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"Kind 44"
Misslungene Bestseller-Verfilmung

"Kind 44" im Kino: Eine misslungene Bestseller-Verfilmung
Noomi Rapace als Raisa und Tom Hardy als Leo Demidow in einer Szene des Kinofilms "Kind 44". FOTO: dpa, mbk
Tolle Darsteller, kein Konzept: "Kind 44" nach dem Thriller von Tom Rob Smith ist die misslungene Verfilmung eines Bestsellers geworden. Von Philipp Holstein

Gegen Ende dieses Films, wenn alle Handlungsfäden in den diesigen Bildern aus dem Blick geraten sind, schaut man umso faszinierter auf die Hauptdarsteller. Man sieht Tom Hardy, den Mann, der in der letzten Batman-Lieferung "The Dark Knight Rises" der Gegenspieler mit der schrecklichen Maske war. Er scheint nur aus Körper zu bestehen, ein tumber Muskelberg, aber das täuscht, denn man wundert sich, wie viel Zartheit, Leichtigkeit und Verletzlichkeit er in seinen Auftritt legen kann. Und an seiner Seite Noomi Rapace aus der "Millennium"-Trilogie, die man hier beinahe nicht wiedererkannt hätte. Sie ist die rätselhafte Frau an seiner Seite, völlig in sich zurückgezogen, ein lebendes Geheimnis.

Das Problem an "Kind 44" ist indes, dass die Darsteller, zu denen auch noch Gary Oldman und Vincent Cassel gehören, zwar jeder für sich großartig sind, aber nie zueinander finden, nie miteinander spielen. Die Atmosphäre des Films ist so kalt, so menschenfeindlich, dass jeder nur für sich agiert. Es geht um die Sowjetunion in den frühen 50er Jahren. Stalin ist gerade gestorben, und der Geheimdienstoffizier Leo Demidow (Hardy) ermittelt auf eigene Faust in einer Serie vertuschter Kindermorde. Er darf das nicht, denn Morde darf es im Paradies des Kommunismus nicht geben, und deshalb geraten der untadelige Held des Zweiten Weltkriegs und seine Frau (Rapace) selbst in das System aus Repression und Demütigung.

Als Vorlage dient der Weltbestseller von Tom Rob Smith aus dem Jahr 2008. Der Brite, der durch sein Debüt reich und berühmt wurde, verknüpfte geschickt Thrillerhandlung mit Historienpanorama und Gesellschaftskritik. Für den von Ridley Scott produzierten Film ist das aber zu viel. Regisseur Daniel Espinosa mag sich auf keine Linie festlegen. Er verzichtet darauf, den Zuschauer über die unterschiedlichen Ebenen der Handlungen zu geleiten, der 140-Minuten-Film besteht rein aus Atmosphäre. Eine schlechte Idee war es zudem, den Kindermörder anders als im Buch beschrieben zu charakterisieren - ihm fehlt nun jedes Motiv.

Nachdem der russische Kulturminister "Kind 44" sah, verbot er die Aufführung in seinem Land. Die Sowjetunion wirke darin wie Mordor in den "Herr der Ringe"-Filmen, klagte er. Das stimmt, und die Reaktion zeigt, dass die Produktion in ihrem Kern durchaus etwas hat, das irritiert und verstört. Aber es wird nichts Großes daraus. So schaut man Schauspielern zu und stellt sich vor, was hätte werden können, wenn sich die Talente zu einer Ensembleleistung verbunden hätten.

Quelle: RP
 
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