Studentin bei der Selbstzerstörung: Allein: Porträt einer Gefährdeten
zuletzt aktualisiert: 25.07.2005 - 10:22Vor einigen Monaten wurde Lavinia Wilson mit dem renommierten Max-Ophüls-Preis als beste Nachwuchsschauspielerin ausgezeichnet, nun ist sie auf der Leinwand zu sehen. In "Allein" verkörpert sie großartig eine labile Studentin, die mit Sexaffären, Tabletten und Alkohol ihre Angst vor dem Alleinsein bekämpft.
Maria ist Studentin an der Universität Essen. Mit einem Job in der dortigen Bibliothek sichert sie ihre bescheidene materielle Existenz. Viel mehr als diese ist Marias Seelenheil gefährdet. Denn die attraktive junge Frau ist sehr labil, sie hat Angst vor dem Alleinsein. Mit Sexaffären, Tabletten und Alkohol bekämpft sie diese Angst, als wolle sie den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Eines Tages begegnet sie dem angehenden Tierarzt Jan, einem sympathischen Wuschelkopf, der sich in Maria verliebt.
Es ist für Maria eine neue Erfahrung, von Jan nicht gleich ins Bett gedrängt zu werden. Er ist das völlige Gegenteil ihres selbstgefälligen Liebhabers Wolfgang, der Marias Schwächen kennt und skrupellos ausnutzt. Doch die Studentin schafft es wirklich, sich für Jans Gefühle, die auch ihre eigenen werden, zu öffnen. Nach einem kurzen Glück zu zweit am Meer gerät Maria allerdings in größere Gefahr denn je. Ob sie dieser trotzen und ihrer Selbstzerstörung entkommen kann, erzählt das Filmdebüt des 1974 geborenen Thomas Durchschlag, der sein eigenes Drehbuch inszeniert hat. "Allein" wird ab dem 28. Juli in die Kinos kommen.
Wie die meisten Debütfilme hat auch dieser seine Schwächen. Allzu brav und absehbar sind die Drehbuchstationen aufgebaut. Da fehlen die echten Überraschungseffekte, die den Betrachter auch einmal irritieren, ja verstören könnten und auch sollten. Sowohl die Figur des von Richy Müller routiniert gespielten fiesen Wolfgang wie die des von Maximilian Brückner gewollt linkisch verkörperten Jan sind mehr oder weniger klischeebehaftet. Das würde dem Film allerdings mehr schaden ohne die beeindruckende Leistung von Lavinia Wilson als Maria.
Wilson mit Mut zu körperlicher und seelischer Nacktheit
Wie die vor einigen Monaten mit dem Saarbrücker Max-Ophüls-Preis als beste Nachwuchsschauspielerin ausgezeichnete Lavinia Wilson die Verlorenheit und jähe Sprunghaftigkeit der Studentin glaubhaft macht, verdient Bewunderung. Und wie diese Maria auch im Sex ihrer Einsamkeit nicht entfliehen kann, das zeigt die 25-jährige gebürtige Münchnerin mit amerikanischem Vater sensibel-anrührend. Es ist das Psychogramm eines jungen Menschen, der Probleme mit seinen Grenzen hat - in unserer Zeit kein seltenes Phänomen. Lavinia Wilson versetzt sich mit beklemmender Intensität und dem Mut zu körperlicher und seelischer Nacktheit in diese Figur einer "Borderlinerin".
Thomas Durchschlag präsentiert mit "Allein" ein durchaus sehenswertes Debüt auf der Leinwand. Die Entscheidung für Essen als Drehort gibt dem Film reizvolle Nüchternheit. Mehrfach ist die von Richard Serra erschaffene Stahl-Bramme auf der Schnurenbachhalde ein zentraler Schauplatz der Handlung und der Beziehung zwischen Maria und Jan. Es ist mit Blick auf die Ruhrgebietslandschaft ein zugleich trostloser wie mythischer Ort. In der letzten Szene ist es auch ein Ort der Hoffnung, doch nicht mehr. Die Hoffnung, Lavinia Wilson noch oft zu sehen, wird sich allerdings gewiss erfüllen. Sie hat das Können und das Gesicht, eine deutsche Isabelle Huppert zu werden.
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