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Kino-Kritik: Böses Märchen aus der Provinz

VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 08.05.2008 - 10:43

Düsseldorf (RP). Am Anfang sieht es so aus, als könnte „Freischwimmer“ ein Lieblingsfilm werden. Ein Junge verliebt sich, unglücklich natürlich, aber er kämpft, und das nicht ohne Wirkung, so was sieht man gern. Schön ist auch, dass das Ganze in der deutschen Provinz spielt, endlich mal wieder Provinz, in der Eifel könnte das sein oder weiter im Süden, endlich mal nicht Berlin Mitte oder Prenzlauer Berg.

Verliebt in das schönste Mädchen der Schule: Frederick Lau als Rico und Alice Dwyer als Regine in dem deutschen Gruselfilm: „Freischwimmer“.  Foto: Novapool
Verliebt in das schönste Mädchen der Schule: Frederick Lau als Rico und Alice Dwyer als Regine in dem deutschen Gruselfilm: „Freischwimmer“. Foto: Novapool

Das Städtchen und die Landschaft haben diese Märklin-HO-Anmutung, verhutzelt und farbsatt, bisschen geheimnisvoll, Auenland mit Abgründen. Und dann spielt Devid Striesow, der Devid Striesow aus „Yella“ und „Lichter“, einen so umwerfend fiesen Sportlehrer, so von zwischen den Beinen her, so unterste Kiste, dass man sich nach Ende des Films erwischt, wie man auch ein bisschen schauspielert und das Ekel zu geben versucht, nur so für sich allein.

Es geht in „Freischwimmer“ um Rico, den Sohn der Apothekerin, die nach dem Tod ihres Mannes mit dem Sportlehrer turtelt. Rico trägt ein Hörgerät, ist ein Einzelgänger in der Schule, und zu Hause fühlt er sich nicht mehr wohl. Aber Rico ist verliebt, das gibt ihm Kraft, in Regine, die Haare sehr blond, die Lippen sehr rot. Regine ist leider mehr für Robert, das Sport-As. Und als Robert stirbt, weil er sehr hastig ein eigentlich für Rico bestimmtes Stück Kuchen, genauer: einen Liebesknochen, gegessen hat, gerät Rico unter Verdacht.

Das ist eine ungewöhnliche Krimigeschichte, die sich da zwischen Fachwerk und Kopfstein entwickelt. Regisseur Andreas Kleinert drehte die letzten Schimanski-Folgen für den „Tatort“, nun zitiert er die Brüder Grimm, lässt den Wald rauschen, deutet auf E.T.A Hoffmanns Automaten-Menschen, wird faustisch. Leitmotivisch taucht immer mal wieder ein Reh auf, aber es bringt Pech, und deshalb wird es erschossen. Das alles erzählt Kleinert mit einer Leichtigkeit, mit einem bösmärchenhaften Grusel, der verblüfft und der einen schaudern lässt. Kleinert gönnt sich ab und an einen Schock, der die Kleinstadt-Idylle erschüttert – Kino, vergnüglich wie die erste Geisterbahn-Fahrt.

Auch die Schauspieler haben offenbar Spaß an der Sache. Jürgen Tarrach ist der Schuldirektor des Gymnasiums und zeigt mit wenigen Gesten, allein mit der Körperhaltung eigentlich sogar, dass dieser Mann komplett überfordert ist. Und Fritzi Haberlandt ist die lilienhafte Musiklehrerin, eine, die sich gern hingeben würde, aber abgestoßen wird, eine Sanfte, eine Pädagogin aus Berufung. Sie hat vielleicht als einzige eine Seele in diesem Figuren-Ensemble, aber die wird ihr am Ende geraubt.

Leider, irgendwann will Kleinert zu viel, ihm reicht das alles nicht, er mag es nicht mehr geradeaus. Er will David Lynch sein, der Meister des Surrealen, der Kino-Verrätseler und Bilder-Dichter und Sinn-Verdieschachteler, aber er ist es nicht. Rico freundet sich mit Deutschlehrer Wegner an, der von August Diehl mit Heinzelmann-Habitus gegeben wird. Wegner ist ein Gestörter, das weiß nur noch niemand, er gestaltet Puppen nach menschlichem Vorbild, „denn ein gutes Modell ist besser als ein schlechter Mensch“, dann zerstört er sie. Wegner und Rico, sie bauen nun Regine nach, die Schöne, das Idol. Die Stimmung, die bisher zwischen heiter und morbid changierte, kippt ins Düstere – Puppenstuben-Splatter.

Für seinen Wunsch, aus „Freischwimmer“ eine deutsche Variante von „Blue Velvet“ zu machen, vernachlässigt der Regisseur einzelne Handlungsstränge, die dem Film Reiz gaben: die Beziehung von Apothekerin und Sportlehrer etwa, das feierabendliche Beisammensein der Lehrer, die Dorferzählung. Den unschuldigen Rico verdirbt die Leidenschaft, es gibt Tote, Blut fließt, und zu alledem singt der Schulchor „Die Gedanken sind frei“. Der Film zieht sich wie ein überambitionierter „Tatort“, da fällt auch die raffinierte Schlusspointe nicht weiter ins Gewicht. Was bleibt, ist Enttäuschung. Und die Hoffung auf den nächsten Film mit Devid Striesow.


 
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