Herausragender Film von Altmeister Paul Schrader: "Auto Focus": Sex und Videos
zuletzt aktualisiert: 24.06.2003 - 10:21Hamburg (rpo). Wer ermordete Bob Crane? Bis heute ist der Fall des 1978 brutal hingerichteten Schauspielers nicht aufgeklärt. Zweifellos aber gab es einen Zusammenhang mit Cranes Obsessionen, die sein Leben und seine Karriere ruiniert haben: Sex und Videos. Paul Schraders Film "Auto Focus" ist die Chronik dieser Talfahrt und zugleich ein herausragender Unterhaltungsfilm.
Bob Crane war der Star des 1965 gestarteten TV-Comedy-Hits "Hogan's Heroes" ("Ein Käfig voller Helden"). Auf dem Höhepunkt seiner Karriere entdeckt er eine Droge, die ihm größere Kicks verschafft als die in der Garage versteckten Magazine mit nackten Mädchen: den Videorecorder. Das ist der Anfang vom Ende dieser mit gutem Witz erzählten Tragödie.
Ein Mann namens John Carpenter macht Crane diese neueste technische Errungenschaft schmackhaft. "Auto Focus" ist ebenso die Geschichte einer Verführung, einer ambivalenten und destruktiven Männerfreundschaft. Cranes neuer Freund hat ein Gespür für seine Schwächen und Leidenschaften. Er führt ihn in Nachtclubs, wo sich der Schauspieler produzieren darf, was er ebenso braucht wie die nackte Haut zum Anschauen. Carpenter organisiert private Orgien mit Stripperinnen und zeichnete sie für prickelnde Homevideo-Abende auf.
Ein Tag ohne Sex ist ein verlorener Tag
Zwei verwandte Seelen, für die ein Tag ohne Sex ein verlorener Tag ist. Allein Carpenters Bisexualität stößt den prüden Sexmanic Crane ab. Aus dieser seltsamen Beziehung machen Greg Kinnear (Crane) und Willem Dafoe ein großartiges Duett. Dabei ist Dafoe in der Rolle des Charismatikers Carpenter auch auf der Leinwand der stärkere Charakter. Kinnear, als Quasi-Doppelgänger des Allerweltsgesichts Crane, zeigt ihn all in seiner Durchschnittlichkeit.
Crane war ein Schauspieler ohne nennenswertes Profil, aber mit einem enormen Geltungstrieb. Auch der ruinierte seine Karriere, nach der er ebenso süchtig war wie nach bewegten Sexbildern auf Videotape. Den Niedergang von Crane zeichnet Schraders Film (Drehbuch Michael Gerbosi nach Robert Graysmiths Buch "The Murder of Bob Crane") eher in Randbemerkungen nach. Er konzentriert sich auf das Abdriften eines Mannes, der außer Stande ist, seine Situation zu realisieren. Fixiert auf seine Besessenheit - nur sich selbst fokussiert - zerstört Crane auch das Leben seiner Familien.
Auch dieser neue Film von Paul Schrader ist eine amerikanische Zustandsbeschreibung. Schrader, der für Scorsese Drehbücher schrieb ("Taxi Driver") und mit "American Gigolo" einen Zeitgeist-Klassiker über Sex, Gewalt & Doppelmoral in die Kinos brachte, zeichnet hier ebenfalls die Konturen einer Ära nach. Die Geschichte vom Aufstieg und Fall des Bob Crane entspringt dem moralischen Klima des Vor-Medienzeitalters, ist also auch ein Stück Archäologie.
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