Film-Kritik: "Little Children": Bedrückende Vorstadtsatire
VON FRANK NOACK - zuletzt aktualisiert: 27.04.2007 - 18:06(RP). Wenn bei der Oscar-Verleihung die Darstellerpreise vergeben werden, sind die Kandidaten noch einmal kurz in einem Filmausschnitt zu sehen. Meist wird für diesen Anlass ein dramatischer Moment gewählt: Wut, Verzweiflung, Hysterie. Als Kate Winslet mit „Little Children“ an der Reihe war, hinterließ der Ausschnitt Ratlosigkeit bei allen, die den Film nicht kannten. Denn sie hat als Sarah Pierce keinen großen Moment, den man herausstellen könnte. Um ihre erstaunliche Leistung zu würdigen, muss man den Film komplett sehen. Es lohnt sich.
Sarah Pierce ist eine Frau voller Widersprüche, die man nicht jeder Darstellerin abnehmen würde. Sie ist bieder und weltoffen, hausbacken und sexy, eine liebevolle, manchmal auch nachlässige Mutter. Man muss dieser Frau glauben, dass sie leidlich zufrieden an der Seite eines langweiligen Ehemannes lebt. Man muss zugleich nachvollziehen, dass der attraktivste Mann am Ort, der ebenfalls verheiratete Brad (Patrick Wilson), eine Affäre mit ihr beginnt.
Kate Winslet ist in allen Stadien ihrer Rolle glaubhaft, und das ohne erkennbare Anstrengung. Diese Frau landet in einer Kleinstadt im US-Bundesstatt Massachusetts, dem Schauplatz der letzten Hexenprozesse. Der Puritanismus lebt noch. Sarah wird von den anderen Müttern wie ein ungehorsames Kind behandelt, nur weil sie einmal vergessen hat, ihrer Tochter das Frühstück einzupacken.
Regisseur Todd Field macht aus diesem Kontrast zweier Welten eine amüsant-gruselige Kleinstadtsatire. Später kommen Elemente des Horrorfilms und der Tragödie hinzu. Nach fast einer Stunde hat Ronnie (Jackie Earle Haley) seinen ersten Auftritt. Der pädophile Exhibitionist betritt das überfüllte Freibad. Ungeniert springt der kleine, hagere Mann mit Halbglatze ins Schwimmbecken, lacht den Kindern zu, taucht einfach unter ihnen hinweg. Die Eltern kennen den Mann bisher nur von Fahndungsfotos. Als sie ihn bemerken, bricht Panik aus. Todd Field zitiert an dieser Stelle ganz bewusst den „weißen Hai“.
So hervorragend ist dieser Film im Detail, dass man seine Schwächen hinnehmen kann. Er ist thematisch überladen. Sarah besucht einen Lesekreis, in dem über „Madame Bovary“ diskutiert wird; die Parallelen zu ihrem eigenen Verhalten wirken aufgesetzt. Man bekommt keine exakte geografische Vorstellung von der Stadt, in der die Handlung spielt, und wundert sich: Da Brad und Sarah fast täglich gemeinsam ausgehen, müsste doch über sie getratscht werden und die betrogene Ehefrau (Jennifer Connelly) etwas mitbekommen. Eine Erzählerstimme kommentiert das Geschehen, um plötzlich zu verstummen; hätte man den Erzähler nicht gleich weglassen können? Das facettenreiche Spiel von Kate Winslet hat keinen Kommentar nötig.
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