Thriller "Shotgun Stories" mit Michael Shannon: Blutige Rache der misshandelten Söhne
VON FRANK NOACK - zuletzt aktualisiert: 08.10.2009 - 08:29(RP). Wenn ein Film von Rache handelt, ist er in der Regel laut und mitreißend, schließlich soll der Zuschauer die Gefühle des Rächers nachempfinden. Nichts packt so sehr wie eine Schandtat gleich zu Beginn und die darauf folgende Jagd auf die Übeltäter.
Jeff Nichols hat sich bei seinem ersten Langfilm "Shotgun Stories" für das Gegenteil entschieden. Seine Geschichte trägt Züge einer antiken Tragödie. Ein übermächtiger Vater, mit dessen Tod die Handlung einsetzt, hat die Kinder aus seiner ersten Ehe misshandelt. Geläutert durch eine Therapie oder eine Gefängnisstrafe – der Film hält sich mit genauen Informationen bewusst zurück – , hat er wieder geheiratet und ist ein vorbildlicher Christ geworden, geliebt und verehrt von den Kindern, die er mit seiner zweiten Frau gezeugt hat.
Spirale der Gewalt
Die Kinder aus der ersten Ehe, die so nichtssagende Namen wie Son, Boy und Kid erhalten haben, erscheinen zur Beerdigung, um den Vater zu verfluchen. Das lassen sich Cleaman, Mark, Stephen und John, die Kinder aus der zweiten Ehe, nicht gefallen. Man bedroht sich gegenseitig, erst muss ein geliebter Hund dran glauben, dann schlagen sich zwei Halbbrüder gegenseitig tot. Diese Spirale der Gewalt beobachtet der Regisseur distanziert, ohne schnelle Schnitte oder aufpeitschende Musik. Er betont die Idylle der Landschaft: "Shotgun Stories" spielt auf den Baumwollfeldern und Landstraßen im US-Bundesstaat Arkansas. Die Menschen reden wenig und arbeiten hart. Und erscheinen doch nicht wie grobe Skizzen, sondern als lebendige Typen, in deren Mienen sich alles widerspiegelt, was das Leben in solcher Umgebung ausmacht.
Die beiden Ehefrauen des toten Vaters leben noch; rachsüchtig die eine, um Versöhnung bemüht die andere. In einem traditionellen Hollywoodfilm würde wenigstens eine dieser Frauen aktiv werden und die Fehde beenden. Nicht so bei Jeff Nichols. Er verzichtet auf jeden Knalleffekt, den brutalen ebenso wie den sentimentalen. Sein Film findet einen eigenen Weg.
Michael Shannon, zuletzt als depressiver Nachbar von Kate Winslet und Leonardo DiCaprio in "Zeit des Aufruhrs" zu sehen (und als bester Nebendarsteller für einen Oscar nominiert), liefert eine faszinierende Darstellung als Son.
Ein schwermütiger Mann, träge und schweigsam, aber mit einem hellwachen Blick, wie ein Tiger auf dem Sprung. Der Rücken von Son ist mit Beulen übersät, weil sein vater einst mit der Schrotflinte auf ihn geschossen hat. Man möchte mehr darüber erfahren, doch die im Titel versprochenen "Shotgun Stories" (Schrotflinten-Geschichten) bleiben ein Familiengeheimnis.
Bewertung: 4 von 5 Sternen
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