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Neu im Kino: "Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln"
Johnny Depp kehrt als deprimierter Hutmacher zurück

Alice im Wunderland 2: Johnny Depp als deprimierter Hutmacher im Kino
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Düsseldorf . Vor sechs Jahren landete Tim Burton mit "Alice im Wunderland" seinen bisher erfolgreichsten Film. Jetzt kommt der zweite Teil des Fantasy-Abenteuers ins Kino. Doch kann das protzige Digitalfeuerwerk die Ideenarmut des Filmes nicht kaschieren.  Von Martin Schwickert

Das weltweite Einspielergebnis von über einer Milliarden Dollar war nicht nur dem Regiegenie, der Popularität der Romanvorlage oder dem illustren Auftritt Johnny Depps geschuldet, sondern auch und vor allem der frisch hereinbrechenden 3D-Euphorie zu verdanken. Ein Jahr nach James Camerons "Avatar" war "Alice im Wunderland" der zweite große Blockbuster, in dem das moderne Hi-Tech-Kino stolz präsentierte, was es in der dritten Dimension so alles drauf hatte.

Und der Stoff war dafür wie geschaffen: Genauso wie Lewis Carroll in seinem 1865 erscheinen Roman der Fantasie vollkommen freien Lauf ließ, konnte sich Burton im Land der unbegrenzten technischen Möglichkeiten austoben. "Das Warum kann nicht und braucht nicht in Worte gefasst werden", schrieb Carroll damals im Vorwort der Erstausgabe und plädierte damit für die Befreiung der Fantasie durch ein gezielt nonsensuales Erzählen.

Kaum Ähnlichkeit mit der Romanvorlage 

Während Burtons schrill-bunt, mäanderndes Kinomärchen diesem (kindlichen) Geist der Vorlage weitgehend treu blieb, verliert nun das unvermeidliche Sequel "Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln" unter der Regie von James Bobin den Glauben an die frei fluktuierende Narration und flüchtet sich in marktgerechte Erzählkonventionen. Aus Carrolls Romanfortsetzung borgt sich Drehbuchautorin Linda Woolverton ("Maleficent") nur die Exposition und eine Hand voll Figuren, um sich dann in einem standardisierten Zeitreiseplot zu ergehen.

Von Abenteuern auf hoher See und in fernen Ländern kehrt die selbstbewusste Alice (Mia Wasikowska) ins viktorianische England zurück, nur um zu erfahren, dass ihre Mutter Haus und Schiff verpfändet hat, um die Tochter in ein bürgerlich damenhaftes Leben hineinzuzwingen. Grund genug dem Ruf des Schmetterlings zu folgen, durch einen Spiegel hindurch zurück in jene Welt zu steigen, in der die Möglichkeiten für ein furchtloses Mädchen unbegrenzt scheinen.

Die alten Freunde vom weißen Kaninchen über die Grinsekatze bis zu den Zwillingen sind voller Sorge, weil der verrückte Hutmacher (Johnny Depp) an schweren Depressionen leidet und über den Verlust seiner Familie vor vielen Jahren nicht hinwegkommen kann. Deshalb macht sich Alice auf zu einem Mann namens Zeit (Sacha Baron Cohen), um das Rad der Geschichte zurückzudrehen und die Ereignisse zu vereiteln, die zum vermeintlichen Tod der Familie geführt haben. Aber aus dem Heer der Zeitreisefilme, die in den vergangenen Jahren die Kinoleinwand bevölkerten, weiß jedes Kind, dass sich die Vergangenheit nicht so leicht revidieren lässt.

Abgeschmackte Figuren und Ideenarmut 

Regisseur Bobin ("Die Muppets") hat den ganzen Zauberkasten seines Vorgängers Tim Burton, der hier nur noch als Produzent fungierte, übernommen: Die Kostüme sind spektakulär, die Farben prächtig, die Effekte beeindruckend. Aber die schicksten Apps nützen nichts, wenn die Hardware nicht stimmt, und so streicht das überbordende Design und das protzige Digitalfeuerwerk die Ideenarmut des Routineplots nur noch deutlicher heraus.

Abgeschmackt sind hier nicht nur das Zeitreise-Gerüst, sondern auch die psychologischen Impulse und Motivationen der Figuren. Ein paar geklaute Kekse in Kindertagen führen zu tragischen Zerwürfnissen zwischen den Schwestern Iracebeth (Helena Bonham Carter) und Mirana (Anne Hatheway) und das Klischee fehlender, väterlicher Anerkennung zum schmerzhaften Trauma beim Hutmachersohn. Am Schluss wird alles wieder schön eingerenkt und der Wert intakter Familienbeziehungen und Freundschaften überdeutlich herausgestrichen. Vom freien Geist Carroll'scher Fantasie und Nonsenswelten bleiben "Hinter den Spiegeln" nur noch oberflächlichen Reflexe übrig, die nur unvollständig von den einfallslosen Erzählformaten und biederen Botschaften ablenken können.

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