Kino-Kritik: Ausbeuterin wider Willen
VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 27.11.2008 - 07:48Düsseldorf (RP). In seinem Sozialdrama „It’s a free world“ erzählt der britische Regisseur Ken Loach die Geschichte von Angie, einer jungen Frau, die sich als Personalvermittlerin selbstständig macht und bald im brutalen Geschäft mit illegalen Arbeitern mitmischt. Kapitalismuskritik als Krimi.
So beginnen Erfolgsgeschichten. Angie ist klug, attraktiv, mutig. Ihre Vorliebe für Tigermuster-Klamotten verrät Raubtierinstinkt, jenen Biss, den Unternehmer brauchen. Also trauert sie nicht lange, als sie ihren Job bei einer Personalvermittlungsagentur verliert, sondern macht sich selbstständig. Schluss mit Kollegen, die ihr an die Wäsche wollen. Endlich will sie ihr Schicksal selbst bestimmen, beweisen, was sie kann – und selbst davon profitieren.
Doch Angie arbeitet eben nicht in irgendeiner Branche, in der sich mit einer cleveren Geschäftsidee eine Nische finden und sauber ein bisschen Geld verdienen ließe. Sie arbeitet direkt im Maschinenraum des Kapitalismus. Schließlich sind Arbeitskosten entscheidend für den Gewinn, also muss an dieser Schraube drehen, wer im globalen Konkurrenzkampf überleben will. Angie kapiert schnell, dass sie sich keine Skrupel leisten kann, und beginnt Menschen zu vermitteln, die illegal in London leben. Sie steigt ein in den Handel mit Arbeitskraft, der ein Handel mit Menschen ist, und scheitert – wie eine tragische Heldin – an den Verhältnissen.
„It’s a free world“ hat Ken Loach seinen neuen Film voll Sarkasmus genannt. Zeigt er doch eine Welt, in der Menschen nur die Freiheit haben, ihre Arbeitskraft um jeden Preis zu verkaufen. Doch Loach ist kein Zyniker. Er freut sich nicht heimlich an Verhältnissen, die ihm traurige Geschichten bescheren, dieser Regisseur klagt an. Und dazu erzählt er Geschichten, in denen die Mechanismen der Ausbeutung und Unterdrückung zu beobachten sind, Ohnmacht erlebbar wird. Strukturelle Gewalt zeichnet sich in Loachs Filmen im Schicksal lebendiger Menschen ab wie ein Brandzeichen und wird so überhaupt erst erkennbar.
Das kann man plakativ finden und den Regisseur als gestrigen Neorealisten mit zu viel Botschaft beschimpfen. Doch dafür sind Loachs Filme zu kunstvoll gemacht. Zu keiner Sekunde wirkt etwa Angie wie eine Schachfigur, die durch eine Geschichte geschoben würde, um Ideologien zu beweisen. Dazu ist sie zu lebendig, zu gut und schlecht zugleich. Angie ist zunächst durchaus Sympathiefigur, eine alleinerziehende Mutter, die Geld verdienen muss und sich vor Verantwortung nicht drückt. Doch Loach lässt sie auch ganz bewusst Grenzen der Menschlichkeit überschreiten, wenn sie etwa illegale Einwanderer an die Polizei verrät, um deren primitive Schlafplätze in einem Wohnwagenpark für ihre eigenen Arbeiter nutzen zu können. Angie will persönliche Freiheit und entscheidet sich darum, nach den Regeln der globalen Welt zu spielen – ohne Regeln also. Manche nennen auch das Freiheit.
„It’s a free World“ ist darüber hinaus ein spannender Film, denn er führt in das Zwielicht Londons, in das bedrohliche Reich hinter den schmucken Fassaden dieser Boom-Metropole, in dem allein das Recht des Stärkeren zählt. Das ist das Milieu des Krimis, und Ken Loach nutzt durchaus die dramatischen Mittel dieses Genres.
Außerdem ist der Film eine Familiengeschichte. Er zeigt die tapferehilflose Angie als Mutter eines Jungen, der andere Kinder verprügelt, um sich nicht mehr so verlassen zu fühlen. Und er führt in die soziale Schicht, in der Angie groß wurde, in die alte britische Arbeiterklasse. Die nimmt Gestalt an in Angies Vater, der missbilligt, was die Tochter tut. Wie sie aber ihren Weg finden soll, in diesem rauen, menschenfeindlichen Hinterhof-London, dazu schweigt er lieber.
Gespielt wird das von vielen unbekannten Schauspielern, die man gerne öfter sehen würde, so intensiv, so wahr wirkt ihr Spiel. Das gilt natürlich für Kierston Wareing als rebellische, skrupellose, anrührende Angie, aber genauso für jede kleine Rolle in diesem Film. Diese Darsteller ausgesucht und sie so durch die Geschichte geführt zu haben, auch das ist Ken Loachs Verdienst.
Keine Erfolgsgeschichte also, diese Erzählung aus der freien Welt, aber ein Film, dem man Erfolg wünscht – weil Regisseure, die etwas beklagen wollen, so selten geworden sind.
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