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John DeLorean
Der Mann, der keine Grenzen kannte

John DeLorean: Aufstieg und Fall des Vaters der "Zeitmaschine"
Ultra-flache Keilform, Flügeltüren und eine Karosserie aus unlackiertem Edelstahl: Populär wurde der "DeLorean DMC-12" als Zeitmaschine im Popcorn-Kinofilm "Zurück in die Zukunft"; die Entstehungsgeschichte des Originals ist ein Wirtschaftskrimi. FOTO: dpa
Durch "Zurück in die Zukunft" wurde der DeLorean 1985 zur Ikone, doch sein Erfinder John DeLorean wurde heute vor 35 Jahren als Kokain-Dealer verhaftet. Dies ist die ganze hollywoodreife Geschichte. Von Tobias Jochheim

Ein Koffer mit 25 Kilo Kokain liegt auf dem Tisch von Zimmer 501 des Sheraton Plaza Hotel in Los Angeles, John DeLorean nennt es "besser als Gold". Mit Champagner stößt er auf seinen ersten Deal an, der ihm 30 Millionen Dollar einbringen soll, als Ermittler den Raum betreten. "Hi John, ich bin Jerry West vom FBI", sagt einer von ihnen trocken, "Sie sind verhaftet wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz." Als an diesem 19. Oktober 1982 die Handschellen klicken, wird selbst dem großen Realitätsverweigerer John DeLorean klar, dass das Spiel aus ist. Er ist 57 Jahre alt und gilt als visionäres Genie wie später Steve Jobs oder Elon Musk, eine ungewöhnliche Mischung aus Charmeur und Ingenieur, umschwärmt von jungen Frauen und Journalisten, aber all das ist in diesem Moment passé. Ihm drohen 15 Jahre Haft, und sein Traum ist ausgeträumt.

DeLoreans Traum, das war die Produktion des schönsten und zugleich auch sichersten, umweltfreundlichsten und dabei günstigsten Sportwagens, den die Welt je gesehen hat. Und zwar in Eigenregie, mit einem Start-Up. Um es den alteingesessenen Managern von General Motors zu zeigen, die ihn 1973 aus ihrem erlauchten Kreis verstoßen hatten. Das Auto wird tatsächlich Wirklichkeit – ein zeitlos schöner Keil mit Flügeltüren und einer Karosserie aus gebürstetem, unlackierten Edelstahl, der als Zeitmaschine in "Zurück in die Zukunft" in die Popkultur-Geschichte eingeht. Hollywoodreif ist aber auch die echte tragische Geschichte von Wagen und Erfinder.

Erinnerungen an "Zurück in die Zukunft" FOTO: afp, msc/fi

John Zachary DeLorean ist ein Getriebener. Geboren wird er am 6. Januar 1925 in Detroit als einer von vier Söhnen eines alkoholkranken, gewalttätigen Vaters, der ihn nicht ein einziges Mal in den Arm nimmt. Über schlechte öffentliche Schulen arbeitet er sich hoch, unermüdlich, bis ins Management von General Motors. Dort erfindet er die Autoklasse "Muscle-Car" mit, meldet dutzende Patente an, wird schnell erst Chefingenieur, dann Geschäftsführer der GM-Marke Pontiac, schließlich Vizepräsident des Gesamtkonzerns, der jüngste aller Zeiten.

Dabei kultiviert er sein Image als Junger Wilder in einem konservativen Konzern. Nach vier Jahren an der GM-Spitze lässt er sich etwa von seiner Frau scheiden, um eine 20-jährige kalifornische Strandschönheit zu heiraten. Als DeLorean zur größeren und prestigeträchtigeren Marke Chevrolet wechselt, wird entdeckt, dass dutzende Autos aus den Pontiac-Garagen spurlos verschwunden sind: Auf ähnliche Art wie andere vor ihm, aber in sehr viel größerem Umfang hatte DeLorean damit in Gutsherrenart Frauen und Filmstars beschenkt.

DeLorean liebt den großen Auftritt: Öffentlich reißt er Witze, die auch für die damaligen Maßstäbe sexistisch und rassistisch sind. Einem hochrangigen Kollegen überreicht er vor den Augen von dessen Frau ein großformatiges Aktgemälde von dessen Ex-Geliebter. Man verzeiht es ihm, weil der Erfolg ihm Recht gibt: In seinem ersten vollen Jahr als Chevrolet-GM durchbricht DeLorean 1971 die magische Grenze von drei Millionen verkauften Fahrzeugen. Dennoch provoziert er seinen Rauswurf. Einerseits mit schamloser Vetternwirtschaft – alle Händler müssen Mini-Kinos installieren, die samt der darin laufenden Werbefilme von seinen Freunden in Hollywood produziert werden. Andererseits, indem er hochgeheime Interna an Journalisten durchsteckt.

