Regisseur Oskar Roehler zeigt Familiengeschichte: Agnes und seine Brüder: Familie Kunterbunt
zuletzt aktualisiert: 11.10.2004 - 12:47Regisseur Oskar Roehler hat einen Ruf als "Enfant terrible" des deutschen Kinos zu verteidigen. Mit seinem neuen Film "Agnes und seine Brüder" versucht er, deutsche Befindlichkeiten aufzuspüren - und stellt den Zuschauer dabei an den Rand der Zerreißprobe.
Die einen werden den Film des 45-jährigen Filmemachers als absolute Zumutung betrachten, die anderen als anerkennenswerte Mutprobe. Es ist jedenfalls eine höchst eigenwillige Familiengeschichte um drei höchst ungleiche Brüder, die Roehler mit Moritz Bleibtreu, Herbert Knaup, Martin Weiß und Katja Riemann nach eigenem Drehbuch in Szene gesetzt hat.
Einer der Brüder ist nur deshalb einer, weil er einst als Mann geboren wurde, sich aber in eine Frau verwandelt hat, nun Agnes heißt und als Tänzerin durchs Leben schlägt. Hans-Jörg, der jüngste der Brüder, ist zweifellos ein Mann, aber auch zweifellos sexuell fortdauernd unbefriedigt. Als Bibliothekar an der Universität sucht er Annäherung an attraktive Studentinnen. Doch es reicht am Ende nur zu kläglichen voyeuristischen Erlebnissen, mit denen sich Hans-Jörg zu allem Übel auch noch eine peinliche Demütigung einhandelt.
Beruflicher und privater Star ist hingegen Werner, der älteste der Söhne des gealterten Freaks Günther, den Vadim Glowna mit absurder weißer Hippie-Perücke als Karikatur eines Vaters darbietet.
Roehler gibt sich durchaus Mühe und lässt sich Zeit, dem Zuschauer jeden der drei Brüder vorzustellen. Der/die sanfte Agnes ist sicherlich die sympathischste Figur des turbulenten, oft allzu grellen und übersteigerten Geschehens. Ein Mann, der sich seiner großen Liebe wegen zu einer Frau umoperieren ließ - vor so viel Konsequenz muss man auch dann Respekt empfinden, wenn einem das doch recht seltsam erscheinen mag.
Der ewig schwitzende, unentwegt onanierende Hans-Jörg, den Bleibtreu mit bewundernswerter Intensität spielt, ist dagegen nicht gerade eine männliche Lichtgestalt. Wenn einer so dämlich-besessen jedem Rock hinterher läuft, kommt eher Häme als Mitleid auf.
Keine Weiterentwicklung erkennbar
Doch Roehler gönnt gerade dieser Figur ein unverhofftes Liebesglück. Es muss aber schon eine vollbusige Pornodarstellerin sein, die Hans-Jörg all die Lustwonnen schenkt, die ihm zuvor von arroganten Studentinnen verweigert wurden. Zweifellos die interessanteste Figur unter den Brüdern ist Werner, der Politiker der Grünen große Karriere gemacht hat. Herbert Knaup, für solche Rollen ohnehin die Idealbesetzung, macht aus diesem politischen Konjunkturritter ein darstellerisches Kabinettstückchen, an dem auch Katja Riemann als seine frustriert-biestige Ehefrau Signe ihren Anteil hat.
Werner und Signe, das ist ein Paar der neuen etablierten Mittelschicht, das Roehler mit so boshafter Lust seziert und denunziert, dass der Verdacht aufkommt: Mit den Grünen wollte der Regisseur, warum auch immer, mal gründlich abrechnen. Aber es ist Roehlers Problem, zu vieles in diesem Film zu wollen, aber es zu selten so zu verknüpfen, um ein schlüssiges Werk präsentieren zu können. Offenbar wagt er mit "Agnes und seine Brüder" den Versuch, deutsche Gefühlslagen und Existenzen unserer Tage auf die Leinwand zu bringen. Gelungen ist das nur ansatzweise, die Qualität der Szenen ist sehr unterschiedlich.
Und Roehler, das sollte er endlich einsehen, ist weder ein guter Drehbuchschreiber noch ein sonderlich talentierter Dialogverfasser. Seine offenbar unheilbare Vorliebe für auch geschmacklose Effekte mag ihm noch eine Weile seinen Status des Enfant terrible sichern. Eine künstlerische Weiterentwicklung lässt jedoch sein neuer Film, der wohl kaum das Zeug zum Publikumshit hat, nicht erkennen. Immerhin zeigt er mit dem jungen Martin Weiß, der in seiner ersten Kinohauptrolle spielt, einen Schauspieler, der seine pikant-diffizile Aufgabe bravourös meistert.
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