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Kinofilm über tote Sängerin
Der Verfall der Amy Winehouse

Bilder aus der Doku über Amy Winehouse
Bilder aus der Doku über Amy Winehouse FOTO: SWR/SWR3/Universal
London. Die Doku "Amy" porträtiert den leidenden Pop-Star – und wird der Sängerin und selbstbewussten Künstlerin damit nicht gerecht. Von Daniel Kothenschulte

Der Dokumentarfilm "Amy" ist etwas, das Amy Winehouse nie gewesen ist: eine Enttäuschung. Vielleicht mochten die Besucher ihres letzten Konzerts am 18. Juni 2011 in Belgrad, die sie ausbuhten, weil sie sich kaum mehr auf den Beinen halten konnte, anderer Ansicht gewesen sein. Aber so ist es nun einmal, wenn man weiß, dass es einem Star nicht gutgeht und man sich trotzdem eine Karte kauft. Und dann feststellt, dass es nichts anderes zu besichtigen gibt als eine Momentaufnahme des Verfalls.

Eine Enttäuschung? Nein, solche Konzerte gehören zu den traurigsten Erfahrungen, die man als Musikfan machen kann. Das Letzte, woran man dabei denkt, ist sein Eintrittsgeld. Man möchte dann nur noch, dass jemand auf die Bühne kommt, sein Idol in den Arm nimmt und nach Hause bringt. Wer in Belgrad freilich lautstark sein Eintrittsgeld zurückforderte, der hätte sein Ticket wohl schon bald nicht mehr hergegeben: Seht her, ich habe die Winehouse noch erlebt, bevor sie gestorben ist.

Dass man angesichts menschlichen Leids nicht zugleich hin- und wegsehen kann, weiß jeder Dokumentarfilmer. Dennoch gibt es immer wieder großartige Annäherungen an ähnlich tragische Künstlerbiographien, wie zuletzt das Kurt-Cobain-Porträt "Montage of Heck" bewiesen hat. Auch der Brite Asif Kapdaia stützt sich in "Amy" zu einem großen Teil auf Amateuraufnahmen, die er mit Konzert- und Talkshowschnipseln zu einer Nacherzählung des Lebens und Sterbens der Amy Winehouse verdichten möchte. So zeigt er "the girl behind the name (das Mädchen hinter dem Namen)" - so der rätselhafte Untertitel - einerseits aus nächster Nähe. Und versucht doch zugleich die schützende Hand über sie zu halten.

Fotos: Amy Winehouse - eine Pop-Legende FOTO: dpa, epa Deme

Handyaufnahmen, die nie für eine Veröffentlichung gedacht waren, erscheinen ihm da so lange präsentabel, wie sie die lachende Amy zeigen. Seine wichtigste Quelle ist Nick Shymansky, ein guter Freund der Künstlerin. Für die an ihrer Drogen- und Magersucht unaufhaltsam zerbrechende Künstlerin steht dagegen die Perspektive der Paparazzi, deren parasitäre Existenz einerseits verurteilt wird, während man doch ohne ihre Bilder nicht ganz auskommen mag. Zeitzeugen, die man - was eine durchaus sinnvolle Entscheidung ist - nicht als "sprechende Köpfe" sieht, sondern nur im Off hört, benennen mögliche Verdächtige in Sachen unterlassener Hilfeleistung. Wer hätte bei dieser Chronik eines angekündigten Todes noch etwas aufhalten können?

Für einen Mediziner, der offenbar an keine Schweigepflicht gebunden ist, ist das Winehouse' Ex-Mann Blake Fielder-Civil. Obwohl er selbst ebenfalls zu den Interviewten zählt, muss er sich die Andeutung gefallen lassen, er habe seine Suchtgefährtin möglicherweise noch während der Therapie mit Heroin versorgt.

Auch Vater Winehouse, auf den seine Tochter nie etwas kommen ließ, kommt nicht gut davon: Ihm wird seine eigene Medienaffinität vorgeworfen, während seine humanitären Projekte unerwähnt bleiben. Verschont hingegen bleibt die Musikindustrie, deren kommerzielle Strategien die um individuellen Ausdruck bemühte Musikerin selbst so oft in Frage stellte. Kein Wunder: Produzent des Films ist niemand anderes als ihre Plattenfirma Universal Music. Allein der Konzertbetrieb - als wäre er nicht eng mit der Tonträger-Vermarktung abgestimmt - erfährt etwas Kritik.

Hintergrund: Die größten Erfolge von Amy Winehouse FOTO: AFP

Wie so oft, wenn sich Künstlerbiographien als Verfallsgeschichten präsentieren, bleibt die Kunst dabei als Erstes auf der Strecke. Obwohl man aus einem immensen Fundus von offiziellen Konzert- und Backstage-Bildern schöpfen konnte, darf Amy Winhouse kaum einen Song zu Ende singen. Das Bild der leidenden Künstlerin ist derart dominant, dass ihr entwaffnender Humor völlig auf der Strecke bleibt.

Dabei war Amy Winehouse in ihren großen, strahlenden Augenblicken geradezu entwaffnend souverän. Auch wenn das bis heute anhaltende Comeback des Soul vor allem ihr Verdienst gewesen ist: Wie sie ihre Songs dann auf der Bühne präsentierte, brach erfrischend mit dem Pathos des Expressiven, das dieser Musikrichtung so oft anhaftet. Und dann war Amy plötzlich viel mehr Punk als alles andere. Dass Kollege Bennett sie zu Recht als eine der ganz großen Jazz-Sängerinnen würdigt, ist dabei kein Widerspruch.

Amy Winehouse hatte mehr Talente, als wohl auch in einem besseren Dokumentarfilm von zwei Stunden Länge zu würdigen wären. Doch selbst Billy Holiday tat man lange Unrecht, indem man sie allein als Opfer porträtierte. Wie nur die größten Bühnenkünstler hatte Amy Winehouse in ihren Sternstunden alles auf einmal zur Verfügung: die Geschichte und die Gegenwart der Musik, die sie liebte, alle Selbstironie und doch zugleich auch alle Aufrichtigkeit.

Weitere Informationen zu Amy Winehouse in unserem Dossier.

Quelle: RP
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