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Isabelle Huppert
"Erfolg überrascht mich"

Interview mit Isabelle Huppert: "Erfolg überrascht mich"
Schauspielerin Isabelle Huppert ist zurzeit sehr gefragt. Ihre ersten Filme drehte sie bereits Anfang der 70er Jahre. FOTO: Alastair Grant
Düsseldorf. Die 64-Jährige Schauspielerin dreht immer noch Film um Film. Isabelle Huppert sagt, die Welt sei zuweilen unmoralisch, und das müsse man zeigen.

Düsseldorf Intelligenz, Kühle und Sinnlichkeit - diese Eigenschaften charakterisieren die Rollen, mit denen Isabelle Huppert ihr Publikum immer wieder fesselt. Die 64-jährige Pariserin gilt als facettenreiche Verwandlungskünstlerin: Zuletzt brillierte sie in "Elle" als atypisches Opfer einer Vergewaltigung. Nun ist sie in der bittersüßen, rührenden Romanze "Ein Chanson für Dich" über einen ehemaligen Eurovision-Star zu sehen.

Sie offenbaren in Ihrem neuen Film unbekannte Talente. Sie können hinreißend singen und performen.

Huppert Ich wünschte, ich könnte richtig singen. Ich habe auch in Cannes bei der Feier zum 70. Geburtstag des Festivals ein Ständchen gebracht, aber nur aus reinem Vergnügen. Der Schlager, den ich in "Ein Chanson für Dich" singe, gefiel mir selbst enorm gut, vom Text und der Melodie. Ein totaler Ohrwurm, den man gar nicht mehr loswird. Richtig singen zu können, das wäre ein Talent, das ich gern besäße.

Ihr letzter Film "Elle" bescherte Ihnen eine Oscarnominierung. Können Sie Ihren Erfolg genießen und auch mal mit Genugtuung zurückschauen?

Fotos: Das sind die Gewinner der Oscars 2017 FOTO: dpa, his

Huppert Ich betrachte nichts als selbstverständlich, weder Arbeit zu haben noch die Anerkennung meiner Arbeit. Filme sind immer noch kleine Wunder für mich, und wenn meine Filme solche Beachtung bekommen, finde ich das wundervoll. Erfolg überrascht mich immer.

Ist Schauspiel für Sie eine Sucht?

Huppert Nein, ein Vergnügen. Wenn ich spiele, selbst die dramatischsten Szenen, ist es ein Genuss, keine Arbeit. Es hat auch nichts mit Gefühlen zu tun. Ich empfinde nichts, ich tue es einfach. Ich denke erst an die Figur, und dann denke ich mich langsam in sie hinein. Wahrscheinlich bin ich die Einzige, die genau weiß, wie sich das anfühlt.

Auf der Leinwand scheinen Sie immer stark, unnahbar, geradezu unterkühlt. Sind Sie das auch privat?

Huppert Ich finde meine Figuren gar nicht unterkühlt. Sie sind für mich eher Überlebende, die nach schmerzhaften Erfahrungen jede Form des Leidens, der Zerbrechlichkeit und des Mitgefühls hinter sich gelassen haben.

In "Ein Chanson für Dich" spielen Sie einen vergessenen Star, der durch die Liebe ins Leben zurückgeholt wird. Eine viel sanftere Figur als das wehrhafte Opfer einer Vergewaltigung in "Elle". Gibt es für Sie vor der Kamera Grenzen der Zumutbarkeit?

Fotos: Oscars 2017: Stars bei Vanity-Fair-Party FOTO: ap, BR AV JS JR

Huppert Begriffe wie "Risiko", "Mut" oder "Herausforderung" im Zusammenhang mit meinem Beruf finde ich ehrlich gesagt unpassend. Es gibt ganz andere Berufe oder Situationen im Leben, wo solche Qualitäten gefordert und entscheidend sind. Die Schauspielerei fällt meiner Meinung nach nicht darunter.

Was macht einen guten Regisseur aus?

Huppert Wenn er intuitives Vertrauen in meine Fähigkeiten hat und mich nicht zu sehr lenken will. Er lässt den Dingen beim Dreh ihren Lauf. Das macht großes Kino aus: das Einfangen des Hier und Jetzt einer Darstellung. Zwischen "Action" und "Cut" findet etwas statt, das niemand wirklich kontrollieren kann. Ein guter Regisseur fürchtet das nicht, sondern heißt diese kreative Ungewissheit willkommen.

Was schätzen Sie an "Elle"-Regisseur Paul Verhoeven, was an Michael Haneke, mit dem Sie "Amour" und "Happy End" gedreht haben?

Huppert Beide lassen beim Dreh die Dinge einfach laufen. Weder mit Haneke noch mit Verhoeven würde ich am Vortag diskutieren, was ich wie am nächsten Tag spiele. Sie geben dir keine Erklärung, sondern nur Information. Heißt: Das Verhalten deiner Figur soll ein Geheimnis bleiben, in das du dich selbst hineindenkst.

Und beide scheren sich nicht um moralische Aspekte.

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Huppert Die Moral wird in Filmen nur bedient, um das Publikum zufriedenzustellen. Warum will man keine Frau zeigen, die Männern Angst macht? Die Welt ist in vielerlei Hinsicht unmoralisch, insofern ist es nur ehrlich, das auch mal abzubilden.

Sie drehen pausenlos: Nach "Ein Chanson für Dich" und "Happy End" standen Sie zuletzt für Benoît Jacquots "Eva" vor der Kamera. War Ihr Kalender immer so voll?

Huppert Ich hatte auch mal Durststrecken, das schon, aber das war vor sehr langer Zeit. Diese Zeit jetzt ist sehr gut für mich.

Gab es je den Moment, in dem Sie überlegt haben, Ihren Beruf hinzuschmeißen?

Huppert Nein. (lacht) Und wenn, dann hielt diese Phase nicht länger als fünf Minuten an.

DAS INTERVIEW FÜHRTE MARIAM SCHAGHAGHI

Quelle: RP
 
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