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Kino-Kritik: "39,90" - ein Werber rechnet ab

VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 31.07.2008 - 08:28

Düsseldorf (RP). Es könnte eine Drogenvision sein. Farbflächen schieben sich auseinander wie in einem Kaleidoskop, werden zu Punkten, zu Pixeln, zu einem Bild. Die Kamera erhebt sich aus einem Werbeplakat, ein Paar am Südseestrand wird erkennbar in inniger Umarmung. Die Kamera hebt sich weiter, gewinnt immer mehr Distanz, zeigt das Hochhaus, auf dem die Werbewand montiert ist, dann den Mann, der vor dem Südseebild am Dachrand steht, die Arme ausgebreitet, bereit zum Sprung.

So muss ein Film beginnen, der die Werbewelt entlarven will, so schnell und raffiniert und verführerisch wie ein Spot. Jan Kounen nutzt die Mittel der Werbefilmer, um die Geschichte eines Mannes zu erzählen, der in dieser Branche Erfolg hat – und an ihr zugrunde geht. Die Geschichte des Werbetexters Octave Parango, die der französische Autor Frédéric Beigbeder vor ein paar Jahren geschrieben hat und damit einen Bestseller landete: „39,90“ – der Preis als Titel als Botschaft als Verlockung.

Das Buch ist eine Beichte. Octave packt aus, denn er will entlassen werden, will aus einem Job gezwungen sein, der ihn fertig macht. Also erzählt er plakativ, wie er zu texten gelernt hat, vom Zynismus in der Werbewelt, von den Machtspielen, den Drogen, seinen vergeblichen Versuchen, mit einer Frau längere Zeit glücklich zu sein. Und er erzählt vom Selbstekel, der Menschen befällt, die ihr ganzes Denken darauf verwenden, Bedürfnisse zu wecken, Nachfrage zu schaffen, um ein wachstumshungriges System am Leben zu erhalten.

Octaves Beichte ist Enthüllungsroman und Lifestylebericht, Pamphlet und Satire, so glatt und pointenreich geschrieben wie ein Werbetext – mit lauter Sätzen, die das Zeug zum Slogan haben: „Die Armen verkaufen Drogen, um sich Nikes zu kaufen, die Reichen verkaufen Nikes, um sich Drogen zu kaufen.“ Und weil Zynismus unterhaltsam ist, wurde das Buch ein Erfolg. Nun also die Verfilmung. Ihr gelingt, was selten ist: Sie ist besser als das Buch. Das liegt zum einen daran, dass Jan Kounen sich einige kluge Eingriffe in die Handlung erlaubt

Beigbeder glaubte wohl nicht, dass seine wortreiche Abrechnung mit der Werbewelt einen Roman tragen würde, und so ließ er seinen Helden einen Mord begehen aus Langeweile, purem Überdruss. Diesen aufgepfropften Handlungszweig kappt Kounen lässig, lässt Octave viel schlüssiger im Drogenrausch schuldig werden und webt auch einige Wendungen vom Schluss des Romans sehr elegant in die Handlung.

Vor allem aber gelingt es dem Film viel überzeugender, die Ästhetik der Werbung aufzugreifen, zu überreizen und so angenehm indirekt Kritik zu üben an der überwältigenden Bilderflut, mit der die Werbewelt die Gehirne der Konsumenten überschwemmt. Wenn etwa Octave wieder einmal Koks in seine Nase lädt, um die Wirklichkeit zu überwinden, führt der Film in eine psychedelische Bilderwelt, deren Spezialefekte jedoch keine Lust machen auf noch mehr Stoff, sondern den Horror des Drogentrips Filmwirklichkeit werden lassen.

Dazu gibt’s viele Spielereien: Eingeblendete Preisschilder auf Markenprodukten, mit denen Octave sich umgibt, Zeichentrickpassagen, wenn die Geschichte besonders brutal wird, ein Gag zum Ende, der nicht verraten werden soll.

Der Film muss anders als das Buch nicht ständig betonen, dass er Abrechnung, Anklage, Beichte ist. Er überlässt das der Geschichte, die in raschen Stationen einen Mann vorführt, der egoistisch ist wie ein Kind, unfähig, etwas ernst zu nehmen oder ernst zu meinen. Bis er erkennt, dass er Produkt der Branche ist, für die er lebt. Und dass man so nicht leben kann.

Die Slogansprache im Roman ist schnell ermüdend und erzeugt den seltsamen Effekt, dass die allzu flott formulierte Selbstanklage des Werbetexters als Koketterie erscheint. Beim Buch wird der Leser das Gefühl nicht los, es sei aus reinem Kalkül geschrieben, weil Geschichten über die superreichen, superzynischen Macher unserer Werbewelten sich gut verkaufen. Der Film dagegen ist leicht, ironisch, futuristisch – moralisch ohne jede Biederkeit. Kritik, die Spaß macht – und doch schmerzt.


 
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