| 09.01 Uhr

"Jane Got a Gun" und andere
Der Western ist zurück

"Jane Got a Gun": Der Western ist zurück
Sie kämpft um ihr kleines Glück: Natalie Portman als Westernheldin, die ihre Familie vor dem Angriff marodierender Banditen schützen muss. "Jane Got a Gun" heißt der aktuelle Film. FOTO: Universum
Los Angeles. Oft wurde das Genre totgesagt. Nun sind gleich drei neue Western in diesen Tagen im Kino zu erleben. Alle kommen ohne Sheriffs aus. Von Dorothee Krings

Leonardo DiCaprio ist tot. So gut wie, jedenfalls. Ein Bär hat ihn angefallen im gerade angelaufenen Western "The Revenant", der als Favorit ins Oscar-Rennen geht. Das braune Tier hat ihm die Haut zerfetzt, die Knochen gebrochen, in die Kehle gebissen. Nun ist Hugh Glass nur noch Ballast für seine Gefährten. Und so lassen sie den röchelnden, fieberglühenden Pelzjäger zurück in der Wildnis der kanadischen Berge, wo der Winter einbricht, Tiere lauern und kriegerische Indianer, die noch glauben, sie könnten es aufnehmen mit den weißen Eindringlinge in ihr Stammesgebiet. Doch Glass ist zäh, und so robbt er aus dem Grab, das man ihm geschaufelt hat, kriecht bis zum nächsten Felsvorsprung, schaut hinab. Majestätisch öffnet sich da der Blick in die weite Landschaft, auf einen wilden Flusslauf, Berge, Bäume, Schnee. Und ein versehrter Mensch, von allen im Stich gelassen, beginnt seinen Überlebenskampf.

Der Western ist ein physisches Genre. Er erzählt von Menschen, die sich schinden in unwirtlicher Natur, die in plumpen Planwagen unterwegs sind, monatelang durch karge Landschaften reiten, die verwundbar sind und leidensfähig. Und vielleicht ist das digitale Zeitalter an einem Punkt der Virtualität, Funktionalität und Oberflächlichkeit angelangt, da die Zuschauer wieder das Bedürfnis nach Körperlichkeit haben, nach Geschichten, in denen Menschen aus Fleisch und Blut losreiten, ihren Sehnsüchten entgegen - und oft ihrem Scheitern. Und wenn eine Kugel sie trifft oder der Pfeil eines Indianers, dann empfinden sie Schmerz und müssen ihre Wunden mit dreckigen Lappen verbinden und reiten trotzdem weiter.

Drei Western mit Starbesetzung sind in diesen Tagen im Kino zu erleben: Natalie Portman in "Jane Got a Gun", Leonardo DiCaprio in "The Revenant" und Ende des Monats wird Quentin Tarantino mit "The Hateful 8" nachlegen, wird acht miese Typen in eine Hütte sperren und beobachten, wer überlebt. Mit dabei sind Samuel L. Jackson und Kurt Russell, und wieder wird Tarantino sehr viel Blut vergießen, wird die Gewalt wie schon in "Django Unchained" ins Absurde treiben - und prüfen, wie strapazierfähig das Genre ist.

Die anderen aber meinen es bitter ernst mit ihrer Rückbesinnung auf den Western, erzählen ohne jede Ironie. Das funktioniert nur, wenn die klassischen Muster der Cowboy-Geschichten wieder in die Gegenwart passen, wenn die Zeiten wild sind oder sich nach Wildheit sehnen. Denn der Western hantiert zwar immer mit denselben Versatzstücken, mit Outlaws, Indianern, Farmern, puritanischen Ehefrauen, lebenshungrigen Huren. Er erzählt von Landnahme, Viehtrieb, Goldrausch, Eisenbahnbau, vom Gegensatz zwischen frühkapitalistischen Herrschaftsformen und der naturverbundenen Sinnlichkeit der Indianer, vom Entstehen einer zivilen Ordnung und dem Ende des Faustrechts. Doch so stereotyp das scheinen mag, der Western setzt diese Elemente immer neu zusammen, macht Auslassungen, deutet um. So wird er gerade dank der Beständigkeit seiner Zeichensprache zum Spiegel seiner Zeit.

