"Thumbsucker": Keanu Reeves als durchgeknallter Dental-Guru
VON DÖRTE LANGWALD - zuletzt aktualisiert: 12.02.2005 - 15:37Berlin (rpo). Der Matrix-Star zeigte sich gut gelaunt an der Spree, um den Berlinale-Beitrag „Thumbsucker“ vorzustellen. Die ebenso schräge wie berührende Independent-Produktion von Spielfilmdebütant Mike Mills handelt über einen geplagten 17-Jährigen, der noch immer am Daumen lutscht – sehr zum Ärger seiner besorgten Eltern, gespielt von Tilda Swinton und Vincent D’Onofrio.
Im schwarzen Anzug, mit Dreitagebart und cooler Sturmfrisur erschien Frauenschwarm Keanu Reeves in Berlin. Sichtlich in Plauderlaune, gab der 40-Jährige auf die Frage, wie es denn um seine Deutschkenntnisse bestellt sei, prompt eine Kostprobe: „Morgen, morgen, nur nicht heute, sagen alle faulen Leute“ – ob er sich mit diesem Spruch problemlos in der Hauptstadt zurecht finden kann, blieb zwar offen, allerdings dürfte es dem Hollywood-Beau angesichts der kreischenden Fans rund um den Roten Teppich sicher nicht an bereitwilligen Fremdenführerinnen mangeln.
Noch ungewöhnlicher als seine eigentümlichen Deutschbruchstücke ist aber die Rolle, die Reeves in dem Wettbewerbsfilm „Thumbsucker“ spielt. Der Star, der zuletzt in Blockbustern wie der „Matrix“-Trilogie oder „Was das Herz begehrt“ zu sehen war, stellt einen hippiesken Kieferorthopäden dar, der seinen Lieblingspatienten Justin (fantastisch gespielt von Newcomer Lou Pucci) permanent mit windigen Lebensphilosophien zu erhellen versucht. Auf seiner Suche nach der ultimativen Erkenntnis wandelt er sich vom zottelhaarigen New Age-Anhänger zum schlipstragenden Spießbürger und schließlich zum kettequalmenden Schmuddeldoktor. Um seine Fans auf diese kuriose Rolle einzustimmen, erklärte Reeves augenzwinkernd, man müsse sich die Figur als „Acion-Dentisten“ vorstellen. Zwar seien seine kieferorthopädischen Fähigkeiten wenig ausgeprägt, was Hauptdarsteller Lou Pucci mit gespielt schmerzverzehrtem Gesicht bestätigte, grundsätzlich habe er aber ein gutes Verhältnis zu seinem eigenen Zahnarzt, sagte Reeves. „Ich liebe meinen Zahnarzt. Wer mag es nicht, wenn einem der gesamte Gaumen für 30 Minuten mit einer Betäubung lahm gelegt wird?“, erklärte er grinsend.
Die schrullige Figur des Guru-Orthopäden ist eine von vielen Nebenfiguren in „Thumsucker“, die der ehemalige Videoclip- und Werberegisseur Mike Mills mit tollen Gaststars besetzte. So ist neben Reeves auch Vince Vaughn („Dodgeball – Voll auf die Nüsse“) als bemühter Debattierclub-Lehrer zu sehen und Julia Roberts Ex-Verlobter Benjamin Bratt als drogensüchtiger TV-Star. All diese Personen gehören zu dem wundersamen Universum des 17-jährigen Justin, der trotz seines Alters noch immer am Daumen nuckelt. Zwar machen sich seine Eltern Mike (Vincent D’Onofrio) und Audrey (Tilda Swinton) große Sorgen um ihren sonderbaren Sprössling, dennoch scheitern sie an der Aufgabe, Justin die erforderliche Aufmerksamkeit und Unterstützung zu geben, nach der er sich sehnt. Als eine Lehrerin die Vermutung äußert, dass Justin unter Hyperaktivität und Konzentrationsschwäche leide, wird der Knabe auf Medikamente gesetzt. Unter Einfluss der Pillen mutiert der sonst so unscheinbare Außenseiter plötzlich zum redegewandten Star seines Debattierclubs. Doch Justins neues Power-Ich entpuppt sich bald als monsterhafte Mutation, die auch seinem Lehrer Mr. Geary (Vince Vaughn) äußerst unheimlich erscheint. Also setzt Justin seine Wunderpillen wieder ab – nur um in die nächste Sucht zu rutschen: Gemeinsam mit seinem heimlichen Schwarm Rebecca (Kelli Garner) dröhnt er sich fortan mit Drogen den grauen Alltag aus dem Kopf.
Tilda Swinton lobte die Tragikomödie als einen Film, der im Gegensatz zu den meisten „Coming of Age“-Geschichten nicht nur von einem Jugendlichen handelt, der erwachsen werden muss, sondern auch seine Eltern und älteren Bezugspartner durchlaufen diesen Prozess. „Ich bin selbst die Mutter eines siebenjährigen Kindes. Ich habe keine Ahnung, wie ich mich verhalten soll, wenn es einmal 17 ist, so wie Justin im Film. Ich fühle mich manchmal selber so, als sei ich noch immer 17“, erklärte Swinton.
Ihr Filmsohn Lou Pucci gab mit „Thumbsucker“ sein beeindruckendes Leinwanddebüt. Regisseur Mike Mills über die Neuentdeckung: „Lou war eine Idealbesetzung. Für seine Anreise zum Casting musste er zum ersten Mal in seinem Leben in ein Flugzeug steigen. Er war völlig aufgewühlt von diesem Erlebnis, man hat ihm die Unsicherheit sofort angemerkt. Für die Rolle des Justin war aber genau diese Verletzlichkeit erforderlich. Die meisten anderen Jungschauspieler, die sich beworben hatten, haben versucht, cool zu wirken. Ich brauchte aber einen Darsteller, der echt wirkt“.
So überzeugend Pucci in seiner Rolle auch wirkte – privat lutscht der in New Jersey geborene Newcomer nicht mehr am Daumen. „Obwohl daran eigentlich nichts Schlimmes wäre. Jeder, der an einer Zigarette zieht, tut im Grunde nicht anderes als ein Daumenlutscher“, erklärte Pucci abschließend.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum






