Kino-Kritik: Blutige Spur durch Texas
VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 28.02.2008 - 09:26Düsseldorf (RP). Der Mann mit der idiotischen Topffrisur ist höflich, bevor er tötet. Mit ruhiger Stimme bittet Anton Chigurh sein Opfer, den Kopf stillzuhalten. Dann setzt er das Bolzenschussgerät, mit dem Schlachter sonst Rinder töten, auf die Stirn des Mannes und drückt ab. Kein Knall. Fast lautlos stößt der Bolzen in den Schädel.
Erst als dem Opfer ein dunkler Blutschwall aus dem Kopf schwappt, ist dem Zuschauer klar, was er gerade bezeugt hat: einen leisen Mord, verübt an einem, der zufällig vorbeifuhr, ausgeführt von einem, der gerade ein Auto braucht. Vor solchen Menschen hat man nicht nur Angst, weil sie töten, sondern weil sie dabei nichts empfinden.
Vier Oscars hat „No Country for Old Men” den Coen-Brüdern gerade eingebracht. Was wohl daran liegt, dass an diesem Film alles stimmt: Das Drehbuch nach der Roman-Vorlage von Cormac McCarthy, in dem kein Wort zu viel steht und trotzdem keine Nuance fehlt. Die Darsteller, die die Coens für ihre seltsam stoischen Figuren gefunden haben. Die Bilder aus dem kargen Texas, in das diese Geschichte hineingeschrieben ist. Mal gönnen die Coens der Kamera den weiten Blick für die Landschaft, mal rücken sie schmerzlich dicht heran an all die blutige Wunden in diesem Film.
Und immer wieder gelingen ihnen diese großen Kinomomente, da ein Bild eine ganze Szene erzählt und so sehr trifft, dass man es nicht wird vergessen können. Etwa als die Coens die Kamera von oben auf einen herabblicken lassen, der gerade erwürgt wird. Da zeigen sie nicht seinen Hals, sondern die Füße im zappelnden Todeskampf und dann die schwarzen Striche, die seine Absätze auf dem Boden hinterlassen. Klar und grausam sind diese Bilder. Sie führen die Welt nicht als Chaos vor, sondern als übersichtliche Hölle.
Doch wie schon bei „Blood Simple“ und „Fargo“ ist das gedrosselte Tempo der eigentliche Reiz des neuen Coen-Werks – diese Langsamkeit, die in den guten Momenten lakonisch wirkt, in den bösen nur noch entsetzlich. Weil Schicksal, das gebremst seinen Lauf nimmt, noch gnadenloser wirkt, noch unaufhaltsamer. Dabei erzählt der Film eigentlich von einer Verfolgungsjagd, es könnten also munter die Reifen quietschen.
Doch so viel Zerstreuung gönnen die Coens uns nicht. Sie exekutieren ihre Geschichte, zielstrebig, schnörkellos. Es ist die Geschichte des einfachen Hobbyjägers Llewellyn Moss (Josh Brolin), der auf einem seiner Streifzüge in der Wüste ein grausames Stillleben entdeckt: Trucks von Kugeln durchsiebt, auf einer Ladefläche kiloweise Heroin, davor die Leichen der Männer, deren Geschäft hier danebenging.
Erschreckend unbeeindruckt untersucht Moss den Tatort und findet einen Koffer mit 2,4 Millionen Dollar. Er nimmt das Geld und begeht Stunden später den Fehler seines Lebens. Moss kehrt in die Wüste zurück, wird entdeckt und muss fortan fliehen, vor dem sturen Killer Chigurh (Javier Bardem) und einem dienstmüden Sheriff, der immer erst zum Tatort findet, wenn Chigurh seine Bolzen schon verschossen hat. Und dann hat Moss auch noch eine junge Frau, die den ganzen Schlamassel nur ahnt und spät Spielball wird.
Doch eigentlich geht es nur um diese beiden: den psychopathischen Killer und den einfachen Cowboy. Und um die Zähigkeit, mit der beide um die Millionen kämpfen. Und darum ist dieser Film durchaus ein Western, denn es geht um Existenzen, um das Kräftemessen unter Männern, ums Duell. Nur, dass keine Saloon-Fassaden diesen Wahnsinn begrenzen.
Vielmehr hört der Zuschauer gleich zu Beginn des Films, als noch keine Leichen in der texanischen Landschaft liegen, die müde Off-Stimme des Sheriffs. Der erzählt von einem Jugendlichen, der ein Mädchen umbrachte, weil er töten wollte, nicht aus Leidenschaft. Auch als dieser Sheriff (Tommy Lee Jones) dann durch den Film spaziert, berichtet er von solchen Fällen zielloser Gewalt. Er zitiert sie aus der Zeitung, aus dem Fernsehen, dem Gedächtnis. Und auf einmal ist Chigurh kein Einzeltäter mehr, kein skurriler Psychopath mit gestriger Frisur, sondern Ausgeburt einer verkommenen Zeit.
Trotzdem ist „No Country for Old Men“ kein politischer Film. Er forscht nicht nach Ursachen, verteilt keine Schuld. Die Coens setzen nur perfekt in Szene, was sie mit demTitel des Films, einer Zeile aus einem Yeats-Gedicht, schon vorausschicken: Das ist kein Land für Alte, kein Land, in dem Ruhe zu finden wäre. Davon trotzdem mit kalter Langsamkeit zu erzählen, ohne je Längen zu riskieren, ist die bittere, große Kunst der Coens.
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