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Regisseurin Sung-Hyung Cho
"Lachende Nordkoreaner passen nicht in unser Bild"

Interview Sung-Hyung Cho: Lachende Nordkoreaner passen nicht in unser Bild
Es ist nicht alles grau in Nordkorea - Sung-Hyung Cho lacht mit dem Pressesprecher eines Bauernkollektivs. FOTO: Andreas Banz
Düsseldorf. Die Regisseurin Sung-Hyung Cho ("Full Metal Village") wurde in Südkorea geboren. Das hat sie nicht davon abgehalten, in Nordkorea einen Dokumentarfilm zu drehen. Dafür musste sie allerdings ein großes Opfer bringen. Von Sebastian Dalkowski

Wer als Ausländer einen Film in Nordkorea drehen möchte, muss viel Geduld mitbringen. Schon für ihren Dokumentarfilm "Verliebt, verlobt, verloren" (Kinostart 9. Juli) wollte Sung-Hyung Cho ins Land. Darin wird die Geschichte von Frauen in der DDR der 50er Jahre erzählt, die sich in nordkoreanische Studenten verliebten. Leider durfte die in Südkorea geborene Regisseurin nicht beim großen Wiedersehen dabeisein. Doch der Kontakt zur staatlichen Filmproduktionsfirma blieb. 2014 durfte das Team einen ganzen Monat drehen. "Meine Brüder und Schwestern im Norden" soll 2016 in die Kinos kommen.

Bevor Sie in Nordkorea drehen durften, mussten Sie Deutsche werden.

Sung-Hyung Cho Es gibt Südkoreaner, die nach Nordkorea reisen. Entweder mit Genehmigung der südkoreanischen Regierung, das passiert aber kaum. Oder ohne Genehmigung – die landen allerdings in Südkorea im Gefängnis. Ich wollte nicht ins Gefängnis. Es ist als Deutsche viel einfacher, ein Visum zu bekommen.

War das ein großes Opfer?

Am Anfang war es schon komisch, wenn auf dem Pass plötzlich "Ungültig" gestempelt steht. Aber seitdem ich diesen deutschen Pass habe, bin ich viel entspannter. Seitdem muss ich auch an europäischen Flughafen nicht mehr an langen Schlangen stehen.

Warum haben Sie sich den Dreh überhaupt angetan?

Die deutsche Wiedervereinigung hat mir beigebracht, Nordkorea als ein Teil Koreas zu betrachten, aber davor war Nordkorea immer Feind Nr.1. Die Südkoreaner haben ein sehr negatives Bild von den Nordkoreanern und Nordkorea. Das waren in meiner Kindheit nicht die Brüder und Schwestern im Norden, sondern das waren Monster. Nicht metaphorisch, sondern konkret. In der Grundschule haben wir gelernt, dass die Nordkoreaner rote Haut haben und zwei Hörner am Kopf.

Sie waren also neugierig zu sehen, wie es in Nordkorea ist?

Mehr noch, es war für mich eine Mission und Berufung. Weil ich als geborene Südkoreanerin zeigen konnte, wie Nordkorea ist.

Wie sind Sie den Dreh angegangen? Es war ja kaum möglich, einfach zu filmen, was Sie wollten.

Wir haben unseren nordkoreanischen Partnern eine Palette von Menschen vorgeschlagen, mit denen wir gerne sprechen würden. Dann haben sie uns alle möglichen Menschen gezeigt, von denen wir einige ablehnen und auswählen konnten. Wir sind drei mal für die Recherche angereist und haben im September 2014 einen ganzen Monat gedreht. Deshalb sehen die Fernsehdokumentationen auch immer gleich aus. Die meisten Teams haben keine Zeit, nehmen die Leute, die ihnen vorgeschlagen werden. Uns aber haben sie dann beim zweiten oder dritten Besuch etwas anderes gezeigt.

Frei umherreisen durften Sie beim Dreh aber nicht, oder?

Natürlich nicht. Wir waren zu dritt, also ich, Ton- und Kameramann, die Nordkoreaner zu viert. Einmal standen wir mit zehn Leuten im Haus eines Bauern und seiner Frau. Aber ich habe die Nordkoreaner überzeugt, dass es nicht gut ist, wenn alle dabei sind. Ich habe sie gefragt, ob sie wollen, dass ihre Landsleute alle so steif und unfreundlich rüberkommen. Dann haben sie draußen gewartet. Die meisten Fernsehteams beschweren sich immer erst nachher, dass sie überwacht wurden. Das hätten sie vor Ort machen sollen. Ich hatte aber auch den Vorteil, dass die Nordkoreanerin mich nicht als Fernsehfrau betrachten, sondern als Landsfrau aus dem Süden.

Sind die nicht gehemmt, wenn da jemand aus Südkorea kommt?

Das war anfangs bei unseren Partnern der Co-Produktionsfirma der Fall, aber die Protagonisten waren von Anfang an eher erfreut. Für die war das eher eine private Wiedervereinigung. Diese Sehnsucht ist im Norden stärker. Die offizielle Ideologie dort strebt sogar nach der Wiedervereinigung, wenn vielleicht auch die Bonzen es nicht wollen, weil sie dann ihre Privilegien verlieren.

Nach welchen Szenen haben Sie in Nordkorea gesucht? Ihr Film "Full Metal Village" lebte von Bildern, die sich auf viele Arte deuten lassen. Aber die Nordkoreaner haben Sie ja nicht überall drehen lassen.