Es ist also bemerkenswert, dass in den aktuellen Western im Kino keine Sheriffs auftauchen, keine Ordnungshüter, die staatlichen Instanzen bleiben unbesetzt. Das wird besonders deutlich, wenn eine Frau allein um ihre Rechte kämpfen muss, so wie Natalie Portman in "Jane Got a Gun". Gerade hat sie mit Mann und Kind ein Stückchen Heimat gefunden, hat sich auf einer kargen Farm in New Mexiko niedergelassen. Das Häuschen steht am Ende aller Wege mit dem Rücken zum Fels, denn die Familie hat Feinde. Der Mann hat sich losgesagt von einer Verbrecherbande. Doch die ist dem Abtrünnigen auf die Spur gekommen, hat ihm in den Rücken geschossen und nun muss Jane ihre neue, bescheidene Existenz gegen den heranrückenden Mob verteidigen. Der Film handelt also von prekärer Heimat, vom Kampf einer niedergelassenen Familie gegen vagabundierende Männer, von der Schutzbedürftigkeit zivilen Lebens. Das spiegelt Ängste der Mittelschicht in den USA wie in Europa vor der Bedrohung ihrer Lebensweise. Im Film können diese Ängste sich entladen, indem Jane zur Gun greift, ihre Gegner in eine Schwarzpulverfalle lockt und einfach in die Luft pustet.

Auch Alejandro Iñárritu erzählt mit seiner Trappergeschichte "The Revenant", die in den 70er Jahren schon einmal verfilmt wurde, nicht nur vom Überleben eines Mannes in wilder Natur, sondern auch von einem archaischen Motiv, das den Menschen zu allen Zeiten antreibt: Rachedurst. Der verletzte Pelzjäger Glass hat in einem Kampf der weißen Siedler gegen die indigene Bevölkerung seine Frau verloren, eine Indianerin. Geblieben ist ihm sein Sohn, doch der findet unter den Trappern keine Anerkennung und muss bald auch um sein Leben fürchten. Da erzählt ein mexikanischer Regisseur von Ausgrenzung und Rassismus in der Geburtsstunde der USA. Während in der Gegenwart seines Landes weiße Polizisten schwarze Kleinkriminelle erschießen und sich die Gesellschaft trotz alltäglicher Straßenschießerein und wiederkehrender Amokläufe nicht auf ein schärferes Waffengesetzt einigen kann. Auch in "The Revenant" gibt es keine zivilen Instanzen, die dem Pelzjäger Genugtuung verschaffen könnten. Selbst als er ein klappriges Fort erreicht, findet er keinen Frieden. Er muss seine Sache selbst in die Hand nehmen. Und erfahren, dass auch Blut Rachedurst nicht stillt.

Nie ist er verschwunden, aber oft wurde der Western für tot erklärt. 1980 etwa, als Michael Cimino mit "Heaven's Gate" ein elegisches Epos vorlegte, das damals gewaltige 70 Millionen Dollar Produktionskosten verschlang, aber wirtschaftlich ein Fiasko wurde. Nach goldenen Jahrzehnten, in denen die Leute Helden wie John Wayne, Lex Barker, Charles Bronson treu gefolgt waren und all die Wendungen vom historischen, epischen, psychologischen bis zum Italo-Western mitgemacht hatten, schien das Interesse erschöpft. Die Globalisierung hatte eingesetzt, die Welt schmolz zum Dorf, auf liberalisierten Märkten wurden gierig Geschäfte gemacht. Das war die Zeit der Wölfe von der "Wall Street". Da schien die ewige Heimatsuche weißer Siedler, der Kampf eifriger Sheriffs, die Sehnsucht nach einem staubigen Stückchen Land und ein bisschen Ruhe und Ordnung piefig, gestrig, überholt.

Zehn Jahre sollte es dauern, bis mit "Der mit dem Wolf tanzt" wieder ein Western erfolgreich sein sollte, einer, der in der Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs spielt und eine Versöhnung versucht zwischen Weißen und Indianern, zwischen Materialismus und Spiritualität. Das ging zwar übel aus, aber der Western hatte erneut bewiesen, wie er Zeitgeist einatmen und mit seinen Mitteln umspielen kann.

Eine Verheißung steckt ohnehin in jedem Western, egal welche Epoche er spiegelt: Der Einzelne zählt im Western, das Individuum wird gefeiert. Selbst wenn ein Held einsam vor die Hunde geht, er ist es wert, von ihm zu erzählen. So verteidigt der Western den Einzelnen vor dem Untergang in der Masse, berichtet von Menschen, deren Handeln einen Unterschied macht. Sie brechen auf, kämpfen mit der Natur und ihren Feinden, erweisen sich in höchster Not als standhaft, menschlich oder verlieren die Moral. Doch der Fokus bleibt auf ihr Schicksal gerichtet. Das ist die Stärke des Westerns, dass er sich die Nahaufnahme erlaubt, von Typen erzählt, die waren wie kein anderer. Darin ist der Western menschlich, auch wenn er aus unmenschlichen Zeiten erzählt.

Quelle: RP
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