre voller skurriler Geschöpfe.

 Foto: Twentieth Century Fox
Foto: Twentieth Century Fox

Schon in "Alice im Wunderland" geriet ein kleines Mädchen durch einen Kaninchenbau in eine absurde Welt voller seltsamer Geschöpfe und Geschehnisse. Und im Klassiker "Der Zauberer von Oz" war es die halbwüchsige Dorothy, die durch einen Wirbelsturm aus ihrem grauen Alltag in ein farbenfrohes Land geschleudert wurde.

Auch die 11-jährige Coraline träumt von einem anderen Leben. Gerade ist sie mit ihren Eltern in ein altes Landhaus gezogen, das irgendwo in der Einöde liegt. Mutter und Vater sind ständig mit anderen Dingen beschäftigt, und dann ist da noch dieser neue Nachbarsjunge, der nur nervt. Aus Langeweile erkundet die kratzbürstige wie neugierige Göre das neue Heim, das sich die Familie mit zwei ständig plappernden alten Schachteln und einem verrückten ehemaligen Zirkusartisten teilt.

Dabei stößt Coraline auf einen geheimen, nur nachts geöffneten Tunnel, durch den sie in eine schönere Version ihrer alten Welt kommt. Dort erwartet sie ein Schlaraffenland, so wie sie es sich wünscht. Hier leuchten die Farben, wartet eine andere Mutter, die die köstlichsten Speisen auf den Tisch bringt, ein anderer Vater, der endlich Zeit für sie hat, und ein anderer Nachbarsjunge, der endlich mal den Mund hält. Merkwürdig ist nur, dass hier die Menschen Knöpfe statt Augen im Gesicht haben. Dass das alles viel zu perfekt ist und hinter der scheinbar heilen Welt der knopfäugigen Wesen Böses schlummert, findet Coraline erst heraus, als es fast zu spät ist.

In Zeiten, wo Animationsfilme nur noch im Computer entstehen und mit digitalen Tricks zumeist nur Effekthascherei betrieben wird, wirkt die Rückbesinnung auf eine alte Filmtradition wie eine Offenbarung. Der von der Wiesbadener Filmbewertungsstelle als "besonders wertvoll" eingestufte "Coraline" ist der erste 3-D-Film im Stop-Motion-Verfahren, das bedeutet, man sieht nicht im Rechner hergestellte Bilder, sondern mit der Hand gemachte Puppen. Regisseur Henry Selick hat sich auf das anachronistische Verfahren spezialisiert, und so ist es nicht verwunderlich, dass er Ray Harryhausen, jenen Trick-Pionier, der einst mit seinen Fabelwesen Klassiker wie "Sindbads 7. Reise" oder "Jason und die Argonauten" bereicherte, als großes Vorbild bezeichnet.

Auch Selick ließ bereits in zwei Filmen seiner Fabulierkunst mit bizarren Puppengestalten freien Lauf. In "Nightmare Before Christmas" war es ein Skelett-Männchen, das Santa Claus entführte und Grusel-Geschenke basteln ließ, auf die die Kinder bei der Bescherung mit Entsetzen reagieren. Und in "James und der Riesenpfirsich" reiste ein kleiner Junge, um seinen Tanten zu entkommen, durch das Innere eines Pfirsichs und begegnete dort skurrilen Charakteren.

Nun schickt Selick ein Mädchen auf Entdeckungsreise, nach dem Bestseller-Roman des Briten Neil Gaiman, der diese Gruselgeschichte ursprünglich für seine eigenen Töchter geschrieben hat. Mit verschrobenen Figuren und blühender Fantasie, von der nicht nur das surreale Blumenmeer im Garten zeugt, erzählt uns Selick eine schaurig-schöne wie betörende Fabel, die mit der Trickfilm-Niedlichkeit von Disney nichts zu tun hat. Hier geht es morbid-makaber zu und mitunter so grausam wie in den Märchen der Gebrüder Grimm.

Die Mutter in der Parallelwelt entlarvt sich als böse Hexe, und die spitze, lange Nadel liegt schon bereit, um Knöpfe in die Augen der kleinen Heldin zu nähen. Dabei setzt Selick die 3D-Technik nicht protzig ein. Statt dem Zuschauer ständig Action um die Augen zu jagen, verleiht 3D hier den Gesichtern und dem Geschehen eine plastische Tiefe. So es ist vor allem die Poesie, die Magie der Bilder, die Kinder und Erwachsene gleichermaßen faszinieren dürfte. Und wie im "Zauberer von Oz" stellt sich am Ende heraus, dass es nirgendwo so sicher ist wie zuhause.

Bewertung: 5 von 5 Sternen

Quelle: RP

 
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