Kino-Kritik: Alter Mann bittet zum Duell
VON THOMAS KLINGENMAIER - zuletzt aktualisiert: 20.12.2007 - 10:00Düsseldorf (RP). Erfolg schafft Feinde. Auch deshalb, weil der Erfolg manche Leute unerträglich macht. Der Bestsellerautor Andrew Wyke (Michael Caine) ist ein Musterbeispiel für diese Kategorie der Aufsteiger, deren zweifelhafte Charaktereigenschaften durch den Erfolg bestätigt, betont, nein, wie Ballons aufgeblasen werden.
Wyke schreibt nämlich massenhaft verkaufte Kriminalromane, und wenn er zu Lesungen anreist, so darf man aus den Dekorationen seines Zuhauses schließen, spendiert ihm sein Verlag überdimensionierte Porträtfotowandbehänge für die Buchhandlungen. Aber nicht nur die Umsatzzahlen und die Werbehuldigungen machen Wyke größenwahnsinnig, es ist der Beruf selbst.
Als Manipulator fiktiver Gestalten, als jemand, der ausgedachte Menschen beliebig in Not, Gefahr und Peinlichkeiten bringen, der Leben, Gewissheiten und Geborgenheit zerstören darf, hat er längst kein Gefühl für Grenzen mehr. Er agiert auch im Leben als Gott am Schaltpult der Schicksale.
In der bitteren Komödie „1 Mord für 2“ von Kenneth Branagh lädt Wyke den erfolglosen Schauspieler Milo Tindle (Jude Law) auf seinen feudalen Landsitz ein. Tindle ist der Liebhaber von Wykes Frau. Der in seiner Eitelkeit gekränkte alternde Autor (die Liebe zu seiner Frau ist längst erloschen, der Eifer des alleinigen Besitzenwollens nicht) hat vor, den jungen Tindle auf ausgesuchte Weise fertigzumachen.
Vorlage ist ein Theaterstück
„Sleuth“, so der Originaltitel, ist schon die zweite Verfilmung eines höchst erfolgreichen Theaterstücks von Anthony Schaffer, einem Londoner Bühnenrivalen für Agatha Christies Endloserfolg „Die Mausefalle“. Die erste Adaption, deutsch „Mord mit kleinen Fehlern“ (1972) betitelt, inszenierte Joseph L. Mankiewicz („Alles über Eva“, „Die barfüßige Gräfin“). Schon bei ihm spielte Michael Caine mit, damals aber den jungen Liebhaber. Der konkurrenzfreudige Laurence Olivier gab mit einer in tausend Manierismen und Grimassen flackernden Energie, die man durchaus als Aggression gegen Caine empfinden konnte, den vernichtungswilligen Großautor.
Eine Rolle weiter gerutscht, nun selbst als Wyke gegen ein jüngeres Talent anspielend, vermeidet er nun jede exaltierte Übertreibung in einer Geschichte, die haarscharf am Rand des unfreiwillig Absurden wandelt, ohne je abzurutschen. Pikantes kleines Detail des Schauspielerduells: Jude Law schlotterte im Remake von „Alfie“ in den Schuhen von Caine, der als Alfie 1966 eine seiner besten Leistungen absolviert hat.
Das Remake „1 Mord für 2“, an dessen Drehbuch Harold Pinter mitgearbeitet hat, sticht die Vorlage in mancher Hinsicht aus. Dieser Männerkampf, bei dem Wyke eine Einladung zum Plausch in eine Mischung aus Psychofolter und Geiselnahme verwandelt, erinnert viel weniger an ein Theaterstück, die Kamera bewegt sich lebendig, statt nur zu beobachten.
Von Überwachungskameras durchseucht
Das verdankt der Film auch einem veränderten Umgang mit dem Raum in unserer Realität. Wir überblicken große Anwesen von kleinen Monitoren aus. Wyke hatte schon bei Mankiewicz sein altes Haus mit teurer Technik aufgerüstet: Er hatte historische Jahrmarktpuppen mit Fernsteuerungen ausgestattet und verriet so Manipulationsdrang und Beherrschungswillen.
Bei Kenneth Branagh aber ist das Anwesen Wykes von Überwachungskameras buchstäblich durchseucht. Das ist einerseits der Not und Angst geschuldet: Besitz muss gesichert werden. Andererseits stellt es einen Akt der ausweitenden Aneignung dar: Das Haus wird zu einem Körperteil, zu einem Außenskelett Wykes, zur enormen Erweiterung der Grenzen des Ich. Jeder Flachbildmonitor der Überwachungsanlage, den die Kamera ins Bild rückt, ist zwar ein Produkt der Verängstigung.
Aber Wyke kaschiert das mit edlem Design und einer winzigen Fernbedienung, die alle möglichen Funktionen seines Hauses kontrolliert. Eine kleine Bewegung der Finger, und etwas setzt sich in Bewegung – Wykes genießt diese Macht. Für ihn setzen sich die Monitore und Kameras zum allsehenden Auge Gottes zusammen. So stecken wir in jedem Bild mittendrin in einem so alltäglichen wie beängstigenden Größenwahn: Erfolg macht maßlos.
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