| 15.17 Uhr

Neuer James Bond "Spectre"
Mit der Lizenz zu grenzenloser Action

"Spectre": "James Bond"-Star Daniel Craig in Berlin
"Spectre": "James Bond"-Star Daniel Craig in Berlin FOTO: dpa, car cul
London. "Spectre" heißt der neue 007-Thriller. Dem großartigen Regisseur Sam Mendes ist es gelungen, dass der Film trotz bombastischer Action nicht überladen ist. Hier können Sie die Premiere in Berlin im Livestream sehen. Von Jochen Wittmann

Man sollte nicht zu spät kommen. Denn noch vor dem Titelsong und den Credits beginnt "Spectre" mit einer brillanten Eröffnungsszene. In einer minutenlangen, ungeschnittenen Kamerafahrt wird der Zuschauer Hals über Kopf in den Film hineingezogen. Mexiko-Stadt, Tag der Toten: James Bond, selbst unter einer Totenkopfmaske nicht zu verkennen, kämpft sich durch die Menschenmenge, folgt einer Schönen aufs Hotelzimmer, klettert aufs Dach und macht sich an die Arbeit: Der Bösewicht Marco Sciarra muss erledigt werden. Was folgt, ist einer der spektakulärsten Stunts der neueren Filmgeschichte und klassische 007-Action, aber im Turbo: einstürzendes Gebäude, Verfolgungsjagd, Kampf im Helikopter, der über der Plaza abzustürzen droht, doch am Ende hat Bond alles im Griff.

Wenn nach einer knappen Viertelstunde Sam Smith mit dem Titelsong "Writing's on the Wall" dran ist und Regisseur Sam Mendes damit brilliert, die Würdigungen mit dem Oktopus-Motiv zu kombinieren, gibt es für die Zuschauer eine kleine Verschnaufspause. Die ist auch nötig, denn der Film ist schlicht rasant und geizt nicht mit weiteren atemberaubenden Episoden, die die zweieinhalbstündige Spieldauer auf gefühlte 38 Minuten zu reduzieren scheinen.

Nach dem Erfolg des Vorgängers "Skyfall", meinte Regisseur Sam Mendes, hätte es eine klare Herausforderung gegeben: Alles größer und besser und spektakulärer zu machen. Ein einfaches Rezept, sollte man meinen, und "Spectre" hält sich daran. Da gibt es eine halsbrecherische Verfolgungsjagd in Superautos - Bond im Aston Martin DB10, Killer Hinx im Jaguar C-X75 - durch die nächtliche Innenstadt von Rom. Da liefert sich Bond einen Zweikampf im Speisewagen, bei der die edle Holzvertäfelung leidet. Da rettet sich 007 aus der Folterkammer von Blofeld mit Hilfe einer explodierenden Uhr. Und schließlich wird auch noch das ehemalige Hauptquartier des Auslandsgeheimdienstes "MI6" an der Themse in Schutt und Asche gelegt - bombastischer geht es kaum.

So opulent und überwältigend der Film daherkommt, hätte er doch auch langwierig geraten können, denn der nervlichen Überreizung der Zuschauer sind Grenzen gesetzt. Mendes steuert gegen mit stillen, grandiosen Landschaftspanoramen: winterliche Alpenszenerie mit See, marokkanische Wüste mit Meteorkrater, Rundblick auf London bei Nacht. Dazu kommen psychologisch dichte Szenen, wenn zum Beispiel Bond den sterbenden Mr. White trifft und ihm verspricht, dessen Tochter zu retten. Auch an Witz fehlt es nicht. Wenn 007 den Quartiermeister Q (Ben Wishaw) überreden will, etwas zu tun, was nicht ganz mit den Dienstvorschriften zu vereinbaren ist, wehrt der entsetzt ab: "Ich habe ein Haus abzubezahlen und bin für zwei Katzen verantwortlich." So ganz der coole Agenten-Typ.

Oder als Bond überrascht ist und ein wenig pikiert tut, als Miss Moneypenny einen Boyfriend im Bett hat, sagt sie ihm trocken: "Das nennt man Leben." Auch hat man diesmal wieder einen veritablen Antagonisten gefunden. Der zweifache Oscar-Preiträger Christoph Waltz spielt den Erzhalunken Franz Oberhauser, der sich als derjenige Gegenspieler entpuppt, den Bond schon immer zu bekämpfen hatte: "Ich bin der Meister all deiner Schmerzen."

Auch wenn Waltz nicht ganz an die satanische Ausstrahlung seines Bösewicht-Vorgängers Javier Bardem heranreicht, gelingt ihm die Projektion einer jovialen Brutalität, die erschauern lässt.

Vor allem aber haben Mendes und Bond-Darsteller Daniel Craig, der als Co-Produzent die Linie mit vorgab, ein aktuelles Thema - den Alptraum der totalen Überwachung - eingeführt. Geheimdienstchef C will die Doppel-Null-Agenten abschaffen und durch Drohnen ersetzen. Ein internationales Kooperationsabkommen "Nine Eyes" soll die ultimative Kontrolle ermöglichen. Bei diesem Handlungsstrang lässt Edward Snowden grüßen, dessen Enthüllungen Licht auf das real existierende Gegenstück geworfen haben: "Five Eyes", die 'Fünf Augen', eine Schnüffelallianz von Geheimdiensten der USA, Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland. Der Film bezieht hier eindeutig Position gegen den Überwachungswahn Orwellscher Herkunft.

Und schließlich hat man die Hauptfigur Bond interessanter gemacht. Nachdem schon "Skyfall" ein wenig über Bonds Herkunft verriet, geht "Spectre" einige Schritte weiter und enthüllt, wie er aufwuchs und in welch biografischer Verschränkung er mit Blofeld verbunden ist. Craig macht Bond damit zu einer vielschichtigeren Figur als einem bloßen Actionhelden. Ob er auch in der nächsten Folge den Agenten spielen wird? Craig hat sich in Interviews dazu vieldeutig geäußert. Eine mögliche Antwort gibt der Film selbst. Zum Schluss wirft 007 seine Schusswaffe weg und verabschiedet sich mit dem Bond-Girl, das klargemacht hatte, dass es ihn nur ohne seinen Job will. Ein Omen?

Quelle: RP
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