| 20.15 Uhr
"Hyde Park am Hudson" jetzt im Kino
Bill Murray spielt US-Präsident Roosevelt
Fotos aus dem Film "Hyde Park am Hudson"
Fotos aus dem Film "Hyde Park am Hudson" FOTO: Tobis
Düsseldorf. King George VI., der Vater von Königin Elizabeth II., mausert sich mehr als sechzig Jahre nach seinem Tod zum Filmstar. Nach Auftritten in "The King's Speech" und in "W. E." hat die Monarchen-Figur jetzt in der Komödie "Hyde Park am Hudson" eine tragende Rolle. Von Dorothee Krings

Man könnte den 32. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika für einen harmlosen Kauz halten, wie er da im Halbdunkel in seiner Studierstube sitzt, die Lupe in der Hand, seine Briefmarkensammlung auf dem Schreibtisch.

In seinen Vorzimmern ist die Hölle los, große schwarze Telefone klingen, Sekretärinnen schwirren umher, die Welt steht kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, die USA sind als Bündnispartner gefragt. Doch Franklin D. Roosevelt hat seine leicht verhärmte Cousine Daisy zum Tee einbestellt, wird ein wenig mit dem alten Mädchen flirten – das beruhigt, das schafft den Abstand zur Welt, den ein großer Staatsmann braucht.

So eine Rolle ist gemacht für Bill Murray. Dieser Schauspieler kann so lange seelenruhig in die Kamera blicken, bis die in die Knie geht. Er kann banale Sätze mit Ironie aufladen, nur indem er sie genüsslich ausspricht, Wort um Wort. Dann schimmert hinter all der gespielten Harmlosigkeit, der zelebrierten Stoik, diese innere Belustigung hervor, dieses Amüsement über die eigene Rolle, das gediegene Souveränität verrät – und einen wahren Komiker.

Ein leicht mäandernder Film

So hat Murray aus einem blasierten Reporter in "Und täglich grüßt das Murmeltier" einen Don Quijote der modernen Zeit gemacht. Und in "Lost in Translation" aus einem abgehalfterten Filmstar zu Besuch in Japan einen melancholischen Liebhaber. Und so macht er jetzt in "Hyde Park am Hudson" aus Franklin D. Roosevelt, dem US-Präsidenten im Rollstuhl, dem Sozialreformer des New Deal, einen großzügigen, warmherzigen, und fuchsschlauen Staatsmann.

So ist "Hyde Park am Hudson" – benannt nach dem Geburts- und Rückzugsort Roosevelts in der Nähe von New York – kein Historienstück geworden, das in Ausstattung erstarrt, sondern ein leicht mäandernder Film, der sich lakonische Längen leistet, auch ein wenig Slapstick, Situationskomik, Figurenüberzeichnung und so zur Komödie wird, die eigenwillig leichthin aus schweren Zeiten erzählt.

Die Kulisse der Geschichte ist ja durchaus düster: Weil der Krieg mit Nazi-Deutschland droht, hat sich das britische Königspaar, Georg VI. und seine Frau Elizabeth, in die USA aufgemacht. Der Throninhaber will sich der Verbundenheit mit Roosevelt versichern.

So trifft britischer Hochadel auf neue Welt, ein junger König wider Willen auf einen alten Demokraten. Aus dieser historischen Begebenheit macht Regisseur Roger Michell ("Notting Hill") vordergründig eine hübsche Episode über das Aufeinanderprallen zweier Kulturen. "Das Volk hat mich nicht gewollt", sagt Georg VI. am ersten Abend des Staatsbesuchs auf Roosevelts Landsitz, als ein paar Cocktails dem stotternden Monarchen die Zunge gelöst haben. "Ich wusste gar nicht, dass Könige gewählt werden", erwidert der Präsident.

Lakonik-Meister Bill Murray

Doch sein Lachen ist nicht boshaft, sondern väterlich. Auch Roosevelt kennt die Lasten eines Amtes und die Ansprüche der Öffentlichkeit, er trägt sie nur amerikanisch-sportlich, behandelt die Fotografen vor seinem Haus wie Kumpel, handelt mit ihnen Regeln aus. Keine Fotos beim Schwimmen zum Beispiel.

Doch nebenher erzählt dieser Film auch eine Liebesgeschichte. Oder vielmehr die abgründige Geschichte eines mächtigen Mannes, dem eine Frau zu wenig war. Geheiratet hat er eine gebildete, selbstbewusste höhere Tochter, die zur Feministin wurde, Kolumnen schrieb, mit Freundinnen eine Möbelfabrik betrieb.

Eleanor Roosevelt war keine Frau, die ihren Platz an der Seite eines Mannes gesehen hätte. Dem Präsidenten ist sie eine ebenbürtige Partnerin, aber der sehnt sich auch nach einem anderen Frauentyp. Und so wird Daisy zum Tee geladen.

Laura Linney spielt diese Cousine wie eine leicht naive, chronisch unterschätzte Gouvernante, stattet sie aber auch mit herber Würde aus und lässt die Zuschauer ahnen, dass diese Frau im Herzen sehr viel freizügiger ist, als ihre gesellschaftliche Rolle es ihr zugesteht. Eine tragische Figur also, eine, die bittere Wendungen durchleben muss, doch legt es der Film eben nicht auf pathetisches Drama an, sondern erzählt mit erwachsenen Gelassenheit, mit Witz und Toleranz.

So gibt das Spiel des Lakonik-Meisters Bill Murray den Ton vor für einen tragisch-heiteren Film über einen Präsidenten, geschickten Diplomaten und selbstgerechten Liebhaber. Das Urteil überlässt er dem Zuschauer. Und der darf auch so frei sein, keines zu fällen.

Drei von fünf Sternen

Quelle: RP/csr/sap/ac
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