Generationen-Porträt "London Nights" von Alexis dos Santos: Auf der Suche nach Liebe in London
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 12.08.2010 - 10:25(RP). Von diesem Film bleiben weniger die Geschichten, die er erzählt, als vielmehr ein Gefühl, ein Geschmack und eine Gestimmtheit. Diese Wirkung belegt indes, dass der argentinische Regisseur Alexis Dos Santos sein Ziel erreicht hat: Der 39-Jährige wollte mit "London Nights" die Generation der 20-Jährigen porträtieren, die Zeit ins Bild bringen, die für die meisten eine Phase der Rast- und Orientierungslosigkeit ist und reiner Transit.
Die Hauptfigur ist Axl, er geht mit halb geschlossenen Lidern durch die Welt, und er ist aus Madrid nach London gekommen, um seinen Vater zu finden, zu dem er seit früher Kindheit keinen Kontakt hat. Er schläft in jeder Nacht in einem anderen Bett, durch 20 ist er schon gewandert, und in den wenigsten hat er die Besitzer am nächsten Morgen wiedererkannt. Erst in der WG von Mike und Hannah findet er einen Platz zum Bleiben. In dem besetzten Haus indes kommen und gehen die Bewohner mit so hoher Frequenz, dass dort stets ein Rauschen zu vernehmen ist, das Geräusch der Unverbindlichkeit, der Soundtrack des Aufbruchs.
Ungemachte Betten
Axl merkt denn auch nicht, dass er mit Vera unter einem Dach lebt. Sie ist Belgierin und möchte in London die Enttäuschung wegfeiern und -tanzen, die natürlich ein Mann verursacht hat. Sie trifft jemanden, der alles gut machen könnte, aber sie fürchtet sich, und so verraten sie einander ihre Namen nicht und lassen Zeit und Ort ihrer Treffen den Zufall bestimmen.
Der Film selbst wirkt wie eine Erinnerung, ausgewaschen die Farben, die Gegenwart spielt unter diesigem Himmel, selbst die Tage sind nicht klar, sondern verhangen, und sie verdunkeln rasch. Erst in den Nächten erwacht das Leben, es ist ein dumpf berauschtes, in dem nicht Gewissheit zählt, sondern die Möglichkeit. Die Hauptfiguren werden von ihrer klammen Kleidung am Boden gehalten, alles ist ein bisschen schmutzig, und der Original-Titel "Unmade Beds" trifft die Essenz der Produktion möglicherweise eher als der hiesige.
Alexis Dos Santos lässt Axl und Vera mehrere Male aneinander vorbeigehen und zweimal miteinander sprechen, er verknüpft die Fäden der Erzählung sehr charmant. "Habe ich all mein Glück schon aufgebraucht?", fragt sie, aber sie bekommt keine Antwort, das will sie vielleicht auch gar nicht, denn Traurigkeit kann ja durchaus sehr schön sein und erfüllend.
Es gibt Szenen in diesem Film, die lassen schmunzeln, so gut hat der Regisseur sie dem Alltag abgelauscht. Die Episode mit den beiden etwa, die im Keller des besetzten Hauses eine Matratze suchen. Sie finden einen Plattenspieler, der ausgemustert wurde, weil er nicht mehr jede Platte spielen mag. Also probieren die beiden dutzende Platten aus, und sie sagen: "Das Lied, das der Plattenspieler aussucht, soll unser Lied sein." Man spürt, wie sie auf "Blowin' In The Wind" oder vergleichbar Vielsagendes hoffen. Es wird dann aber billigster Italo-Pop von Ricchi e Poveri aus den 80ern. Darüber müssen sie lachen.
Bewertung: 4 von 5 Sternen
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