Manchmal finden sie auch Dinge nicht heikel, die uns heikel erscheinen. Wir waren zum Beispiel in der Kita eines Bauernkollektivs. Das war keine Vorzeige-Kita, nicht herausgeputzt. Damit hatten sie kein Problem. Oder als der Bauer von der Stromversorgung durch Methangas erzählte. Dieses Haus war voll Bio. Die haben sogar ihre eigenen Ausscheidungen zu Methangas verarbeitet. Was übrigbleibt, wird zu Dünger verarbeitet. Das ist unglaublich ökologisch – notgedrungen. Man erfährt also, dass der Staat die Bauern nicht mit Strom versorgen kann, auch nicht mit Dünger. Ich würde die Wertung gerne dem Zuschauer überlassen. Das wird allerdings schwer.

Warum?

Es gibt manche Leute, die totale Probleme damit haben werden, dass unsere Protagonisten sehr sympathisch rüberkommen. Lachende Nordkoreaner passen nicht in unser Bild. Die müssen leiden und hungernd aussehen.

Aber ich weiß ja nicht: Lacht der wirklich oder ist ihm das befohlen worden?

So kommentieren das auch immer die Fernsehleute, dass es alles organisiert sei. Das ist aber auch Selbstüberschätzung. So wichtig sind wir da nicht. Wir waren ja auch manchmal zufällig irgendwo. Das Land hat auch wichtigere Probleme.

Hungernde Menschen haben Sie aber auch nicht zu sehen bekommen, oder?

Selbstverständlich nicht. Aber dennoch haben mir Leute wirklich von ihrem Leben erzählt. Da erzählt mir ein Bauer, dass er drei Kaninchen im Jahr hat, die auch Dünger produzieren. Später werden sie gegessen. Das ist dann schon nah dran an ihrem Alltag.

Haben Ihre nordkoreanischen Partner das Material im Anschluss durchgesehen?

Das haben sie. Ich hatte Sorge, ob das durchgeht, weil man zwischen den Zeilen auch die Nöte mitbekommen hat. Aber sie haben nur ein paar Dinge zensiert, zum Beispiel verwackelte Führerporträts oder abgeschnittene Namen der Führer. Und einmal haben wir in einer Kleiderfabrik gedreht, wo Kleidung made in China für ein amerikanisches Label gefertigt wurde. Das haben wir ganz nah aufgenommen. Das ging nicht. Die Nordkoreaner hatten Angst um ihre Aufträge.

Welche Erwartungen von Nordkorea haben sich bestätigt und wo müssen wir unser Nordkorea-Bild revidieren?

Es ist wichtig, das Regime und die Menschen getrennt zu betrachten. Es gibt auf der Welt sehr viele Staaten, die genauso schlimm sind wie Nordkorea, zum Beispiel Saudi-Arabien. Aber Nordkorea gilt ohne Diskussion als der Bösewicht Nr.1. Wer sich an einem differenzierten Bild versucht, wird sofort diffamiert. Wir brauchen einen Feind, der absolut böse ist, damit wir uns besser fühlen.

Aber Nordkorea ist doch eine Diktatur.

Natürlich ist es das. Aber auch in einer Diktatur können Menschen mal lachen, singen und tanzen, was die Koreaner überhaupt sehr gern tun. Wir Koreaner machen sehr gern Halligalli. Und Schönheitsoperationen sind auch in Nordkorea total angesagt. Nord- und Südkoreaner haben viel mehr Gemeinsamkeiten, als uns lieb ist.

Gibt es in Nordkorea tatsächlich kein Internet?

Gibt es, aber nur für Privilegierte. Es gibt aber keinen eigenen Server und deshalb dauert es wahnsinnig lange. Wenn du eine Mail schicken willst, musst du im Hotel einen Antrag stellen. Unsere Co-Produktionsfirma hat nur eine einzige E-Mail-Adresse und selbst kein Internet. Deshalb ist es schwer vorstellbar, dass ein nordkoreanischer Hacker Sony geknackt hat. Das schien mir eher ein Promo-Gag zu sein.

Man hört auch immer die abenteuerlichsten Geschichten über die Hotels in Nordkorea.

Diese Fernsehteams nehmen sich immer sehr wichtig und denken, sie werden rund um die Uhr abgehört. Momentan kommen so viele Leute nach Nordkorea, dass es schwierig wäre, die alle abzuhören.

Wie war der Komfort?

Die Touristen werden immer in den besten Hotels untergebracht, auf einer Insel in Pjöngjang, abgesperrt von den Einheimischen. Da fällt selten der Strom aus. Einmal haben wir darauf bestanden, ein Hotel mitten in der Stadt zu beziehen. Das war für uns sehr interessant, den Alltag der Leute zu sehen. Die haben mich auch immer interessiert angeguckt.

Aber die wussten doch nicht, dass Sie Südkoreanerin sind.

Die haben aber gespürt, dass ich anders bin. Und sie haben immer auf meine linke Brust geguckt, ob ich einen Anstecker vom Führer an der Brust trage wie sie. Und da hatte ich ja nichts.

Wie unterscheidet sich Pjöngjang von einer europäischen Großstadt?

Die meisten Gebäude sind stalinistische Prunkbauten, wobei es mittlerweile auch moderne Wohnblöcke gibt. Die sehen aus wie in meiner Heimatstadt in Südkorea. Die Straßen sind sehr gerade und wahnsinnig sauber. Der eine zentrale Unterschied ist: Wo du hinguckst, siehst du den Führer oder Propaganda-Transparente. Und es ist viel Musik zu hören. Man hat keine Chance, dem Führerkult zu entgehen. Ein Lied ging mir einfach nicht aus dem Kopf, ich habe es auch nach meiner Rückkehr ständig gesungen, gegen meinen Willen. Bis ich dachte: So geht das nicht mehr weiter.

Was haben Sie gemacht?

Ich habe deutschen Schlager gehört – dann ging es weg.

Quelle: RP
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