Film-Kritik: A History of Violence: Die Vergangenheit lauert
zuletzt aktualisiert: 10.10.2005 - 08:58Gewalt ist im Film eine beliebte Komponente, häufig jedoch geht es mehr um die Schlägerei als Action-Komponente und weniger um die Suche nach den Wurzeln der Aggression. In David Cronenbergs "A History of Violence" geht es um die Reflektion von Schlägen in der Familie. Das verstörende Meisterwerk hallt lange nach.
Für den Zuschauer hält es Wechselbäder bereit, die nichts für schwache Nerven sind, aber die 96 Minuten Dauer des Spielfilms zu einem Erlebnis machen. Der Film beginnt schockierend: Zu sehen sind zwei eiskalte Killer, die in einem Motel ein Blutbad angerichtet haben und selbst ein kleines Mädchen, Augenzeugin des Grauens, nicht verschonen. Dann aber kommt eine glückliche Familie im Städtchen Millbrook im US-Bundesstaat Indiana ins Bild. Der Coffee-Shop-Wirt Tom Stall lebt dort mit seiner Frau Edie, einer Anwältin, sowie dem halbwüchsigen Sohn und der kleinen Tochter. Tom und Edie versuchen ihr etwas abgeschlafftes Sexleben in Fahrt zu bringen, Der Sohn muss sich mit Provokationen eines eifersüchtig-brutalen Mitschülers herumschlagen, die Tochter hat manchmal nächtliche Albträume.
Ein ganz realer Albtraum aber wartet eines Tages auf Tom in dessen nettem Kleinstadt-Coffee-Shop. Denn der ist das Ziel der beiden Killer vom Anfang, die offensichtlich zu einem neuen Verbrechen bereit sind. Tom wird von einem der Sadisten bedroht, weil der in dem Familienvater jemanden zu erkennen glaubt, mit dem er schon lange abrechnen will. Doch in der Situation äußerster Gefahr entwickelt Tom seinerseits Gewaltinstinkte, die den Killern zum Verhängnis werden und Tom zum gefeierten Helden in der Gemeinde und den Medien machen. Bald aber wird seiner Frau klar, dass ihr Mann Geheimnisse aus der Vergangenheit mit sich trägt, die nun die ganze Familie bedrohen.
Fern den Zwängen Hollywoods
Der kanadische Filmemacher David Cronenberg, der diesmal ein Drehbuch von Josh Olsen in Szene gesetzt hat, ist ein Meister abgründiger Geschichten und geheimnisvoller Charaktere. Maria Bello, die Toms Ehefrau Edie spielt, beschreibt die besondere Kunst Cronenbergs ganz treffend: "Man muss ständig aufpassen, denn David führt uns über verschlungene Straßen. Man weiß nie, in welche Richtung das geht. Es gibt brutale, blutige Szenen, aber auch Liebe, Güte und Mitgefühl. Eine Mischung aus allen menschlichen Emotionen. Das Publikum geht auf eine beeindruckende Reise."
Zentrale Figur dieser tatsächlich beeindruckenden, von Anfang bis Ende aufregenden Kinoreise ist Tom, den Viggo Mortensen, bekannt aus "Herr der Ringe", mit faszinierender Doppelbödigkeit spielt: Dieser Mann ist überzeugend ein liebevoller Familienvater und grundsolider Durchschnittsbürger, er ist aber auch einer, der bei Sex und Gewalt explodieren kann. Cronenberg arbeitet im heimischen Toronto, wo er sich nicht ins enge Korsett Hollywoods zwängen lassen muss. Das gibt ihm ungewöhnliche Freiheiten in jeder Beziehung: "Ich halte das Sexualleben meiner Filmfiguren für sehr wichtig. Wenn man davor zurückschreckt, kann man die Figuren nicht tief ausloten."
Die entsprechenden Szenen zwischen Tom und Edie sind wohl deshalb so eindrucksvoll. Auch die Gewalt, die in dem Film latent oder real immer die Hauptrolle spielt, ist bei Cronenberg kein Selbstzweck wie bei einigen seiner Kollegen, sondern wohnt den Figuren und der Gesellschaft, in der sie leben, inne. Ihre Eruptionen wirken deshalb bei aller Brutalität nicht konstruiert oder gar zynisch, sondern zwingend: Cronenberg meint dazu: "Gewalt ist Teil der menschlichen Natur, sie bestimmt die Menschheitsgeschichte, - man darf sich ihr nicht verschließen." Wer das beherzigt, darf "A History of Violence" nicht versäumen.
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