Weltreise mit gleich drei DeLoreans FOTO: Wolfgang Hank/deloman.de

Schnell sammelt der umtriebige, charismatische Mann, der sich als aufrechter Rebell stilisiert, Kapital für das natürlich nach ihm selbst benannte Start-Up "DeLorean Motor Company" ein – allein 120 Millionen Dollar steuert die Regierung von Nordirland bei, damit der Promi seine moderne Fabrik in Dunmurry bei Belfast errichtet, wo der IRA-Terror wütet und in manchen Vierteln jeder Zweite arbeitslos ist. Die fast 2.500 ungelernten Männer, die teils noch nie einen Schraubenzieher in der Hand gehabt haben, tun ihr Bestes. Doch jedes der Autos, von dessen Grundidee nur noch das spektakuläre Äußere übriggeblieben ist, hat dutzende Mängel: Der 130-PS-Motor ist zu schwach, Dach und Fenster undicht, die Radioantenne mies, die Fußmatte färbt ab. Durch die Fugen zwischen den Bauteilen könne man "Katzen werfen", lästert ein Kritiker. Weil die Flügeltüren klemmen, bleiben der Besucher einer Autoausstellung in Cleveland eine Stunde im Auto gefangen. Von den ersten 7.500 produzierten Autos werden nur 3.000 verkauft,  gleich drei Rückrufaktionen werden gestartet, doch DeLorean taucht ab. In der nordirischen Fabrik lässt er sich ohnehin fast nie blicken – unter dem Vorwand, die IRA trachte ihm nach dem Leben. Seine Vision zu verwirklichen, überlässt DeLorean aber nicht nur anderen; er behindert sie dabei auch noch entscheidend.

Mehrere Millionen Dollar aus dem Firmenvermögen leitet DeLorean über die Jahre aus seinem Firmenvermögen in die eigenen Taschen um und träumt noch von einem Börsengang, als es längst zu spät ist. Geschickt und systematisch lügt und betrügt der Menschenfischer, der tatsächlich ein Manipulator ist. Schamlos nutzt er die politischen Unruhen in Nordirland aus, gibt Erfolge anderer (wie das Design von Giorgetto Giugiaro) als seine eigenen aus, während er seine Fehler anderen anlastet. Bei alledem mobbt er kritische Angestellte und hetzt sie gegeneinander auf, um sich ungestört zu bereichern. All das ist in diversen Büchern detailliert nachzulesen, etwa im exzellenten "Zu früh für die Zukunft – Das DeLorean-Drama" von Automobilhistoriker Michael Schäfer.

Weil zum schlechtesten Zeitpunkt in den USA auch eine Wirtschaftskrise ausbricht, fällt ein Jahr nach Produktionsstart alles auseinander: 1.100 Arbeiter werden im Januar 1982 entlassen, im Mai müssen die verbleibenden 1.300 gehen. Ein knappes halbes Jahr später hätte DeLorean legal einen Kredit von 10 Millionen Dollar erhalten können, um die Produktion wiederaufzunehmen, schreibt Schäfer. Völlig verblendet aber habe der Narzisst entschieden, den lukrativeren Drogendeal durchzuziehen, der ihn dann endgültig zu Fall bringt. Verurteilt wird DeLorean deshalb nie: In dem Prozess, über den der "Spiegel" drei Mal groß berichtet, beruft er sich darauf, von Undercover-Agenten in eine Falle gelockt worden zu sein und aus Angst um seine Familie vor der Mafia gehandelt zu haben. Knapp kommt er damit durch, aber als Unternehmer bekommt er nie mehr einen Fuß auf die Erde.

Am 19. März 2005 stirbt DeLorean im Alter von 80 Jahren, einsam und verbittert, zugrundegegangen an seiner eigenen Gier und Hybris. Er hinterlässt eine Witwe, drei Ex-Frauen und drei Kinder sowie hunderte ehemalige Angestellte und Geschäftspartner, die sich von ihm ausgenutzt, belogen, betrogen fühlen. Der DMC-12 aber, das erste und einzige Modell seiner Firma, meist schlicht "DeLorean" genannt, fasziniert bis heute. Immerhin 6.000 der 9.000 insgesamt produzierten Exemplare sind noch im Umlauf, rund 500 gäbe es allein hierzulande, schätzt Adrian Roth vom DeLorean-Club Deutschland, "und egal wo man damit auftaucht, man ist immer umringt von Menschen." Die meisten Autos landen früher oder später in der Augsburger Fachwerkstatt von Wolfgang Hank, der betont, dass der DeLorean keine Diva sei, sondern nach einer Generalüberholung so alltagstauglich wie ein Golf. Den ultimativen Beweis hat er selbst angetreten – eine Weltumrundung mit zwei Freunden und drei DeLoreans, 42.810 Kilometer in 270 Tagen. So sehr er das Auto liebt, so wenig Verständnis hat er für die Heldenverehrung, die John DeLorean häufig zuteil wird. Sein Urteil: "Ein einsamer und gehetzter Geist, rhetorisch herausragend, besessen vom Materiellen, ein Initialzünder mit geringem Durchhaltevermögen."

Autos als Filmstars FOTO: AFP

Viele aber wollen bis heute nicht wahrhaben, dass das ikonische Auto eher trotz statt wegen John DeLorean entstand. Fanclub-Chef Roth berichtet, DeLorean gelte bei sehr vielen als "toller Mann, der alles versucht hat um die Firma zu retten, und bei seinen Angestellten sehr beliebt war". In Wahrheit stirbt die Firma DeLorean, weil John DeLorean sich weigert, die Vertriebsrechte an dem zum Ende hin stark verbesserten Auto, die er persönlich hält, abzutreten an Insolvenzverwalter und neue Investoren. So ist das Ende der Geschichte denkbar unwürdig: Maschinen und Karosserieteile werden zum Schrottwert verkauft, eingeschmolzen und teils als Ballast für eine Fischfarm versenkt. DeLoreans Sturheit allein habe die "vielversprechende Karriere" des Wagens beendet, schreibt Schäfer, die Nachfrage in den USA habe sich erholt, vom europäischen Markt ganz zu schweigen.

John DeLorean ist Geburtshelfer des ungewöhnlichsten Autos der Welt, vor allem aber ist er dessen Totengräber.

 
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