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Schauspieler Jürgen Prochnow
"Ich bin im U-Boot nach Hollywood gereist"

Jürgen Prochnow im Interview: "Bin im U-Boot nach Hollywood gereist"
Jürgen Prochnow und Moritz Bleibtreu in "Die dunkle Seite des Mondes". FOTO: Verleih
Berlin. Der Schauspieler wurde durch "Das Boot" berühmt und lebt seit Jahren in den USA. "Die dunkle Seite des Mondes" drehte er in Deutschland. Von Dorothee Krings

Er hat es geschafft in Hollywood, aber wenn ihn Drehbücher reizen, dreht er manchmal auch noch in Deutschland. In "Die dunkle Seite des Mondes" spielt er einen erfolgreichen Unternehmer und Hobby-Jäger, der wenig Skrupel besitzt. Er protegiert einen jungen Anwalt, der von Moritz Bleibtreu gespielt wird, doch der wendet sich gegen seinen Gönner. Der Film von Stephan Rick kommt am 14. Januar ins Kino.

Schlägt es einem aufs Gemüt, wenn man immer nur als Bösewicht besetzt wird?

Prochnow (verstellt die Stimme) Eine Gemeinheit ist das.

Aber auch reizvoll?

Prochnow Manchmal ist es eine riesige Herausforderung. In "Der englischen Patient" etwa musste ich einen Nazi-Offizier spielen, das hat sehr an mir genagt, das widersprach meinem inneren Wertegefühl. Aber wenn man so eine Rolle annimmt, muss man sie auch richtig spielen und sich bewusst in den Sadismus einer solchen Figur hineinbegeben.

In Ihrem aktuellen Film "Auf der dunklen Seite des Mondes" sind Sie ein Sadist in Nadelstreifen.

Prochnow Ja, ein richtiger Schweinekapitalist.

Warum hat Sie das gereizt?

Prochnow Weil das mit unserer Wirklichkeit zu tun hat. Man muss ja nicht weit gucken, um zu sehen, was ein bestimmter Managertypus anrichten kann, denken Sie an VW oder Hedgefonds-Manager, die ganze Staaten in den Abgrund treiben. Das Interessante daran ist, dass sich eine ganze Gesellschaft aus der Menschlichkeit entfernt, ohne das selbst richtig zu realisieren. Es gibt leider diese Schicht bestens ausgebildeter, junger Leute, die nur das eine im Kopf haben: Macht. Die wollen möglichst viel Geld mitnehmen, koste es, was es wolle.

Der Film spielt damit, diesen Managertypus als Wolf darzustellen.

Prochnow Ja, aber eigentlich tut man den Tieren natürlich Unrecht, wenn man sie mit Monstern vergleicht. Wölfe reißen ein Lamm, weil sie Hunger haben. Aber im Film geht es um die Gier, um Leute, die nur Geld machen wollen. Das Projekt hat mich interessiert, weil es die Zuschauer anregen kann, darüber nachzudenken, wo die Gesellschaft sich hinbewegt. Und ob es im Leben nicht eigentlich um ganz andere Dinge gehen sollte.

Wann sagen Sie Ja zu einer Rolle?

Prochnow Bei mir muss immer beides stimmen: Die Rolle muss mich reizen, aber mir muss auch das Buch insgesamt sinnvoll erscheinen.

Diesmal haben Sie mit Moritz Bleibtreu gedreht - ist der am Set der Kumpeltyp, den er oft spielt?

Prochnow Wir hatten gleich einen besonderen Draht zueinander, denn ich kannte seine Mutter Monika, wir haben in Hamburg mal eine Zeit lang am selben Theater gespielt und auch nebeneinander gewohnt. Ich kenne Moritz also noch als kleinen Stöppke. Während ich dann drüben war, in Amerika, hab ich seinen Werdegang nicht verfolgt und war nun ganz überrascht, dass er so ein toller Schauspieler geworden ist.

Ist es schwierig, wenn man sich dann als absolute Gegner gegenübersteht?

Prochnow Nein, das macht es eher leichter, weil man sich auf den anderen verlassen kann, man weiß, was in ihm drin ist.

Nach dem Erfolg von "Das Boot" sind Sie nach Hollywood gegangen, jetzt drehen Sie auch wieder in Deutschland, wo ist Ihr Lebensschwerpunkt?

Prochnow Der liegt in den USA, aber ich habe wieder geheiratet, eine Österreicherin, und darum überlegen wir, vielleicht in Berlin eine Wohnung zu nehmen. Meiner Frau liegt Hollywood nicht so.

Wo arbeiten Sie denn lieber: in Hollywood oder in Babelsberg?

Prochnow Das hängt vom Regisseur ab. Als ich mit Petersen "Das Boot" gedreht habe, stimmte alles, wir hatten auch das nötige Geld. In den USA sind die Budgets in der Regel viel größer. Das garantiert natürlich keinen guten Film, aber es ist eine gute Voraussetzung für Qualität. Für "Beverly Hills Cop" zum Beispiel bin ich mit der Kostümbildnerin ins beste Kaufhaus gegangen und habe einen Mantel gesucht. Einer saß am besten, der kostete 6000 Dollar. ,Das ist ja viel zu teuer', habe ich gesagt, die Kostümbildnerin hat ihn gleich sechs Mal gekauft, weil er in einzelnen Szenen dreckig werden würde. Das ist Hollywood. In Deutschland trägt man dann auch schon mal statt Brioni den Anzug von "C & A".

Was braucht denn ein Schauspieler hierzulande, um es in Hollywood zu schaffen?

Prochnow Bei mir war der Erfolg von "Das Boot" entscheidend. Ich hatte sofort einen Agenten, habe als nächstes mit Michael Mann und David Lynch gedreht, ich war gleich gefragt. Man könnte wohl sagen, dass ich im U-Boot nach Hollywood gereist bin.

Sie haben Ihre Schauspielerkarriere als Schüler in einer Laiengruppe, dann als Statist und Beleuchter am Schauspielhaus in Düsseldorf begonnen. Was hat Sie damals in die Theaterszene gelockt?

Prochnow Ich war in der Ära Stroux am Schauspielhaus, habe Leute wie Attila Hörbiger oder Ernst Deutsch erlebt. Manche Vorstellungen habe ich 50 Mal gesehen. Das war eine gute Schule. Mit dem "Wilhelm Tell" wurden wir auch nach Norwegen eingeladen, da bin ich mit nach Oslo geflogen. Ich bin überhaupt zum ersten Mal geflogen und habe dann erlebt, wie so kurz nach dem Krieg der Jude Ernst Deutsch dort aufgetreten ist und sich die Zuschauer vor ihm verneigt haben. Das alles hat mich tief beeindruckt. Ich habe mich in dieser Zeit selbst entdeckt, habe gespürt, Schauspielerei, das ist es, das möchte ich machen.

Denken Sie in Hollywood noch manchmal an Düsseldorf?

Prochnow Ja, ich habe viele gute Erinnerungen. Mein Bruder lebt noch in Erkrath, meine Eltern liegen in Düsseldorf auf dem Friedhof, die Stadt ist noch immer ein Teil meines Lebens.

Quelle: RP
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