Drama "Birdwatchers – Im Land der roten Menschen": Bedrückend: Wie Indios heute kämpfen
VON THOMAS KLINGENMAIER - zuletzt aktualisiert: 16.07.2009 - 12:05(RP). Prickelnd primitiv, schaurig sinister, kitzlig exotisch wirken sie, die wilden Indianer, die da plötzlich wie ein Teil der Natur, nicht unbedingt ein ganz friedlicher, am Flussufer erscheinen. Die Reisegruppe in den Motorkanus staunt, filmt, fotografiert, und der schönste Moment für die Touristen kommt, als ihre Führer schon die Gashebel der Außenborder betätigen. Ein paar der Wilden lassen Pfeile flitzen, die gerade noch mal harmlos ins Wasser klatschen.
Diese Eingangsszene von Marco Bechis Spielfilm "Birdwatchers – Das Land der roten Menschen" trieft vor bitterem Humor. Was wir aber erst merken, als die Kamera uns zeigt, wie die Indianer abmarschieren, sich ein wenig umziehen, zu den hinter Bäumen geparkten Autos der Reiseveranstalter gehen, um ihr Handgeld in Empfang zu nehmen. Sie agieren als Statisten weißer Träume, sie führen ein Klischee von Ursprünglichkeit und Gefährlichkeit vor, das mit ihrem Alltag nichts zu tun hat.
Nur wird die italienisch-brasilianische Koproduktion "Birdwatchers" dann alles andere als eine verschmitzte Komödie über pfiffige Indios, die gelernt haben, die weißen Besserwisser auszutricksen. Im Gegenteil, "Birdwatchers" stellt die Frage, ob diese Indios nicht jede Stunde ihres Lebens Statisten geworden sind, und ob man ihnen nicht sogar diesen Status nehmen will.
Marco Bechis, ein Italiener, dessen Mutter aus Chile stammt, kann unangestrengt die großen Konflikte in glaubhafte, prägnante Bilder packen. Wir sehen, wie die Indios mit ihrer Lebensart, ihrem Denken, ihren bescheidenen Ansprüchen nur noch stören in einer Welt unbescheidener Planungen. Die Wildnis, von der sie nomadisierend gelebt haben, wird Zug um Zug umgewandelt in Acker- und Bauland, in Schürfgebiete und Sperrzonen.
Mit "Garage Olimpo" (1999) über die Folterpraktiken nicht nur der argentinischen Militärdiktatur hat Bechis einen der großen Filme der 90er Jahre geliefert. "Birdwatchers" hat mit diesem Vorgänger etwas gemeinsam: ein Gespür für Wahrhaftigkeit. Bechis kann pointiert inszenieren, ohne die Szenen als dramaturgische Kunststückchen erscheinen zu lassen. Seine Bilder vom Leben und Sterben, vom Kämpfen und Geschmähtwerden der Indios zeigen bedrückend unaufgeregt das Empörende. Sein Film steht in der großen Tradition eines Kinos, das verunsichern und verstören will: Wie viel von dem, was wir über die Welt denken, ist so falsch wie die Urlaubseindrücke der Touristen, die Wilde filmen dürfen?
Bewertung: 4 von 5 Sternen
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